Energietechnik: Rekordverlust für Siemens Energy – So geht es bei dem Krisenkonzern weiter
Im laufenden Geschäftsjahr könnte Siemens Energy erstmals einen Gewinn erzielen – dank Sondereffekten.
Foto: dpaMünchen. Siemens Energy, gerade erst mit Staatsgarantien gerettet, hat im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Rekordverlust von 4,6 Milliarden Euro gemacht. „Das Ergebnis ist eine massive Enttäuschung“, sagte Vorstandschef Christian Bruch am Mittwoch bei der Bilanzvorlage. Die Schwierigkeiten in der Windkraft stellten die „exzellenten Leistungen“ in den anderen Bereichen in den Schatten.
Am Dienstag hatte die Bundesregierung verkündet, dass man sich auf Staatshilfe für den angeschlagenen Konzern geeinigt habe. Nun zeigt sich, wie groß die Probleme bei dem Dax-Konzern sind. Wegen der Verluste der Windkrafttochter Siemens Gamesa hat sich das Eigenkapital in etwa halbiert.
Die Qualitätsprobleme bei Gamesa hat der Konzern nach eigener Einschätzung inzwischen halbwegs im Griff. Doch sagte Bruch auch: „Wenn ein Bereich so viel Geld verliert wie Wind, muss man die Strategie hinterfragen.“ Erstmals deutete er an, wie es nun mit dem Geschäft der erneuerbaren Energien weitergehen könnte.
1. Staatliche Garantien sichern den Rekordauftragsbestand
Für die strategischen Entscheidungen hat sich Siemens Energy mit der Einigung auf staatliche Garantien erst einmal zeitlich Luft verschafft. Der Konzern bekommt vor allem von den Banken Bürgschaften in Höhe von geplanten 15 Milliarden Euro. Der Staat gibt Rückgarantien für die Hälfte der Summe.
Am Dienstagabend hatte zudem die spanische Regierung mitgeteilt, ebenfalls an Bankgarantien für neue Siemens-Gamesa-Projekte im Ausland zu arbeiten. Dazu führe man Gespräche mit dem Unternehmen und potenziell interessierten Banken. Damit könnte möglicherweise die aktuell noch offene Garantiesumme von drei Milliarden Euro gedeckt werden. Auch Großaktionär Siemens, der an der früheren Tochter noch 25 Prozent hält, beteiligt sich an der Stützungsaktion.
Siemens-Energy-Chef Bruch sagte, er sei froh, „nach sehr konstruktiven Gesprächen eine gute Lösung mit allen Beteiligten gefunden zu haben, unser durch die Energiewende stark beschleunigtes Wachstum sicherzustellen“.
2. In der Windkraft steht eine Sparte auf dem Prüfstand
Ein genauer Blick in die Zahlen von Siemens zeigt das Problem deutlich: Die Gaskraftsparte, die Stromnetze und die Zukunftseinheit „Transformation of Industry“ erzielten ordentliche Gewinne. Auch mangelt es nicht an der Nachfrage: Der vergleichbare Konzernumsatz stieg um zehn Prozent auf 31,1 Milliarden Euro. Der Auftragseingang sprang sogar um fast ein Drittel von 38 auf 50 Milliarden Euro.
Bleibt das Sorgenkind Siemens Gamesa. Allein im abgelaufenen Quartal machte die Windkraftsparte einen Verlust von 670 Millionen Euro. Die technische Analyse der Qualitätsprobleme ist dem Konzern zufolge weitgehend abgeschlossen. Seit dem dritten Quartal seien dafür keine weiteren Rückstellungen gebildet worden.
Einnahmen bringt der Verkauf von Onshore-Turbinen, die in Windrädern an Land eingesetzt werden, allerdings gerade auch nicht. Wegen der Mängel ist der Verkauf der neuen Turbinengeneration 5.X bis auf Weiteres ausgesetzt. Dementsprechend sinkt der Auftragsbestand von Siemens Gamesa für das Gesamtjahr, die Umsätze sind um fast 20 Prozent eingebrochen.
Die Windsparte kämpft nicht nur mit hausgemachten Problemen. Wegen Inflation, steigender Zinsen, eines harten Preiswettkampfs und eines kapitalintensiven Technologiewettrennens untereinander verdient gerade keiner der großen Turbinenhersteller Geld. Die Europäische Union hat bereits ein Hilfspaket für die strauchelnden Windkonzerne aufgelegt. Auch hier sind Garantien für milliardenschwere Windprojekte ein Thema.
Bei Siemens Gamesa kommen jedoch interne Schwierigkeiten hinzu. Die Offshore-Produktion in Cuxhaven läuft dem Zeitplan deutlich hinterher. Die Gewinnzone werde Siemens Gamesa wohl erst 2026 erreichen, sagte Bruch. Man müsse die Sparte nun „profitabel machen und umdrehen und restrukturieren“. Eigentlich waren schwarze Zahlen schon für 2024 erwartet worden.
Mit Blick auf die längerfristige Strategie hat Siemens Energy die ersten Entscheidungen getroffen. „Die Windsparte als Ganzes steht nach derzeitigem Stand nicht zur Disposition“, sagte Bruch. Er deutete aber an, dass die Onshore-Sparte mit den Windrädern an Land auf dem Prüfstand steht. Diese hatte weitgehend der Partner Gamesa eingebracht, Siemens die noch anspruchsvolleren Offshore-Turbinen für die hohe See.
Siemens-Energy-Chef Christian Bruch deutete am Mittwoch an, dass die Sparte mit den Windrädern an Land auf dem Prüfstand steht.
Foto: dpaAuch in Aufsichtsratskreisen heißt es, die Onshore-Sparte dürfe kein Tabu sein. Es müsse einen klaren Kurs geben, wie und wann man damit Geld verdienen könne. Allerdings könne man so eine Einheit mit hohem Auftragsbestand so oder so nicht von einem Tag auf den anderen dichtmachen.
Bruch ließ offen, wann die neue Turbinengeneration 5.X wieder verkauft werden soll. Aktuell ist der Vertrieb weitgehend eingestellt, bis gesichert ist, dass es mit neu produzierten Turbinen keine Probleme mehr gibt. Man prüfe alle Produkte und Märkte, sagte der Manager.
Siemens Energy habe sich mit der Windkraft womöglich sogar insgesamt auf das falsche Segment konzentriert, meint ein Berater, der viel mit den Unternehmen der Siemens-Familie zu tun hat. Die Solarenergie sei marktfähiger geworden, auch weil die Preise für Module stark gesunken sind. Hier ist Siemens Energy aber nicht vertreten.
Dagegen wisse niemand, wann in der Windkraftbranche jemals wieder Geld zu verdienen sei. Doch ist eine Komplettaufgabe für Bruch und seinen Aufsichtsratschef Joe Kaeser derzeit keine Option.
3. Die Eigenkapitalbasis ist geschwächt – doch Gewinne sind in Sicht
Das Eigenkapital des Konzerns ist im Laufe des vergangenen Geschäftsjahrs von 17,1 auf 8,8 Milliarden Euro gesunken. Die Verschuldung betrug Ende September 759 Millionen Euro, nach einer Nettoliquidität von 2,1 Milliarden Euro ein Jahr zuvor. Man habe aber insgesamt noch immer „eine starke Bilanz“, sagte Finanzvorständin Maria Ferraro.
Im laufenden Geschäftsjahr 2023/24 rechnet Siemens Energy mit einem Gewinn von bis zu einer Milliarde Euro, vor allem wegen eines Sondereffekts: Großaktionär Siemens sagte zu, Siemens Energy ein Aktienpaket an einem gemeinsam gehaltenen Unternehmen in Indien für gut zwei Milliarden Euro abzukaufen. Dadurch kann der angeschlagene Energietechnikkonzern seine Kapitalkraft erhöhen und die Ratingagenturen beruhigen.
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Siemens betonte, Siemens Energy mit dem Milliardendeal zwar zu helfen, damit aber auch im Interesse der eigenen Aktionäre zu handeln. „Gemeinsam haben wir eine Lösung gestaltet, die im bestmöglichen Interesse aller Beteiligten ist und die Entflechtung von Siemens und Siemens Energy in Indien beschleunigt“, sagte Konzernchef Roland Busch am Mittwoch. Die Bundesregierung hatte auf einen starken Beitrag des 25-Prozent-Anteilseigners gedrängt.
Seit der Ausgliederung aus dem Siemens-Konzern hat Siemens Energy bislang nur rote Zahlen geschrieben. Seit der Abspaltung im Geschäftsjahr 2019/2020 summieren sich die Verluste mittlerweile auf fast acht Milliarden Euro.
Für die Aktionäre von Siemens Energy gab es entsprechend bislang wenig Grund zur Freude. Im Sommer lag der Aktienkurs zumindest noch bei etwa 25 Euro. Die Bekanntgabe der Qualitätsprobleme und die Bestätigung der Verhandlungen über Staatshilfe ließen ihn zeitweise bis auf 6,40 Euro abstürzen. Seit die Lösung steht, gab es eine deutliche Erholung. Am Mittwoch legte der Aktienkurs erneut kräftig um zeitweise acht Prozent auf elf Euro zu.
Erstpublikation: 15.11.2023, 15:09 Uhr.