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Handelsblatt Wasserstoff-GipfelBASF-Chef: „Wir müssen die Ausbaupläne für erneuerbare Energien dramatisch beschleunigen“

Der Chemieriese benötigt bei der Wasserstoff-Wende große Energiemengen. BASF-Chef Brudermüller fordert daher Mut zu einem neuen Strommarkt-Design.Kirsten Ludowig und Siegfried Hofmann 26.05.2021 - 17:40 Uhr Artikel anhören

Der BASF-Chef fordert bei der Wasserstoff-Erzeugung Technologieoffenheit.

Foto: imago/sepp spiegl

Düsseldorf. Der Chemieriese BASF drängt darauf, den Ausbau von erneuerbaren Energien massiv zu beschleunigen, um auf diese Weise die Wasserstoffproduktion und auch eine emissionsfreie Chemieproduktion zu forcieren.

„Wir brauchen ein System, in dem die wettbewerbsfähigen Herstellkosten für erneuerbare Energien für die industriellen Verbraucher durchschlagen“, sagte BASF-Chef Martin Brudermüller am Mittwoch auf dem ersten Handelsblatt Wasserstoff-Gipfel. „Wenn wir das nicht hinkriegen, wird die Energietransformation und der Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit nicht gelingen.“

Es reiche daher nicht, am Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) „herumzuschrauben“. Gefordert sei vielmehr der Mut zu einem neuen Strommarkt-Design. Auch mit Blick auf die ambitionierten und zugleich pragmatischeren Strategien von Ländern wie China, USA und Saudi-Arabien ist aus Sicht des BASF-Chefs ein höheres Tempo in der Umstellung nötig.

Wasserstoff spielt für die Chemiebranche eine herausragende Rolle als Rohstoff für wichtige Basisprodukte wie Ammoniak. BASF setze vor allem auf emissionsfreien Wasserstoff zur chemischen Nutzung, machte Brudermüller deutlich. Der Strombedarf dafür sei enorm.

Wichtig ist es daher für den BASF-Chef, das Thema Wasserstoff nicht allein auf die Erzeugung durch Elektrolyse aus Wasser zu verengen. Man müsse vielmehr offen bleiben auch für andere Technologien, etwa die weniger energieintensive Herstellung durch Methan-Pyrolyse. Damit könne man auch das bestehende Erdgasnetz in Europa besser nutzen, um eine dezentrale Wasserstoffproduktion aufzubauen.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Brudermüller, nachhaltige und bezahlbare Energie gilt als kritischer Faktor für die Chemie und die Wasserstofferzeugung. Saudi-Arabien baut gerade einen Solarpark, der Strom zu Kosten von etwas mehr als einem Cent je Kilowattstunde erzeugen soll. Wie können wir da wettbewerbsfähig sein?
Das ist zweifellos eine Herausforderung. Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass es mit der Produktion von Wasserstoff allein nicht getan ist. Er muss komprimiert und transportiert werden. Das heißt, bis zur Verfügbarkeit bei uns käme da noch einiges an Kosten drauf. Betroffen wäre die BASF in besonderem Maße bei der Produktion von Basisprodukten wie Ammoniak, bei der die Energieintensität besonders hoch ist.

Würde die Herstellung solcher Produkte in Deutschland noch Sinn machen?
Man muss davon ausgehen, dass an manchen Stellen Wertschöpfungsketten anders organisiert werden, wenn wir grünen Wasserstoff aus anderen Regionen nutzen wollen. So empfiehlt sich Ammoniak eher als Transportprodukt als Wasserstoff. Das heißt, es wird in diesen Regionen nicht bei der Wasserstoffproduktion bleiben, auch weitere Basischemie-Produkte werden dann dort CO2-frei hergestellt werden.
Andererseits könnten wir mit Strompreisen von fünf Cent je Kilowattstunde auch hierzulande eine ganze Menge machen – wenn zusätzliche Kosten wie EEG-Umlage und andere Abgaben entfallen.

Es gibt ja einen Verordnungs-Entwurf, der die Industrie ganz oder teilweise von der EEG-Umlage befreit. Reicht Ihnen das?
Der greift viel zu kurz. Da werden als Voraussetzung die Vollbenutzungsstunden auf 5000 pro Jahr beschränkt, mindestens 85 Prozent des befreiungsfähigen Grünstroms muss aus der deutschen Gebotszone kommen. So kriegen wir das in der Chemie nicht wirtschaftlich und im industriellen Maßstab hin. Und mit den vollen Kosten – inklusive EEG-Umlage, Stromsteuer, Netzgebühren und anderer Abgaben – landen Sie schnell bei 16 oder 17 Cent je Kilowattstunde. Unter diesen Bedingungen brauchen wir mit einer Elektrifizierung der Chemie gar nicht erst anzufangen.

Die EEG-Umlage sollte also komplett entfallen?
Es reicht nicht, am EEG herumzuschrauben. Wir brauchen den politischen Mut zu einem neuen Strommarkt-Design. Es reicht nicht, dass jetzt der Anstieg der EEG-Umlage gebremst worden ist. Wir brauchen ein System, in dem die wettbewerbsfähigen Herstellkosten für erneuerbare Energien für die industriellen Verbraucher durchschlagen. Wenn wir das nicht hinkriegen, wird die Energietransformation und der Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit nicht gelingen.

Die BASF will mit RWE einen der größten Windparks errichten. Ist das der Anfang für ein größeres Engagement im Bereich der erneuerbaren Stromproduktion?
Das ist zunächst mal eine Projektidee. Wir wollen dazu in Zusammenarbeit mit der Politik die nötigen Flächen erschließen. Wenn das nicht gelingt, gibt es auch kein Projekt. Die BASF stellt schon heute mehr als 70 Prozent ihres Strombedarfs selbst her, meist in hocheffizienten Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen auf Erdgasbasis. Es geht nun darum, diese im Laufe der Zeit zu ersetzen. Unsere Strategie zielt daher darauf ab, erneuerbare Energien sowohl selbst zu produzieren als auch zuzukaufen.

Was konkret würden Sie sich wünschen, damit es schneller vorangeht mit der Transformation?
Wir müssen uns zunächst klar darüber werden, dass der generelle Strombedarf dramatisch steigen wird, wenn wir alle fossilen Energieträger durchgängig ersetzen wollen. Für unseren Standort Ludwigshafen wird er sich bis 2035 verdreifachen. Wir müssen daher die Ausbaupläne für erneuerbare Energien dramatisch beschleunigen, das gilt insbesondere für Offshore-Windparks in der Nordsee. Zum anderen brauchen wir wie gesagt ein neues Design für den Strommarkt. Und wir müssen dafür sorgen, dass dieser Grünstrom auch an die Industriestandorte kommt. Ansonsten wird die Transformation der Industrie in Deutschland und Europa scheitern.

Wäre dazu ein Stufenplan sinnvoll, der bestimmte Industrien priorisiert?
Im Prinzip müssen wir an allen Schrauben drehen. Aber wir sollten dabei auch Transparenz in der Frage herstellen, wo am meisten und effizientesten CO2 eingespart werden kann, wenn die erneuerbaren Energien noch nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen. Unter diesem Aspekt ist ein Staffelplan sinnvoll. Man darf dann aber auch diejenigen, die später dran sind, nicht mit einem hohen CO2-Preis bestrafen und ihrer Wettbewerbsfähigkeit berauben.

Sollte die Chemie dabei Priorität genießen?
Ich denke schon. An unserem Standort Ludwigshafen emittieren wir heute rund acht Millionen Tonnen CO2 im Jahr. Das entspricht einem Prozent der gesamten Emissionen in Deutschland. Deshalb nehmen wir unsere Verantwortung auch sehr ernst. Zudem müssen wir berücksichtigen, dass eine leistungsfähige Chemie am Anfang der industriellen Wertschöpfungsketten steht und insofern essenziell ist für die Wettbewerbsfähigkeit des ganzen Industrie-Ökosystems. Die Chemie ist eine Schlüsselindustrie für die Nachhaltigkeit.

Sie haben die unterschiedliche Effizienz der Technologien angesprochen. Stört Sie vor diesem Hintergrund der verengte Blick auf grünen Wasserstoff?
Absolut. Wenn wir die Wasserstoff-Produktion schnell hochfahren wollen, macht es keinen Sinn, sich auf eine Technologie zu beschränken. Die Methanpyrolyse zum Beispiel, die wir entwickeln, benötigt viel weniger elektrische Energie für die Wasserstoff-Erzeugung. Und wir haben ja ein wunderbares Erdgasnetz in Europa. Man könnte an das Ende der Röhren auch dezentral Methanpyrolyse-Anlagen setzen und lokal Wasserstoff erzeugen. Damit würden wir auch an Infrastruktur sparen.

Wäre ein solcher dezentraler Ausbau überhaupt mit der deutschen Genehmigungspraxis kompatibel?
Das ist sicher ein schwieriges Thema. Um die Vorzüge einer dezentralisierten Wasserstoff-Erzeugung zu realisieren, brauchen wir Genehmigungsverfahren, die schnell sind und verschiedene Dimensionen berücksichtigen. Insofern gehört zu einem neuen Strommarkt-Design auch eine Überarbeitung der Planungs- und Genehmigungsprozesse. Mit den alten Prozessen wird das nicht gelingen. Sie sind dazu zu schwerfällig.

Andere Länder machen heute schon deutlich mehr Tempo beim Ausbau der Wasserstoffwirtschaft. Wird die Dynamik hierzulande unterschätzt?
Zum Glück ist die Dekarbonisierung inzwischen wirklich ein globales Thema. Trotzdem dürfen wir mit den politischen Träumen, die im Wochentakt nach oben geschraubt werden, nicht die Frage der Wettbewerbsfähigkeit aus den Augen verlieren. Es ist klar, dass zum Beispiel Saudi-Arabien eine Wasserstoffindustrie auf Basis erneuerbarer Energien zu sehr wettbewerbsfähigen Konditionen aufbauen kann. Die werden dann natürlich nicht beim Wasserstoff Schluss machen, sondern daraus weitere Chemieprodukte herstellen – CO2-neutral.

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Droht Deutschland den Anschluss zu verlieren und damit Chancen zu verspielen?
Die Gefahr besteht. Auch China und die USA gehen schneller und deutlich pragmatischer an die Dinge heran. Wenn wir nicht aufpassen, reden wir bald nicht mehr über „Carbon Leakage“, sondern über „Net-Zero Leakage“ – weil im Ausland dann günstiger CO2-frei produziert werden kann als in Europa. Es ist insofern fünf vor zwölf. Aber wenn wir den Mut haben, mit dem Klein-Klein aufzuhören und wirklich groß zu denken, haben wir auch noch eine Chance.

Herr Brudermüller, vielen Dank für das Interview.

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