Comac C919: Dieses chinesische Flugzeug soll Airbus und Boeing Konkurrenz machen
Peking, Frankfurt. Als „majestätisch im Himmel“ bewirbt der Moderator die erste Präsentation des chinesischen Mittelstreckenflugzeugs C919 vor internationalem Publikum auf der Flugschau in Singapur. Über dem Luftwaffenstützpunkt Changi dreht der Schmalrumpfjet einige Runden im blau-weißen Himmel.
Die Führung von Comac, kurz für Commercial Aircraft Corp of China, darf in Singapur auf große Aufmerksamkeit hoffen. Fünf Flugzeuge zeigt das Unternehmen auf der wichtigen Messe. Die etablierten Wettbewerber sind nur mit halber Kraft vor Ort.
Comac ist nicht der erste Anbieter, der Airbus und Boeing im Kurz- und Mittelstreckenbereich herausfordern will, den die Hersteller mit ihren populären Maschinen A320 und B737 dominieren. Dennoch könnte die C919 das bisher größte Potenzial haben, Airbus und Boeing Marktanteile abzuringen.
Comacs Heimatmarkt ist groß
Vor allem, weil Comacs Heimatmarkt China einer der größten Luftfahrtmärkte der Welt ist. Über 2000 Kurz- und Mittelstreckenjets von Airbus und Boeing sind hier unterwegs, viele davon müssen früher oder später ersetzt werden.
Boeing und Airbus hoffen, dass Chinas Airlines ihnen treu bleiben. Airbus hat unter anderem deshalb sogar ein Werk in Tianjin gebaut. Doch die staatlichen Fluggesellschaften dürften von der chinesischen Staatsführung dazu angehalten werden, bei ihren Bestellungen auch den heimischen Hersteller Commercial Aircraft Corp of China zu berücksichtigen. Nicht ohne Grund betont Airbus-Chef Guillaume Faury immer wieder, China sehr ernst zu nehmen.
Für die Chinesen ist die C919 ein nationales Prestigeobjekt. Staats- und Parteichef Xi Jinping pries den vom Staatskonzern Comac entwickelten Schmalrumpfjet als „Meilenstein für das Streben seines Landes nach Selbstbestimmung“. Angesichts der geopolitischen Spannungen allen voran mit den USA und zunehmender wechselseitiger Sanktionen dringt Xi darauf, die chinesische Wirtschaft unabhängiger vom Ausland zu machen.
Außen chinesisch, innen amerikanisch
Allerdings stammen viele Schlüsselkomponenten des Flugzeugs von westlichen Herstellern, insbesondere aus Frankreich und den USA. Die Triebwerke kommen vom französisch-amerikanischen Produzenten CFM International. Weitere Zulieferer sind GE, Honeywell, Parker Aerospace und das deutsche Familienunternehmen Liebherr. Sie liefern das Fahrwerk und das Luftmanagementsystem.
Als „kleine, aber symbolische Herausforderung des Duopols von Boeing und Airbus“ bezeichnete Scott Kennedy, China-Experte des US-Thinktanks Center for Strategic and International Studies (CSIS), angesichts der zahlreichen ausländischen Bauteile deshalb das Flugzeug. Die C919 sei „innen ein amerikanisches Flugzeug und außen ein chinesisches Flugzeug“. In China reagiert man auf derartige Hinweise allerdings allergisch.
Die Markteinführung der C919 hatte sich lange verzögert. Comac startete die Entwicklung bereits im Jahr 2008, die Produktion folgte 2011. Die offizielle Zulassung erhielt der Hersteller jedoch erst im September 2022. Im Mai vergangenen Jahres fand der kommerzielle Erstflug statt. „Nach Generationen von Bemühungen haben wir endlich das Luftfahrtmonopol des Westens gebrochen“, jubelte damals die Zeitung „Beijing Daily“.
Bislang sind allerdings erst vier der Maschinen im kommerziellen Einsatz. Die Fluggesellschaft China Eastern bedient damit die Strecke Shanghai und Chengdu sowie seit Januar auch Peking und Shanghai.
Zum chinesischen Neujahrsfest vergangene Woche, traditionell die wichtigste Reisezeit in China, hatte die Airline Sonderflüge mit der C919 angeboten. „Die heimische C919-Flotte dient dabei, die Reisewelle zum chinesischen Mond-Neujahrsfest zu bewältigen“, schrieb die Zeitung „Global Times“, die von der Kommunistischen Partei herausgegeben wird.
Je mehr Jets im Einsatz sind, desto mehr Erfahrungen sammelt der Hersteller. Das ist wichtig. Denn Fluggesellschaften achten beim Kauf neuer Modelle sehr auf die Betriebs- und die Wartungskosten. Bei Airbus und Boeing können sie diese aufgrund der jahrelangen Beziehungen kalkulieren. Bei einem völlig neuen Anbieter fällt das schwer. Allerdings sind die Auftragsbücher der beiden etablierten Hersteller bis zum Ende des Jahrzehnts gefüllt, entsprechend lang sind die Wartezeiten für interessierte Fluggesellschaften.
Duopol von Airbus und Boeing bislang ungebrochen
Bisherige Versuche, das Duopol von Airbus und Boeing im Kurz- und Mittelstreckenbereich zu brechen, waren wenig erfolgreich. Vor Jahren hatte schon Bombardier aus Kanada mit der C-Series versucht, das lukrative Mittelstreckensegment zu besetzen, und wäre daran beinahe zugrunde gegangen. Heute wird der Jet als A220 von Airbus gebaut.
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Die brasilianische Embraer baut seit 2002 ihre E-Familie. 2039 Exemplare des Jets wurden bisher bestellt, 272 müssen noch ausgeliefert werden. Doch im Vergleich etwa zur A320-Familie von Airbus sind das kleine Stückzahlen. Über 7700 dieser Flugzeuge warten noch darauf, produziert zu werden. Die Fabriken des Unternehmens sind bis 2030 ausgelastet.
Comac-Chef He Dongfeng gab im September vergangenen Jahres bekannt, dass bislang 1061 Bestellungen für die C919 bei dem Unternehmen eingegangen seien. In Singapur hofft der Konzern auf weitere Aufträge. Am Dienstag verkündete der Hersteller, dass Tibet Airlines, eine Tochter des Staatskonzerns Air China, 40 Maschinen des Typs C919 geordert habe.
Comac will in den nächsten drei bis fünf Jahren mehrere Billionen Yuan investieren, um die Produktionskapazitäten für die C919 auszuweiten, berichteten chinesische Medien im Januar mit Verweis auf einen Mitarbeiter des staatlichen Flugzeugherstellers. Zuletzt hatte die chinesische Luftfahrtbehörde erklärt, noch in diesem Jahr die Zulassung der C919 durch die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) anzustreben. Der Prozess dafür läuft bereits seit dem Jahr 2018.
Denn für einen Verkauf außerhalb von China muss noch ein Problem gelöst werden. Bisher hat das Flugzeug nur die Zulassung der chinesischen Behörden. Kein anderes Land sonst hat den Jet zertifiziert. Vor allem in Europa und den USA dürfte es noch einige Jahre dauern, bis die C919 auch hier fliegen darf. Nach zahlreichen Pannen bei Boeing schauen die Luftfahrtbehörden derzeit sehr genau hin, wenn es um die Zulassung neuer Flugzeuge geht. In den USA ist der Handelsstreit mit China eine zusätzliche Hürde.
Neben China ist Afrika ein potenzieller Markt für die C919. China unterhält zu vielen Ländern in der Region enge Beziehungen. Auch hier könnte die Staatsführung dabei helfen, die C919 zu vermarkten. Airlines in Äthiopien und Nigeria haben zum Beispiel schon vor Längerem ein grundsätzliches Interesse an dem Jet bekundet.
Erstpublikation: 20.02.2024, 11:40 Uhr