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De Juniac, Chef des Luftfahrtverbands Iata „Ohne staatliche Unterstützung würde die Hälfte der Airlines im Juni Konkurs anmelden“

Der Iata-Chef fordert, dass sich die Staaten rasch wieder aus den Airlines zurückziehen – und erklärt, wie ein Neustart des Flugverkehrs noch Ende Mai möglich ist.
07.05.2020 - 17:12 Uhr Kommentieren
„Derzeit kämpfen alle ums Überleben.“ Quelle: Bloomberg
Iata-Chef Alexandre de Juniac

„Derzeit kämpfen alle ums Überleben.“

(Foto: Bloomberg)

Paris Alexandre de Juniac, Chef des Luftfahrtverbands Iata, rechnet mit einer tiefen und langen Krise der zivilen Luftfahrt. „Die Fluggesellschaften werden in diesem Jahr mehr als die Hälfte ihrer Einnahmen verlieren, ohne staatliche Unterstützung würde die Hälfte der Airlines im Juni Konkurs anmelden“, sagt de Juniac im Interview mit dem Handelsblatt. Ende des Jahres würden erst 50 Prozent des Umsatzes wieder erreicht, der 2019 erzielt wurde.

De Juniac hält Staatshilfen für unausweichlich, fürchtet aber auch, das Verzerrungen damit verbunden sein werden: „Die Staaten, die ihre Fluggesellschaften finanziell absichern, werden dann stabilere Unternehmen haben.“ Deshalb sollten die Staaten ihre Beteiligungen möglichst bald wieder abstoßen.

Ende Mai rechnet der Iata-Chef mit dem Neustart der nationalen Märkte, im dritten Quartal werde das europäische Fluggeschäft dazu kommen und später auch wieder transkontinentale Flüge in großem Umfang. Voraussetzung dafür sei eine Einigung mit den Regierungen auf ein einheitliches neues Gesundheitsprotokoll, das die Iata schon in den nächsten Tagen vereinbaren will.

Das Fliegen wird demnach künftig deutlich anders ablaufen: Vorgesehen sind Checkpoints an den Flughäfen, an denen Schnelltests auf das Coronavirus stattfinden können. Im Flieger soll es Masken und eine umfassende Desinfektion aller Oberflächen sowie des Handgepäcks geben. Sitze sollen aber nicht freibleiben. Insgesamt ist De Juniac optimistisch: „Der Appetit auf das Fliegen wird nicht abnehmen.“

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    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Herr de Juniac, wie hart ist die Krise für die Fluggesellschaften? Und wann wird sie Ihrer Ansicht nach überwunden sein?
    Die Fluggesellschaften werden in diesem Jahr mehr als die Hälfte ihrer Einnahmen verlieren, rund 210 Milliarden Dollar. Allein im zweiten Quartal werden sie 61 Milliarden Dollar an Cash verbrennen, und ohne staatliche Unterstützung würde die Hälfte der Airlines im Juni Konkurs anmelden. Das ist die Größenordnung der Krise.

    Europa kommt langsam aus dem Lockdown heraus, die USA ebenfalls, Asien hat ihn nie so strikt angewendet. Was erwarten Sie für Ende diesen Jahres und für das kommende Jahr 2021?
    Wir erwarten einen Neustart in mehreren Phasen. Ende Mai bis Ende Juni werden die Inlandsflüge wieder beginnen. Danach werden wir versuchen, den europäischen Markt wiederzubeleben, und im vierten Quartal die Interkontinentalflüge. Ende des Jahres wollen wir wieder bei 50 bis 60 Prozent des Verkehrsaufkommens sein, das wir 2019 hatten. Das bedeutet: Erst Mitte oder Ende nächsten Jahres werden wir wieder den vollen Betrieb haben.

    Sind alle Airlines betroffen?
    Ich kenne keine, die nicht leidet. Es sind keine Passagiereinnahmen da; Cargo läuft etwas besser, aber das macht nur zehn bis 15 Prozent der Einnahmen aus. Allein den reinen Cargo-Gesellschaften geht es gut.

    Wird der Flugverkehr je wieder so sein wie vor der Krise? Mit welchen Veränderungen rechnen Sie? Ist beispielsweise die Zeit der ganz großen Maschinen vorbei?
    Ich sehe widersprüchliche Trends. Erstens erwarten wir nicht, dass der Appetit aufs Fliegen abnehmen wird. Es wird vielleicht eine Weile dauern, bis die Menschen zurückkommen, bis sie wieder in ein Flugzeug steigen. Aber die Nachfrage wird wiederkommen, wenn die Epidemie überwunden ist oder klar ist, dass keine Ansteckungsgefahr beim Fliegen besteht.

    Vielleicht haben die Menschen während des Lockdowns gelernt, dass sie nicht unbedingt über das Wochenende für eine Party nach Barcelona fliegen müssen ...
    Ich höre das auch, aber ich glaube nicht daran. Diese angebliche neue Vorliebe für die Nähe – es gibt noch gar keine verlässlichen Studien, die das untermauern würden. Persönlich denke ich, dass die Menschen weiter das Flugzeug nehmen werden, auch für Langstreckenreisen. Davonfliegen zu können und sicher zurückzukommen, das ist eine wichtige Freiheit. Menschen wollen reisen, sobald sie sich ein Flugticket kaufen können, das sehen wir auch in Schwellenländern.

    Aber sogar große Hersteller wie Airbus rechnen damit, dass künftig eher kleinere Flugzeuge nachgefragt werden.
    Wegen der Krise könnten einige Unternehmen pleitegehen, dann nähme das Angebot ab. Das könnte zu weniger Wettbewerb und höheren Preisen führen. Auf der anderen Seite übt die schwache Nachfrage einen Druck auf die Preise aus. Außerdem werden wir nach wie vor die Forderungen sehen, die Emissionen des Flugverkehrs zu verringern, und die Regierungen werden neue Anforderungen an die Fluggesellschaften stellen, etwa eine geringere Auslastung. Im Ergebnis könnten die Low-Cost-Airlines am stärksten leiden, auch wenn langfristig das Modell bestehen bleiben wird.

    Der Appetit aufs Fliegen wird nicht abnehmen.

    Erwarten Sie, dass alle Airlines Hilfen vom Staat erhalten werden?
    Nein, in einigen Fällen wollen die Regierungen nicht, in anderen zögern die Unternehmen selber, Hilfen zu beantragen, weil sie Auflagen fürchten. Einige werden nicht überleben oder in Insolvenz gehen: Flybe ist ein Beispiel, Virgin Australia ein weiteres, South African ist in Schwierigkeiten. Aber es ist zu früh, um die „wide bodies“ abzuschreiben. Ich bin nicht davon überzeugt, dass das geschehen wird. Unmittelbar stimmt es, dass man kleinere Flugzeuge einsetzen wird, auch für Langstreckenflüge. Der Trend begann aber schon vor der Krise.

    Werden mehr Airlines sich aus der Kurzstrecke zurückziehen, zugunsten des Zuges?
    An den grundlegenden Fakten hat sich ja nichts geändert. Ausschlaggebend ist die Gesamtdauer der Reise, inklusive der Fahrt zum Flughafen oder Bahnhof. Der Wettbewerb findet nur dort statt, wo die Fahrt mit dem Zug nicht länger als zwei bis drei Stunden dauert.

    Mal ganz praktisch gesehen: Wie wird der Neustart des Flugverkehrs ablaufen?
    Wir arbeiten mit den Regierungen und den industriellen Partnern an einem Plan dafür. Da sind viele technische Fragen zu lösen, wie die Pilotenlizenzen und die Wartung der Flugzeuge – aber all das kennen wir. Schwieriger werden die Gesundheitskontrollen, die Passagiere selber erwarten und die staatlicherseits verlangt werden, um den Luftverkehr wieder aufleben zu lassen. Wir arbeiten hart daran, die Regierungen dazu zu bringen, einen einheitlichen Gesundheitskontrollprozess für die ganze Welt zu akzeptieren.

    Wie könnte der aussehen?
    Er soll garantieren, dass es keine Infektionsgefahr an Bord gibt. Wir hoffen, dass der Kontrollprozess Ende dieser Woche vereinbart sein wird.

    Das ist sportlich …
    Anders können wir es nicht schaffen, Ende Mai wieder Inlandsflüge zu haben. Wir haben mit vielen Gesundheitsorganisationen, mit der WHO, mit den Flughäfen und den Regierungen gearbeitet. Voraussetzung sind Millionen von zuverlässigen Coronatests, deren Ergebnisse in einem vernünftigen Zeitraum vorliegen, das kann nicht zwei Stunden dauern.

    Wir werden sicher fliegen können, ohne massenweise Sitze zu blockieren.

    Wie wollen Sie Passagiere überzeugen, ohne die Abstandsregeln einhalten zu können, die sonst gelten?
    Daran arbeiten wird. Wir können nicht massenweise Sitze stilllegen, dann wäre kein Flug mehr rentabel, oder wir müssten die Preise um 50 bis 100 Prozent erhöhen. Dann wären Flüge aber nicht mehr erschwinglich für alle Gesellschaftsschichten.

    Wie könnte der Schutz vor einer Corona-Infektion an Bord denn aussehen?
    Es wird eine ganze Reihe von Sicherheitsmaßnahmen geben, angefangen bei Schutzmasken für alle Personen an Bord und einer speziellen Desinfektion des Flugzeugs und des Handgepäcks. Ersten Erkenntnissen zufolge war die Zahl der Ansteckungen auf Flügen bereits ohne dieses Protokoll extrem niedrig, was an der sehr guten Filterung der Luft liegt.

    Wenn wir Gesundheits-Checkpoints an den Flughäfen haben und die zusätzlichen Aktionen an Bord, können wir sicher fliegen, ohne Sitze zu blockieren. Ich hoffe, dass wir die Regierungen davon überzeugen können.

    Erwarten Sie einen stärkeren Einfluss der Staaten auf die Fluggesellschaften wegen der Finanzhilfen?
    Das ist wahrscheinlich. Wenn eine Airline Hilfe in Form einer Kapitalerhöhung akzeptiert, wird die Regierung im Gegenzug Mitsprache und Präsenz in den Aufsichtsgremien verlangen. Vielleicht wird das ein paar Jahre dauern, dann werden die Staaten ihre Beteiligungen wieder verkaufen, wie es bei der letzten großen Krise geschehen ist, sogar in den äußerst liberalen USA. In der Autoindustrie und bei den Banken haben wir das ja erlebt.

    Greifen die Staaten ein, haben wir aber keinen richtigen Markt mehr – die Länder mit der besten Finanzausstattung werden automatisch die stärksten Airlines besitzen.
    Das kann in der Tat geschehen. Die Staaten, die ihre Fluggesellschaften finanziell absichern, werden dann stabilere Unternehmen haben.

    Wie lässt sich damit umgehen? Brauchen wir eine stärkere Wettbewerbsaufsicht?
    Was den Wettbewerb angeht, mache ich mir keine großen Sorgen, der ist in unserer Branche sehr lebhaft. Aber die Staaten sollten ihre Beteiligungen wieder verkaufen, ihre Präsenz in den Airlines sollte wirklich nur vorübergehend sein.

    Sobald es der Branche wieder besser geht, werden die Umweltziele wieder an der Spitze der Agenda stehen.

    Die Verringerung von Emissionen, besonders des CO2-Ausstoßes von Flugzeugen, ist derzeit kein großes Thema mehr. Denken Sie, dass das so bleibt?
    Der Druck wird zurückkommen. Da hat sich nichts verändert. Und wir stehen zu unseren Verpflichtungen. Einige Regierungen nehmen Umweltkonditionen in ihre Hilfspakete auf, das halten wir für sinnlos. Wir sind nicht in einer Lage, in der wir es uns erlauben können, immer mehr Bedingungen zu stellen.

    Warum nicht?
    Weil das darauf hinausläuft zu sagen: Wir geben euch einen Rettungsring, aber der muss erst mal als „grün“ zertifiziert werden. In der Zwischenzeit müsst ihr leider ertrinken. – Aber wir stehen zu unseren Umweltverpflichtungen, und der Druck der Öffentlichkeit wird bleiben.

    Aber die Krise ist auch ein schönes Argument für Sie, Investitionen in CO2-Minderung zurückzustellen – wir sehen das ja schon bei Airbus und Boeing.
    Das ist nur ein vorübergehendes Phänomen, derzeit kämpfen alle ums Überleben. Sobald es der Branche wieder besser geht, werden die Umweltziele wieder an der Spitze der Agenda stehen, das wird ziemlich schnell gehen.

    Könnte eine veränderte Regulierung den Airlines helfen, die Krise zu überleben?
    Wir haben um ein zeitweiliges Abweichen von bestimmten Vorschriften gebeten, etwa bei Passagierrechten, um eine Erstattung in Form von Gutscheinen vorzunehmen, oder auch bei den Start- und Landerechten. Aber nach der Krise wird wieder die normale Regulierung gelten.

    Herr de Juniac, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Gutscheine sofort, Rückzahlungen später: Airlines lassen Reisende hängen

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