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Chef von Barry Callebaut im Interview „Wir wissen, wie vegane Schokolade geht“

Barry Callebaut liefert Rohschokolade an große Hersteller. Konzernchef Antoine de Saint-Affrique spricht im Interview über den Schoko-Hunger der Deutschen und neue Produkte.
19.12.2018 - 15:05 Uhr Kommentieren
„Bis 2025 wollen wir eine halbe Million Kakaobauern aus der Armut holen.“ Quelle: AFP/Getty Images
Barry-Callebaut-Chef Antoine de Saint-Affrique

„Bis 2025 wollen wir eine halbe Million Kakaobauern aus der Armut holen.“

(Foto: AFP/Getty Images)

Zürich Wer das Büro von Antoine de Saint-Affrique besucht, erschrickt: An der Wand seines Büros hängt eine hölzerne Stiermaske, die auf den ersten Blick ziemlich martialisch aussieht. „Die stammt aus Afrika und erinnert mich stets daran, woher viele der Rohstoffe für unsere Produkte kommen“, sagt der Chef von Barry Callebaut. Das Unternehmen mit Sitz in Zürich gilt als größter Schokoladenhersteller der Welt.

Herr de Saint-Affrique, fast jeder Deutsche dürfte schon mal Ihre Schokolade gegessen haben – und doch kennt kaum jemand ihre Firma. Ist das ein Fluch oder ein Segen?
Weder noch. Wir sind eben eine typisch Schweizerische Firma: Wir wollen etwas besonders gut machen und werden dafür von unseren Kunden geschätzt. Aber wir verstehen uns eher als diskretes Familienunternehmen. Wir wollen keinen Ruhm, wir wollen liefern.

Barry Callebaut liefert Rohschokolade an Nahrungsmittelfirmen wie Nestlé, Mondelez oder Unilever. Wieso verkaufen Sie keine eigene Schokolade?
Weil wir für unsere Kunden keine Konkurrenz sein wollen. Wir möchten ihnen die innovativste und am besten schmeckende Schokolade liefern.

Das Leben als Schokoladenhersteller scheint ziemlich lukrativ zu sein. Im vergangenen Geschäftsjahr haben Sie mehr als 350 Millionen Franken verdient, die Eigenkapitalrendite lag bei fast sechzehn Prozent.
Stimmt, das war ein ermutigendes Ergebnis, zu dem viele Faktoren beigetragen haben. Es ist aber auch eine Herausforderung, denn entsprechend hoch sind jetzt die Erwartungen. Aber wir mögen das. Wir werden uns nicht auf dem Ergebnis ausruhen, sondern weiter wachsen.

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    Wie wichtig ist der deutsche Markt für Sie?
    Deutschland ist für uns sehr wichtig. Die Deutschen lieben Schokolade, im Gebäck und als Tafel. Deutschland, die Schweiz und Großbritannien liegen beim Pro-Kopf-Verbrauch vorne. Außerdem gibt es in der Bundesrepublik viele sehr erfolgreiche Mittelständler, die stets neue Produkte mit Schokolade schaffen – und damit relevant bleiben.

    Gesunde Ernährung liegt im Trend. Gerät Schokolade da nicht ins Abseits?
    Sie müssen mal das vegane Magnum versuchen! Wir haben für Unilever eine vegane Schokolade geschaffen, die prima schmeckt. Wir sehen den Trend zur gesunden Ernährung als Chance. Es ist sehr schwierig, eine Schokolade mit weniger Zucker oder milchfrei zu machen, die trotzdem wie Schokolade schmeckt und aussieht. Das können nur sehr wenige. Und wir wissen, wie es geht.

    Was haben Sie noch im Angebot?
    Vergangenes Jahr haben wir einen neuen vierten Schokoladentyp namens Ruby vorgestellt, der sehr gut angenommen wird. Manche Innovationen sind für den Endkunden aber auch unsichtbar. Wir haben etwa eine Schokolade mit erhöhtem Schmelzpunkt entwickelt, mit der Hersteller ihre Produkte in heißen Ländern leichter transportieren und lagern können.

    In welchen Märkten wollen Sie wachsen?
    In allen natürlich. Wir wollen auf den etablierten Märkten Marktanteile dazugewinnen. Zugleich sehen wir in den Schwellenländern große Chancen. In China essen die Menschen derzeit rund 100 Gramm Schokolade im Jahr. In Deutschland sind es mehr als acht Kilogramm. Auch wenn die Chinesen keinen so großen Appetit entwickeln, gibt es für uns definitiv noch großes Potenzial.

    Die Kakaoindustrie wird für Ihre Methoden häufig scharf kritisiert. Nichtregierungsorganisationen werfen Ihrer Branche etwa vor, Regenwälder zu roden, um Kakao anzubauen. Sie haben angekündigt, dass Sie ab dem Jahr 2025 zu 100 Prozent nachhaltige Schokolade produzieren wollen. Ist das nur Greenwashing?
    Nein, wir wollen wirklich etwas verändern und nicht nur einen Haken auf dem Formular für die Compliance-Abteilung setzen. Bis 2025 wollen wir eine halbe Million Kakaobauern aus der Armut holen, Kinderarbeit aus unserer Lieferkette verbannen, die Kohlenstoff- und Waldbilanz positiv halten und nur noch nachhaltig produzierte Zutaten verwenden. Nur so können wir sicherstellen, dass wir auch in Zukunft noch unserem Geschäft nachgehen können.

    Wie weit sind Sie schon gekommen?
    Ziemlich weit. Schon heute stammen 44 Prozent der Zutaten unserer Schokolade, die wir verarbeiten, aus nachhaltigen Quellen. Letztes Jahr waren es etwa 33 Prozent.

    Das heißt aber auch: Der meiste Kakao wird nicht nachhaltig angebaut. Wieso dauert es so lange, das zu ändern?
    Moment – unsere Ziele sind sehr ambitioniert! Kein anderer Hersteller hat sich zuvor getraut, ein messbares Ziel mit einem Datum zu verknüpfen. Veränderungen brauchen in unserem Geschäft ihre Zeit. Bis ein Kakaobaum Bohnen trägt, vergehen drei bis fünf Jahre. Daran gemessen sind acht Jahre ein ziemlich kurzer Zeitraum.

    Die Rodungen sind nicht das einzige Problem. Auf vielen Kakaoplantagen gehört Kinderarbeit zum Alltag, obwohl die Schokoladenindustrie seit Jahrzehnten verspricht, sie auszumerzen.
    Wir wollen Kinderarbeit aus unserer Lieferkette völlig ausschließen. Das Problem ist komplex. Erst einmal muss man verstehen, dass es um Kinder geht, die auf den Farmen ihrer Eltern helfen. Dabei arbeiten sie nicht nur zu lange und fehlen in der Schule, sondern übernehmen auch gefährliche Aufgaben, etwa die Anwendung von Schädlingsbekämpfungsmitteln. Die Kinder verlieren damit ihre Chance auf Bildung und eine glückliche Kindheit und gefährden ihre Gesundheit. Das müssen wir ändern.

    Wie?
    Kinderarbeit ist oft eine direkte Folge von Armut. Deshalb schulen wir die Farmer und lehren moderne Anbaumethoden, damit sie produktiver werden und ein höheres Einkommen erzielen können. In manchen Gegenden gibt es zudem gar keine weiterführenden Schulen, die Kinder besuchen könnten. Kinderarbeit hat zudem auch einen kulturellen Aspekt.

    Inwiefern?
    In Indonesien schicken die Farmer ihre Kinder zur Schule. In Westafrika aber sagen viele Farmer: Ich habe auf der Farm meiner Eltern gearbeitet, und die Eltern meiner Eltern auch. Wir haben letztes Jahr über 200.000 Farmer geschult und ihnen erklärt, warum Kinderarbeit langfristig schadet. Als Familienunternehmen sehen wir uns in der Pflicht. Aber um das Problem zu lösen, braucht es eine breite Allianz von Unternehmen, Regierungen und Nichtregierungsorganisationen. Hier sind wir eine der treibenden Kräfte.

    Könnten Sie den Bauern nicht einfach mehr zahlen?
    Das löst das Problem nicht. Wenn Sie nur über drei oder vier Hektar an Farmland verfügen, kann der Preis gar nicht so weit steigen, dass davon eine sechsköpfige Familie leben kann. Die Produktivität muss steigen. Auf größeren Farmen können die Bauern verschiedene Pflanzen anbauen und damit ihre Einkommensquellen diversifizieren.

    Werden Sie denn ein Familienunternehmen bleiben? Drei Aktionäre aus der einstigen Kaffeedynastie Jacobs haben zuletzt Barry-Callebaut-Aktien verkauft. Am Markt sorgte das für große Unruhe.
    Ja, Angehörige der Jacobs-Familie haben ihre Anteile an Barry Callebaut etwas reduziert. Das bereitet mir keine schlaflosen Nächte. Die Jacobs-Holding hält weiter 50,1 Prozent an unserem Unternehmen und hat ihr Engagement als langfristiger Mehrheitsaktionär bekräftigt.

    Wie wichtig ist der Rückhalt der Familie Jacobs für Ihr Unternehmen?
    Die engen Beziehungen zur Familie sind für uns sehr wichtig. Barry Callebaut geht auf eine Vision von Klaus Jacobs zurück. Er hat mit einem Großteil seines Vermögens die Jacobs-Stiftung geschaffen, die sich der Bildungsförderung verschrieben hat. Ein großer Teil der Dividende, die wir ausschütten, fließt also in Bildung und Jugendförderung und erfüllt damit seinen Traum. Wir verkaufen Schokolade und fördern damit die Bildung – was könnte noch besser sein?

    Herr de Saint-Affrique, ich danke für das Gespräch.

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