EM 2024: Kritik an Bahn und Nahverkehr – Organisatoren wiegeln ab
Düsseldorf. Bereits kurz nach dem Start der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland monieren Fans mangelhafte Bahnverbindungen und eine schlechte Organisation, um zu den Stadien und danach wieder zurückzukommen. In sozialen Medien wie etwa auf X teilen sie Fotos von vollen Bahnsteigen und machen ihrem Ärger Luft. Der deutsche Nahverkehr könnte damit zum Problem für die Fußball-EM werden.
Die meisten Berichte kommen aus Gelsenkirchen: Beim Spiel zwischen England und Serbien am Sonntagabend soll es zu langen Schlangen sowohl bei der An- als auch bei der Abreise gekommen sein.
Zwei Stunden nach Spielende hätten noch „Zehntausende Fans in einer langen Schlange auf die Tram in die Innenstadt gewartet“, schreibt ein Nutzer. Auch ein ICE in Richtung Essen, Düsseldorf und Köln soll mit über 70 Minuten Verspätung angekommen sein.
„Wir haben dort einen guten Job gemacht“, sagt ein Sprecher der Nahverkehrsgesellschaft Bogestra auf Anfrage des Handelsblatts. Wenn Schalke 04 in der Arena spiele, dauere es schon eine Stunde, um alle Fans wieder abzutransportieren. Für die EM-Spiele sei das Ziel zwei Stunden. Mit Wartezeiten sei grundsätzlich immer zu rechnen, wenn viele Leute einen Ort zum selben Zeitpunkt verließen.
Die Infrastruktur, die zur EM genutzt werde, sei die gleiche wie bei anderen Großveranstaltungen. Im Nachgang des Spiels sei in der Analyse nichts aufgefallen, was die Bogestra anders machen müsse. Für die nächsten Spiele in Gelsenkirchen habe die Bogestra „die gleiche Motivation und eine sehr gute Aufstellung“, so der Sprecher.
Deutsche Bahn zieht positive Bilanz
Die Deutsche Bahn (DB) verweist darauf, dass am Sonntagabend nach dem Spiel zwischen 23 Uhr und ein Uhr 21 Züge verschiedener Eisenbahnverkehrsunternehmen vom Gelsenkirchener Hauptbahnhof abgefahren seien. Aufgrund der großen Besucherströme sei es zu „deutlichen Rückstauungen“ gekommen, laut Aussagen der Polizei sei die Abreise der Fans aber weitestgehend geordnet und ohne Zwischenfälle verlaufen.
Auch mit Blick auf das Spiel Österreich gegen Frankreich in Düsseldorf am Montag berichteten Reisende aus Österreich von Problemen mit der Bahn. Auf dem Weg sind laut Berichten Hunderte Fans in Passau gestrandet, da die Bahnstrecke zwischen Passau und Regensburg gesperrt war. Der Schienenersatzverkehr mit Bussen soll demnach bei einigen Fans nicht direkt funktioniert haben.
„Euch haben’s aber auch fest ins Hirn g’schi**n“, zitiert das Medienunternehmen Oe24 einen verärgerten Fußballfan. Gegenüber Ippen Media wies die DB darauf hin, mit Hochdruck an der Fertigstellung der Baustelle gearbeitet zu haben, und bittet die betroffenen Fahrgäste „ausdrücklich um Entschuldigung“.
Die Verkehrsbetriebe der zehn austragenden Städte in Deutschland sehen sich insgesamt gut vorbereitet. Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) zeigt sich auf Anfrage des Handelsblatts „grundsätzlich zufrieden“ damit, wie die Beförderung beim ersten Spiel in München (Deutschland gegen Schottland, 5:1) am Freitag lief. Alles, was rollen könne und auf die Strecke passe, sei auf der Schiene gewesen, „mehr Kapazitäten sind nicht möglich“, so die MVG.
Eine Türstörung am U-Bahnhof Studentenstadt hatte in München vor dem Spiel für einen zwanzigminütigen Stillstand der Züge Richtung Arena geführt. Durch den Rückstau der Züge sei es vorübergehend zu zusätzlichen Kapazitätsengpässen gekommen. Außerdem habe es kleinere Störungen gegeben, etwa wenn Fahrgäste die Notbremsen oder Nothalte gezogen hätten.
Dortmund und Leipzig empfehlen, zu Fuß zu gehen
In Dortmund seien die Erfahrungen am ersten Wochenende „ausnahmslos positiv“ gewesen, so ein Sprecher von DSW21, der Stadtwerke-Holding in Dortmund, in der die städtische Infrastruktur zusammengefasst ist. Da in Dortmund sowohl das Stadion als auch das Fan-Fest von der Innenstadt aus zu Fuß in 20 bis 30 Minuten zu erreichen sei, werbe die Stadt dafür, möglichst zu Fuß zu gehen. „Das entlastet den ÖPNV.“
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Auch in Leipzig, wo am Dienstag das erste Spiel (Portugal gegen Tschechien) ansteht, ist das Stadion nicht weit außerhalb, sondern in der Stadt gelegen. Die Leipziger Verkehrsbetriebe rechnen deshalb damit, dass ein großer Teil der Fußball-Fans zu Fuß geht oder radelt – auch wenn der Großteil mit dem ÖPNV anreisen könnte. In Leipzig sei man gut gewappnet, so ein Sprecher.
In Stuttgart seien beim ersten Spiel (Dänemark gegen Slowenien, 1:1) alle Ticketinhaber rechtzeitig im Stadion angekommen, sagt der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS). Die Verteilung der Fans auf die beiden Verkehrsmittel S-Bahn und Stadtbahn sei aber nicht ganz nach Plan gelaufen, sodass es teilweise zu sehr hohen Auslastungen und auf der Rückfahrt auch zu „Zugangsdosierungen an den Bahnsteigen“ gekommen sei, sagte eine Sprecherin. Diesem Aspekt werde bei den kommenden Spielen „noch mehr Aufmerksamkeit“ gewidmet.
Kein besonderes Konzept für das Finale
Der Hamburger Verkehrsverbund möchte auf den „guten Erfahrungen“ des ersten Spiels aufbauen und „kleinere Anpassungen bei der Organisation der Shuttlebus-Abfahrten“ nach dem Spiel vornehmen. In Köln habe es „im Rahmen der Möglichkeiten gut geklappt“, heißt es von den Kölner Verkehrsbetrieben. Für den zweiten Kölner Spieltag am Mittwoch (Schottland gegen Schweiz) wurde die Anzahl der Fahrten im Stadiondienst „noch einmal vergrößert“.
Der RMV in Frankfurt zeigt sich zufrieden mit der Planung und der Umsetzung der Verkehrsunternehmen – nach eigener Einschätzung hat das Angebot für die Zehntausenden Besucherinnen und Besucher am Montag gut funktioniert. Auch in Düsseldorf seien sowohl der Antransport, der kurzzeitig durch einen Fanmarsch unterbrochen wurde, als auch der Rücktransport ohne Auffälligkeiten gewesen, sagte ein Sprecher der Düsseldorfer Rheinbahn.
Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ziehen eine positive Bilanz des ersten Spiels in der Hauptstadt (Spanien gegen Kroatien, 3:0). „Alle Fahrgäste konnten ohne lange Wartezeiten zum und vom Stadion und zur Fanzone fahren“, sagte ein Sprecher.
In Berlin wird am 14. Juli auch das Finale der Fußball-EM ausgetragen. Ein besonderes Konzept für das Endspiel gebe es in diesem Sinne nicht, da die Zuschauer- und Fahrgastzahlen dieselben seien wie bei den anderen ausverkauften Spielen, heißt es von einem Sprecher auf Anfrage des Handelsblatts. Die relevanten Linien würden aber noch länger als bei anderen Spielen „in dichten Takten bis in die Nachtstunden fahren“.