Amazon: Konzernchef versucht, Zoll-Schock kleinzureden
New York, San Francisco. Andy Jassy steht nicht gern im Mittelpunkt. Der Amazon-Chef gilt als zurückhaltend und bodenständig, ganz anders als andere Tech-Bosse wie Mark Zuckerberg oder Elon Musk. In dieser Woche aber zerrte ihn das Weiße Haus ins Scheinwerferlicht.
Karoline Leavitt, Sprecherin von US-Präsident Donald Trump, nannte es einen „feindlichen und politischen Akt“, dass der Onlinehändler seinen Kunden angeblich künftig auf der Rechnung ausweisen will, wie viel die neuen Zölle der US-Regierung zum Endpreis beitragen.
Amazon dementierte die Berichte zwar umgehend. Doch der Vorfall zeigte, wie der leise Jassy und der laute Trump zunehmend aneinandergeraten. Die Politik der US-Regierung wird für den Onlinehändler schließlich zum Geschäftsrisiko. Mitte April hatte Jassy angesichts der Zölle bereits steigende Preise angekündigt.
Quartalsergebnisse: Jassy bemüht sich um Optimismus
Das liegt nicht nur an den hohen Abgaben auf Importe aus China, sondern auch daran, dass eine Ausnahmeregel für Pakete mit einem Wert von weniger als 800 Dollar ausläuft. Bei der Präsentation der jüngsten Quartalsergebnisse am Donnerstag war Jassy deshalb sichtlich um Optimismus bemüht.
Noch konnte er solide Zahlen präsentieren: Im vergangenen Quartal stieg Amazons Umsatz um neun Prozent auf 155,7 Milliarden Dollar im Vergleich zum Vorjahr. Unterm Strich blieb ein Nettogewinn in Höhe von 17,1 Milliarden Dollar – fast sieben Milliarden Dollar mehr als 2024. Für das laufende Quartal stellte Amazon einen Erlös zwischen 159 und 164 Milliarden Dollar in Aussicht, was sich mit den Durchschnittserwartungen der Analysten deckte.
Das Wachstum von Amazon Web Services (AWS), der Cloud-Tochter des Konzerns, ging jedoch zurück. Im Jahresvergleich nahm der Umsatz im vergangenen Quartal lediglich um 17 Prozent auf 29,27 Milliarden Dollar zu. Zuletzt waren es noch 19 Prozent gewesen.
AWS ist strategisch besonders wichtig für Amazon. Die Tochter steht zwar nur für rund ein Fünftel des Umsatzes, erwirtschaftet aber mehr als die Hälfte des Gewinns. AWS dominiert den weltweiten Markt für Cloud-Dienstleistungen und baut seine Rechenzentrumsinfrastruktur derzeit in großem Stil aus.
Gewinnprognose für das laufende Quartal enttäuscht
Auch mit seinem Ausblick für das laufende Quartal hat der Konzern die Anleger enttäuscht. Jassy stellte einen operativen Gewinn zwischen 13 und 17,5 Milliarden Dollar in Aussicht, Analysten hatten im Schnitt mit 17,6 Milliarden Dollar gerechnet. Die Aktie verlor nachbörslich zeitweise mehr als fünf Prozent. Grund für die große Spanne dürfte die Unsicherheit wegen der Zollpolitik sein.
Amazon ist besonders abhängig von Importen aus China. Bis zu 70 Prozent der Waren, die der Konzern in den USA anbietet, sollen laut den Analysten von Wedbush Securities aus der Volksrepublik stammen. Für viele Produkte aus China gilt inzwischen eine Sonderabgabe in Höhe von 145 Prozent.
Zu den konkreten Auswirkungen hielt sich Jassy jedoch bedeckt: „Niemand weiß genau, wo und wann sich die Zölle niederschlagen werden.“ Der durchschnittliche Verkaufspreis von Artikeln sei noch nicht merklich gestiegen, versicherte er. Denn sowohl Amazon selbst als auch Dritthändler hätten Einkäufe vorgezogen. „Das kann sich ändern, je nachdem, wie sich die Zölle entwickeln“, warnte Jassy.
Die Konsequenz könnten US-Verbraucher schon im Juli zu spüren bekommen, wenn Amazon den „Prime Day“ veranstaltet, eine jährliche Rabattaktion des Konzerns. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, wollen sich einige Händler in diesem Jahr bereits ganz von der Aktion zurückziehen. Der „Prime Day“ zählt zu den wichtigsten Verkaufstagen für Amazon und generierte im vergangenen Jahr 14,2 Milliarden Dollar an Einnahmen allein in den USA.
„Enorm bedroht“ – Amazons Probleme mit Trump und dessen Zollpolitik
Das sei nur ein Event, beschwichtigte Jassy am Donnerstag. Der Konzern versuche, das ganze Jahr über für seine Kunden da zu sein. Der Amazon-CEO verwies daneben auf die Vielfalt der rund zwei Millionen aktiven Verkäufer auf der Plattform: „Es wird eine Menge Händler geben, die beschließen, die höheren Kosten auf die Verbraucher abzuwälzen.“ Sie säßen jedoch in den verschiedensten Ländern, und nicht alle würden die gleichen Aufschläge verlangen.
Verbraucherstimmung verschlechtert sich
Auch über die Zölle hinaus gibt es wenig objektive Gründe, die Jassys Optimismus erklären. Die Stimmung der US-Verbraucher verschlechterte sich zuletzt rapide. Im April ist das Konsumentenvertrauen auf den tiefsten Stand seit fünf Jahren gefallen. Knapp 70 Prozent der US-Bürger fürchten, dass die Arbeitslosigkeit in den kommenden zwölf Monaten steigen wird – so viele wie seit der Finanzkrise 2009 nicht mehr. Viele dürften sich in den kommenden Monaten mit Käufen zurückhalten.
Neben den Zöllen droht eine weitere Entscheidung des US-Präsidenten, ein vielversprechendes Zukunftsgeschäft massiv zu beeinträchtigen: An diesem Freitag lässt Trump die sogenannte De-Minimis-Regel für Waren aus China und Hongkong auslaufen. Die Richtlinie befreit Sendungen mit einem Wert von weniger als 800 Dollar von Zöllen, die normalerweise für die Einfuhr in die USA fällig wären.
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Viele Händler haben sich diese Regelung zunutze gemacht und ihre Waren in kleinen Sendungen aus China direkt an ihre Kunden in den USA verschickt. Darauf zielte auch ein neues Marktplatzangebot von Amazon namens „Amazon Haul“ ab, mit dem sich der Konzern gegen die aufstrebende Billigkonkurrenz aus China wie Temu und Shein behaupten will.
Allein im vergangenen Jahr wurden in den USA knapp 1,4 Milliarden solcher Sendungen verarbeitet, was einer Verzehnfachung gegenüber 2015 entspricht. Damals wurde die Freibetragsgrenze von 200 auf 800 Dollar angehoben.
In dieser Woche blieb zumindest ein Lichtblick für Jassy. Den Konflikt über die vermeintliche Ausweisung der Zollkosten auf Amazon-Rechnungen musste er nicht selbst mit Trump austragen. Der US-Präsident hat Gründer und Verwaltungsratschef Jeff Bezos angerufen, der bei Trumps Amtseinführung im Januar einen prominenten Platz im Publikum einnehmen durfte. „Jeff Bezos war sehr nett. Er war großartig“, berichtete Trump anschließend vor Reportern. Er habe das Problem sehr schnell gelöst und sei ein guter Kerl.
Mit Agenturmaterial