Best Laywers Special: Höhenflug gestoppt – Eine Kanzlei auf Orientierungssuche
Düsseldorf. Die US-Topkanzlei Latham & Watkins hat in den vergangenen Jahren Rekordzahlen erreicht: Allein 2023 steigerten ihre vier deutschen Büros den Umsatz um 13 Prozent und markierten mit 225 Millionen Euro eine neue Bestmarke. Rund 1,37 Millionen Euro setzte jeder Latham-Jurist hierzulande rein rechnerisch um – auch das ist ein neuer Bestwert. Kaum ein Wettbewerber war so profitabel.
In Deutschland gilt Latham als die Herausforderin der Kanzleien an der Marktspitze, zu denen Freshfields Bruckhaus Deringer, Hengeler Mueller und Gleiss Lutz gehören. Auf Gesamtsicht liegt Latham gemessen am Umsatz auch international mit vorn: Mit 5,7 Milliarden Dollar ist sie hinter Kirkland & Ellis weltweit die Nummer zwei.
Zuletzt musste die Kanzlei aber einige Rückschläge hinnehmen. Latham verlor hierzulande ein angesehenes Restrukturierungsteam an die US-Konkurrentin Willkie Farr & Gallagher und das kaum minder renommierte Kapitalmarktrechtsteam an White & Case.
Gut zwei Monate später gab Tobias Larisch, einer der beiden bisherigen Deutschlandchefs, seinen Abschied bekannt. Der bekannte Experte für Fusionen und Übernahmen (M&A) sowie Gesellschaftsrecht baut nun für die bisher nur in München präsente US-Konkurrentin Kirkland ein Büro in Frankfurt auf.
Mehr als zehn Prozent des deutschen Teams verloren
Burc Hesse, der verbliebene Deutschlandchef der Kanzlei, gibt sich trotz der Verluste entspannt: „Solche Abgänge kommen vor. Auch Mitbewerber verstärken sich, der Wettbewerb für Top-Anwälte wird sicher nicht weniger.“
Allerdings kannte die Kanzlei personelle Verluste dieses Ausmaßes bis dato nicht. Zusätzlich zu den Spitzenkräften sind auch rund 20 der etwa 170 Anwältinnen und Anwälte gegangen, also mehr als zehn Prozent des gesamten deutschen Teams.
Intern war die Verunsicherung groß. Das liegt auch daran, dass Leistungsträger und Identifikationsfiguren gegangen sind. Manche Anwälte fürchteten, dass nach dem Abschied der Hamburger Restrukturierer das dortige Büro zur Disposition stehen könnte – die Kanzlei musste beruhigen.
Die Abgänge sind ein Indiz, dass einige Anwälte offenbar Zweifel haben, ob die Kanzlei strategisch richtig aufgestellt ist und auch künftig ähnlich erfolgreich wie in den vergangenen Jahren sein kann.
Der Aufbruch begann für Latham vor gut acht Jahren. „Wir wollen bis an die absolute Spitze vordringen“, sagte der damalige Kanzleimanager Oliver Felsenstein. Felsenstein, einer der angesehensten Anwälte für Private-Equity-Deals war erst ein Jahr zuvor von Clifford Chance als Deutschlandchef gekommen.
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Latham warb daraufhin in strategisch wichtigen Rechtsgebieten zahlreiche Topleute von Wettbewerbern ab. Die M&A-Anwälte Rainer Traugott und Nikolaos Paschos kamen von Linklaters, Tobias Larisch von Freshfields. Ebenfalls von Freshfields wechselte der Kartellrechtler Michael Esser, ein Kapitalmarktteam um Oliver Seiler von Allen & Overy.
Das sorgte für Aufbruchstimmung, erinnert sich ein langjähriger Latham-Partner: „Wir waren angriffslustig, sehr hungrig auf noch mehr Erfolg. Die Neuen haben diesen Geist deutlich verstärkt und in der Mehrzahl wirklich gut gepasst.“ Mit den neuen Spitzenkräften und dem weltweiten starken Netzwerk im Rücken sicherte Latham sich immer lukrativere Mandate, darunter große Deals, komplexe Finanzierungen sowie Restrukturierungen.
Nicht nur der Umsatz wurde seit Anfang 2016 mehr als verdoppelt. Auch der Umsatz pro Berufsträger, der wichtigste Indikator für die Produktivität einer Kanzlei, legte um fast hundert Prozent zu. Während früher jeder Vollzeit tätige Latham-Anwalt etwas mehr als 700.000 Euro erwirtschaftete, waren es zuletzt eben rein rechnerisch rund 1,37 Millionen Euro.
Wendepunkt vor eineinhalb bis zwei Jahren
Doch vor rund eineinhalb Jahren begann es zu knirschen, berichten mehrere Kanzleiinsider. So hätten einige etablierte Kräfte das Tempo nicht mehr ganz mithalten können oder wollen.
„Das veränderte die Stimmung“, sagt jemand, der heute nicht mehr bei Latham ist. Die Kanzlei sei politischer, opportunistischer geworden. Seilschaften hätten sich gebildet. Manchen sei es in erster Linie darum gegangen, die hohen Partnervergütungen abzusichern – auch wenn die eigene Leistung nachgelassen habe.
„Ja, die Kanzleiführung ist an einzelne Partner herangetreten, die dann auch Einbußen bei der Vergütung in Kauf nehmen mussten. Aber es gibt auch noch genügend, bei denen Leistung und Vergütung auseinanderfallen“, kommentiert ein anderer, der mit der Entwicklung ebenfalls unzufrieden war.
Ein Kenner der Kanzlei sieht einen weiteren Grund für die personellen Rückschläge: „Die Karrierewege für jüngere, erfolgreiche Anwälte wurden verstopft, um etablierte Partner zu schützen, selbst wenn deren Leistung nicht adäquat war.“
Die Kanzleiführung tritt Vorwürfen über eine verschlechterte Stimmung, ein Auseinandergehen von Leistung und Vergütung und verstopfte Karrierewege für jüngere Anwälte entgegen. „Unser Erfolg auf dem Markt und bei der Förderung junger Talente spricht für sich. 2024 war bisher ein sehr starkes Jahr und wir sind sicher, dass die besten Jahre noch vor uns liegen“, sagt Oliver Felsenstein.
Dazu werde „gerade auch die jüngere Generation“ beitragen: „Es gibt wohl keine andere Kanzlei, bei der sich so viele junge Partner bereits einen Namen im Markt gemacht haben, und hochkarätige Mandate für weltweit führende Unternehmen, Private-Equity-Firmen und Finanzinstitute übernehmen,“ so der frühere Managing Partner, der heute das Führungsgremium der Kanzlei berät.
Ein weiteres Problem sehen Beobachter in der mangelhaften Kommunikation der Kanzleiführung. Es sei nicht klar, wohin die Kanzlei strebe. Unklar sei etwa, ob man sich in einem eher wachstumsschwachen Markt wie Deutschland mit den profitabelsten Kanzleien wie der US-Konkurrentin Kirkland & Ellis messen will. In diesem Fall reiche es aus, sich mit weniger Anwälten stärker auf lukrative Mandate zu fokussieren.
Eine Alternative wäre es, führenden Kanzleien mit breitem Angebot wie Clifford Chance oder Freshfields nachzueifern. Dann müsse man wieder mehr investieren, um auch abseits der besonders lukrativen Rechtsgebiete wie etwa Private Equity, Finanzierung oder Restrukturierung die Leistungsträger bei der Stange zu halten.
Managing Partner Burc Hesse weist die Kritik zurück: „Unsere Strategie ist ganz klar und einzigartig. Überall, wo wir antreten, wollen wir Marktführer oder direkter Verfolger sein, kurzum die beste globale Anwaltskanzlei. Der wichtigste Faktor dafür ist ein starkes US-Geschäft und eine starke Präsenz in wichtigen globalen Finanzzentren, aber selbstverständlich auch vernetzte Standorte, die weit über Satellitenbüros hinausgehen, auf den verschiedenen Kontinenten.“
Doch die Kritik entzündet sich nicht nur an Hesse. Die Entwicklungen der vergangenen Monate seien vor allem auf Versäumnisse von Felsenstein zurückzuführen, sagt einer, der ihn seit vielen Jahren gut kennt. Felsenstein ist zwar nicht mehr Kanzleichef, gilt aber als der wichtigste Mann bei Latham in Deutschland. „Felsenstein ist stark darin, Leute für die Kanzlei zu begeistern und Visionen aufzuzeigen. Aber es mangelt ihm dann auf Dauer an Empathie, um die Leute mitzunehmen“, sagt ein Latham-Partner.
Felsenstein sagt dazu: „Solche Kritik hört man natürlich nicht gerne. Aber als Führungskraft kann man es nicht immer allen recht machen und muss auch mal schwierigere Gespräche führen.“
Unruhe gibt es nicht nur in Deutschland. Denn auch im wichtigen Londoner Markt verließen erst im August zwei größere Gruppen die Kanzlei: Ein Finanzierungsteam aus fünf Partnern wechselte zu Sidley Austin, sechs Partner für alternative Investments zu Milbank. Das dürfte in der Kanzlei noch weit mehr ins Gewicht fallen als die Abgänge im deutschen Markt.
Derweil will Latham dem offenbar auch durch Modifikationen an der Vergütungsstruktur entgegenwirken. Den leistungsstärksten Anwälten will man so Gelder zahlen können, die über das etablierte punktebasierte Gehaltssystem hinausgehen. Das soll mit Kanzleien wie Kirkland & Ellis, Paul Weiss oder auch Simpson Thacher & Bartlett konkurrieren können. Die können ihren Spitzenpartnern mehr als 20 Millionen Dollar zahlen.
Bei Latham profitiert eigenen Angaben zufolge weltweit ein gutes Dutzend Partner in besonderem Maße von den Anpassungen. Aber grundsätzlich ergebe sich für mehr Anwälte die Chance auf einen höheren Bonus – auch in Deutschland.
Unabhängig davon dürfte der Druck auf die Partner hierzulande nun wachsen, glauben Insider. Spätestens wenn sich die durch die Abgänge der vergangenen Monate verlorenen Umsätze in den Jahresbilanzen zeigen werden.