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  4. Möbel- und Konsumgüterkonzern: Steinhoff kämpft weiter ums Überleben

BilanzskandalSteinhoff muss Zahlen drastisch nach unten korrigieren – So hat der Möbelriese Banken und Investoren geleimt

Die Wirtschaftsprüfer streichen mehr als zehn Milliarden Euro aus der Steinhoff-Bilanz. Verluste fallen vor allem im USA-Geschäft an.Gertrud Hussla 30.06.2018 - 13:07 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Aktien des Konzerns notieren seit 2015 an der Frankfurter Börse.

Foto: dpa

Düsseldorf. Erstmals erfahren es Investoren im Detail: Unter Ex-Chef Markus Jooste hat der internationale Möbelriese Steinhoff sein Zahlenwerk aufgeblasen, wo es nur ging. Zu hoch bewertete Markenrechte, übertriebene Preisaufschläge bei Firmenkäufen (Goodwill), hin und her geschobene Immobilien und Falschbilanzierungen haben die Vermögenspositionen künstlich um mehr als zehn Milliarden Euro geschönt. In den sechs Monaten bis Ende März dieses Jahres schrieb der Konzern obendrein fast 600 Millionen Euro Verlust.

Der an der Frankfurter Börse notierte Konzern war Ende 2017 in eine schwere Schieflage geraten. Damals weigerten sich die Wirtschaftsprüfer, die Zahlen noch einmal zu testieren. Die Aktie verlor über Nacht über 90 Prozent ihres Wertes, der langjährige Firmenchef Jooste musste gehen – und ist seither nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hatte bereits zum Börsengang Ende 2015 eine Razzia in den deutschen Geschäftsstellen veranlasst. Sie ermittelt wegen Bilanzfälschung.

Der Konzern war immer schneller gewachsen und erreichte im vergangenen Jahr fast die Größe des Ikea-Konzerns. Jooste schaffte es, die Bilanzen und Ergebnisse der Firmentöchter und des Gesamtkonzerns so zu frisieren, dass die Ratingagenturen gute Noten gaben und die Banken willig neue Kredite für Firmenkäufe bereitstellten.

Nun kommen Details zu Joostes Zahlenakrobatik ans Licht. Besonders mit dem knapp vier Milliarden Euro schweren Kauf der US-Matratzenkette Mattress Firm im August 2016 hat sich der Konzern verhoben. Allein durch Mattress Firm entstanden im vergangenen Halbjahr 133 Millionen Euro Verlust. Ein Hauptlieferant war abgesprungen. In den Läden fehlte das richtige Angebot.

Beim Kauf der US-Kette hatte Steinhoff obendrein viel zu viel bezahlt. Hier allein haben die Wirtschaftsprüfer von PWC 1,5 Milliarden Euro des falsch errechneten Konzernwerts abgeschrieben. Seine Markenrechte hatte der Konzern unter Jooste um 1,7 Milliarden Euro zu hoch bewertet, Grundstücke waren um 1,3 Milliarden Euro überbewertet. Insgesamt schrumpfte die Bilanzsumme des Steinhoff-Konzerns unter dem Rotstift der neuen Prüfer von 34,6 Milliarden auf 22,3 Milliarden Euro.

„Ich manage keine Firmen, ich manage Bilanzen“, hatte Jooste im vergangenen November in einem seiner letzten Interviews dem Handelsblatt gesagt. In dem neuen Bericht steht nun, wie das offenbar zu verstehen war. Beispielsweise wurden Grundstücke und Häuser an konzernnahe Finanzfirmen verkauft und kurz danach wieder weit teurer zurückgekauft. So standen sie dann zu entsprechend höheren Werten in den Büchern.

Allein 7,3 Milliarden schrieben die Prüfer aus anderen Gründen („Other“) ab. An dieser Stelle beschreibt der Report, dass Gewinne der einzelnen Töchter falsch errechnet wurden, dass Vermögensposten und Verbindlichkeiten in der falschen Kategorie aufgeführt und damit zu positiv bewertet waren. Zudem hatte der Konzern Beteiligungen unberechtigterweise voll in den eigenen Bilanzen konsolidiert, wie etwa die Möbelkette Poco, obwohl sie Steinhoff nur zur Hälfte gehörten. Auch das schönte die Bilanz um eine Milliarde Euro.

Das eigentliche operative Geschäft konnte das weltweite Konglomerat aus Konsumgüter- und Möbelketten wie Conforama in Frankreich, Poundland in Großbritannien, oder Supermarktketten wie Star in Südafrika mehr oder weniger erfolgreich fortführen. Der Halbjahresumsatz schrumpfte gegenüber dem Vorjahreszeitraum noch vergleichsweise mäßig von 9,9 Milliarden Euro auf 9,3 Milliarden Euro. Positiv sticht die osteuropäische Billigmöbeltochter Pepkor hervor, die ihr operatives Halbjahres-Ergebnis um 36 Prozent auf 98 Millionen Euro verbesserte und auch ein beträchtliches Umsatzwachstum vorlegte.

Das Prüferteam kommt nun mit Bericht der Wahrheit näher. Doch es wird noch bis zum Jahresende brauchen, bis das neue Zahlenwerk abgesegnet werden kann. Der Vorstand gesteht in seinem Vorwort, dass er auch ein halbes Jahr nach dem Bekanntwerden des Skandals nicht alles durchblickt: „Bis heute ist es dem Management nicht gelungen, über bestimmte Strukturen des Konzerns verlässliche und detaillierte Informationen zu erlangen. Deswegen ist es unmöglich, deren Forderungen zu bewerten oder die Folgen einer Konsolidierung abzuschätzen.“

Längst haben Kreditversicherer und Banken den Geldhahn zugedreht. Überleben konnte der Konzern bislang nur dank immer neuer Firmenverkäufe. Während einer laufenden Gerichtsverhandlung einigten sich die streitenden Gegner Steinhoff und der XXXLutz-Firmenchef Andreas Seifert auf einen Verkauf von Poco an Seifert für 266 Millionen Euro. Erst vor wenigen Tagen hat der österreichische Immobilienmogul Rene Benko dem Konzern die kränkelnde österreichische Möbelkette Kika/Leiner für 490 Millionen Euro abgekauft.

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Unterdessen bekommt Steinhoff von seinen Gläubigern noch eine Gnadenfrist: Kreditgeber, Banken, Hedge-Fonds und andere institutionelle Investoren haben sich bereit erklärt, noch einmal bis 20. Juli auf Rückzahlungen ihrer Kredite zu verzichten.

Der Aktienkurs hat auf die schonungslose Offenlegung aller bis jetzt bekannten Zahlen positiv reagiert. Er stieg um knapp acht Prozent - auf 8,2 Cent. Zu besten Zeiten hatte die Steinhoff-Aktie rund fünf Euro gekostet.

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