Budni-Eigner Familie Wöhlke: David sucht Goliath
Er leitet die Drogeriemarktkette Budni.
Foto: WWW.LARSBERG.EUHamburg. Christoph Wöhlkes Mission war klar. „Als ich bei uns im Unternehmen angefangen habe, gab es in Deutschland zwölf Drogerieketten. Heute sind es noch vier“, sagte er kürzlich bei einem Einzelhandelskongress in Hamburg. Mitreißend erklärte er den Besuchern, weshalb Budni die einzige regionale Kette ist, die sich noch gegen dm, Rossmann und Müller durchsetzen kann: Keine Filiale ist mehr als 50 Kilometer von der Zentrale in Hamburg entfernt, die Sortimente sind an den jeweiligen Stadtteil angepasst. Wo Billig-Shampoo und wo besser Bio-Wein angeliefert werden, entscheiden die Filialleiter mit. Die Kundenkarte hat jeder vierte Einwohner der Metropolregion Hamburg in der Brieftasche.
Keine Frage: Die Inhaberfamilie Wöhlke der im Kaiserreich gegründeten Drogeriekette hat viel erreicht – gegen etliche Widerstände. Doch die Frage wird drängender: Reicht das aus? Die drei großen Konkurrenten, die Hamburg lange wegen der Stärke von Budni gemieden hatten, haben inzwischen Norddeutschland als letzte Wachstumsregion ausgemacht. Deshalb lauern sie auf ein Straucheln des Familienunternehmens, um bei den 182 Filialen einsteigen zu können. Dirk Roßmann wies bei einer Pressekonferenz darauf hin, Budni habe 2014/15 zwei Millionen Miese gemacht – was Budni offenbar schaden sollte. Die Zahl steht im Bundesanzeiger. Im Ganzen zeigt die Bilanz ein gemischtes Bild: Dem Verlust steht ein höherer Umsatz entgegen, der um zehn Millionen auf 422 Millionen Euro gestiegen ist. Die Eigenkapitalquote, Maßzahl für die Finanzkraft, sank jedoch um drei Prozentpunkte auf 27,5 Prozent.
Jetzt macht sich die Familie auf die Suche nach einem Partner – gibt den Drogerieketten aber weiterhin einen Korb. „Eine Möglichkeit ist eine Zusammenarbeit mit Edeka. Hier sind wir in konstruktiven Gesprächen“, bestätigte eine Sprecherin einen Bericht der „Lebensmittel Zeitung“. Demnach loten beide Seiten eine Einkaufspartnerschaft aus. Sogar ein Gemeinschaftsunternehmen für Beschaffung, Logistik und Marketing sei denkbar. Mit dem Manöver will die Familie die Unabhängigkeit sichern: „Wir prüfen derzeit unterschiedliche Optionen für die langfristige Weiterentwicklung von Budni. Maßgeblich hierfür ist die Fortsetzung von Budni als eigenständiges, familiengeführtes Unternehmen“, erklärte die Sprecherin.
Der Einkauf ist schon länger Budnis Schwachstelle. Größe ist bei der Beschaffung alles. Selbst Kaiser‘s Tengelmann scheiterte vor allem wegen schlechterer Einkaufskonditionen. Im Budni-Markt merken das auch die Kunden: Viele Produkte sind teurer als bei dm und Rossmann, die sich derzeit eine Preisschlacht liefern. Dazu kommt, dass Aldi Marken wie Nivea aufgenommen hat.
Supermärkte wollen Drogerieartikel
Budni arbeitete bereits bis 2011 mit Edeka zusammen. Damals hieß es aber, die Sortimente passten nicht mehr übereinander. Budni wechselte zur Einkaufsgemeinschaft Markant, die es jetzt möglicherweise wieder verlässt. Von einer neuen Kooperation könnte auch Edeka profitieren: Für den Händler sind Drogerieartikel Randgeschäft. Budni würde Kompetenz und Einkaufsvolumen mitbringen, womit sich Edeka stärker profilieren könnte. Bundesweit sind Drogerieartikel seit der Schlecker-Pleite für Supermärkte ein wichtigeres Geschäft geworden. Edeka will den Vorgang erst kommentieren, wenn sich die Partnerschaft konkretisiert. Unklar ist auch, was das Bundeskartellamt dazu sagt.
Im Prinzip ist Budni ein gern gesehener Partner der Industrie. Der Händler nehme eine deutlich breitere Produktpalette ab als die großen Drogeriemärkte, sagte etwa ein hochrangiger Beiersdorf-Manager. Tatsächlich ist das Nivea-Sortiment fast lückenlos im Regal, inklusive Beiersdorf-Nischenmarken wie Florena. Cord Wöhlke, Vater von Christoph und Sohn der 84-jährigen Haupteignerin Ruth Wöhlke, sagte dem Handelsblatt kürzlich: „Wir haben zwei Weltkriege und zwei Währungsreformen überstanden. Wir wollen die regionale Unabhängigkeit erhalten.“ Das das mehr als eine Pose ist, zeigen mehrere Entscheidungen. So kündigte Budni die Eigenmarkenkooperation mit dm auf, als der Konkurrent vor sechs Jahren zunehmend Filialen im Hamburger Raum eröffnete. Statt also weiter dm-Marken wie Balea und Alverde zu führen, entwickelte Budni eine eigenständige Eigenmarken-Palette – ein echter Kraftakt. Dabei betont Budni die regionale Verankerung: Bio-Reiniger heißen „Klar Schiff“, Küchenrollen-Verpackungen zeigen Fotos vom Villenviertel Blankenese, auf Shampoo-Flaschen steht als Herkunft Norddeutschland vermerkt. Lücken im Sortiment konnte Budni so nach dem Verlust der dm-Partnerschaft nach und nach schließen. Zum Jahresbeginn hat Budni zudem eine Kampagne für die neue App gestartet, die die Kundenkarte ergänzen soll. Sie zeigt an, welche Produkte in der Filiale erhältlich sind, bietet Rabatte und künftig eine Zahlungsfunktion. App und Eigenmarken sind starke – und teure – Zeichen für Eigenständigkeit.
Aber weitere Investitionen stehen an: Einige Filialen müssen renoviert werden. Zudem eröffnet Budni weiterhin neue Standorte – obwohl dm und Rossmann offenbar gezielt in Budni-Nähe eröffnen, um den Konkurrenzdruck zu steigern. Budni will gegenhalten, indem neue Sortimente wie frisches Brot und Bio-Tiefkühlpizza dazukommen, an einigen Standorten sogar Obst.
Einen Beitrag dazu müssen die gut 2.800 Mitarbeiter leisten: Die letzte Tariferhöhung ließ die Familie unter Verweis auf die roten Zahlen ausfallen. Dennoch glauben sie offenbar an den Kurs: Statt für mehr Lohn demonstrierten sie zeitweise gegen die Attacken von Dirk Roßmann.