Handelsblatt Jahrestagung Gas 2024: Streit um Gas-Strategie – So viel Importkapazität ist nötig
Berlin. Deutschland baut aus Sicht von Umweltschützern unnötig viele Anlagen für den Import von fossilem Erdgas. Der Chef der Deutschen Umwelthilfe (DUH), Sascha Müller-Kraenner, sagte auf der Handelsblatt Jahrestagung Gas in Berlin am Dienstag: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir bis 2045 die Klimaziele erreichen, wenn wir bis dahin in diesen Kapazitäten Erdgas importieren und verbrennen.“
Peter Röttgen, Geschäftsführer des staatlichen Terminalbetreibers Deutsche Energy Terminal, verteidigte hingegen die Strategie. Er sagte: „Die Terminals sind ein wesentlicher Faktor für die Energieresilienz.“
Die Kritik von Akteuren wie der DUH bezieht sich auf die Terminals, mit denen Deutschland an seinen Küsten Flüssigerdgas (LNG) per Schiff importiert. Unternehmen bauen die Terminals auf, seitdem Russland im Zuge des Ukrainekriegs im Sommer 2022 aufgehört hat, Erdgas durch Pipelines nach Deutschland zu liefern. Doch inzwischen sind die Terminals an den Küsten umstritten. Berechtigterweise?
Trotz voller Speicher: Deutschland befindet sich in der „Alarmstufe“ Gas
Besonders stark diskutiert wird über ein privatwirtschaftliches Terminal vor Rügen. Es wurde wie auch andere Terminals mithilfe des „LNG-Beschleunigungsgesetzes“ gebaut, das im Juni 2022 beschlossen wurde. Das Gesetz sollte helfen, Deutschland schnellstmöglich unabhängig von russischen Gasimporten zu machen. Es ermöglicht etwa Ausnahmen von Umweltverträglichkeitsprüfungen.
Mittlerweile haben sich die Gasmärkte normalisiert, die deutschen Gasspeicher sind zu 96 Prozent gefüllt. Trotzdem befindet sich Deutschland mit Blick auf die Gasversorgung offiziell noch immer in der „Alarmstufe“ – der fortgeschrittenen Stufe des Gas-Notfallplans.
Philipp Steinberg, für Energiesicherheit zuständiger Abteilungsleiter im Bundeswirtschaftsministerium (BMWK), rechtfertigte die Alarmstufe bei der Handelsblatt-Tagung: „Wir sind nach wie vor in der Krise.“ Er begründete dies mit der starken Nervosität auf den Gasmärkten.
Sascha Müller-Kraenner (DUH) hielt dagegen: Im Fall Rügen habe die Politik falsche Tatsachen vorgespiegelt. Eine kleine Menge Gas, die kürzlich vor Rügen angekommen ist, wurde nicht ins deutsche Gasnetz eingespeist – sondern nach Schweden weiterverschifft.
Die Deutsche Umwelthilfe erstattete daraufhin Anzeige gegen den privaten Betreiber Deutsche Regas. „Im LNG-Beschleunigungsgesetz hieß es, es ginge um die nationale Versorgung, nicht um die Versorgung Dritter“, argumentiert DUH-Chef Müller-Kraenner.
Der Vorfall ist das prägnanteste Beispiel für eine Debatte, die grundlegender ist: Die Gegner der LNG-Terminals befürchten, dass die Anlagen noch für Jahre einen Anreiz schaffen, in Deutschland weiterhin fossiles Erdgas zu nutzen. Sie kritisieren, dass die Menge der geplanten LNG-Terminals viel zu groß für den deutschen Gasbedarf ist.
Ein Blick auf die aktuelle Lage scheint den Kritikern recht zu geben, denn die Terminals sind derzeit nicht voll ausgelastet. Die Frage ist also, ob die Betreiber sich tatsächlich großflächig verkalkuliert haben.
Mit diesen LNG-Terminal-Projekten plant Deutschland
Es gibt derzeit sechs kurzfristige LNG-Terminal-Projekte in Deutschland. Das sind keine fest gebauten Terminals, sondern Schiffe, sogenannte FSRUs.
Vier der Terminals gehören zum staatlichen Betreiber Deutsche Energy Terminal. Zwei der Terminals, Wilhelmshaven 1 und Brunsbüttel, sind bereits in Betrieb.
Zu Verzögerungen kommt es in Stade und Wilhelmshaven 2. Laut Abteilungsleiter Steinberg vom BMWK ist beispielsweise ein Schiff an ein Stahlelement des Offshore-Terminals Wilhelmshaven 2 gestoßen. In Stade verzögerten sich Sicherheitsvorkehrungen.
Daneben gibt es noch zwei Terminals des privaten Betreibers Deutsche Regas. Langfristig sollen außerdem drei landbasierte, dauerhafte Terminals entstehen.
Das Bundeswirtschaftsministerium rechnet damit, dass mithilfe der schwimmenden und festen Terminals ab dem Jahr 2027 eine LNG-Importkapazität von 52,5 Milliarden Kubikmetern (bcm) für Deutschland verfügbar ist. Ob das viel erscheint oder nicht, hängt davon ab, mit welchem Szenario man es vergleicht.
Gasimportkapazitäten für Extremfälle? Diese Szenarien sind denkbar
Wer nur dagegenhält, was Deutschland durch den Ausbruch des Kriegs in der Ukraine verloren hat, dem erscheinen die 52,5 bcm jährliche Importkapazität nicht zu groß. Denn bevor Russland seine Pipelinegasexporte nach Deutschland stoppte, lieferte das Land durch die Pipeline Nord Stream 1 rund 59 bcm Gas pro Jahr nach Deutschland.
Nur dann produzieren, wenn die Sonne scheint: Kann die Industrie das?
Allein der deutsche Gasverbrauch lag im Jahr 2021 bei 92 bcm. Mittlerweile ist er zurückgegangen. 2023 lag er nur noch bei 76 bcm. Bis 2045 soll er ohnehin bis auf null zurückgehen, da Deutschland in dem Jahr klimaneutral werden will. Zuvor könnte der Gasverbrauch wieder auf sein altes, höheres Niveau steigen – denn dass er aktuell so viel niedriger ist als 2021, liegt zu großen Teilen an der schwächelnden Wirtschaft.
Für einen kalten Winter ist Deutschland dank der vollen Gasspeicher erst einmal gewappnet. Die Gasspeicher fassen 23 bcm. Rein theoretisch würden sie nach Berechnungen des Gasspeicherverbands INES 38 sehr kalte Wintertage am Stück durchhalten, bis sie leer wären. Das ist aber eher ein theoretisches als ein realistisches Szenario.
Ein weiterer Faktor, der in einigen Monaten zu Buche schlagen dürfte, sind die russischen Gastransite durch die Ukraine, von denen aktuell Länder wie Österreich, Ungarn und die Slowakei profitieren. Die Ukraine-Transite sollen allerdings Anfang 2025 aller Voraussicht nach enden. „Wir stellen uns darauf ein, dass wir dann Österreich zu Teilen über deutsche LNG-Terminals mit Erdgas versorgen müssen“, sagt BMWK-Abteilungsleiter Steinberg. Die Gasmenge, die 2023 durch die Ukraine geleitet wurde, lag bei 14 bcm.
Ein Extremszenario wäre es, wenn die Gasströme aus Norwegen versiegen sollten – etwa aufgrund von Sabotageakten. Aus Norwegen hat Deutschland im vergangenen Jahr rund 38 bcm Gas bezogen.
Für welche Fälle man tatsächlich Kapazitäten vorhalten muss – und welche Szenarien man über Speicher und Importe über andere europäische Länder abdecken könnte –, das bleibt aber trotz aller Zahlen eine Frage der individuellen Risikoeinschätzung.
Einig sind sich die Vertreter von BMWK, Deutsche Energy Terminal und der Deutschen Umwelthilfe in einem Punkt: Schon lange vor 2045 sollen die Gasimporte durch Wasserstoff und Wasserstoffderivate ersetzt werden. Im BMWK arbeite man gerade an Energiepartnerschaften mit Ländern weltweit, von Namibia bis Kanada. Von wo genau in ausreichender Menge Wasserstoff kommen werde, kann aktuell niemand sagen.