Exportgeschäft: Pipeline-Riese Transneft übernimmt Russlands größte Häfen zum Schnäppchenpreis
Von Noworossijsk aus beliefert Russland den gesamten Mittelmeerraum, den Nahen Osten, aber auch Afrika und Südostasien – sei es mit Öl und Kohle, Getreide, oder Containerfracht.
Foto: imago/ITAR-TASSMoskau. Der russische Pipelinemonopolist Transneft baut seine führende Stellung im Exportgeschäft aus. Der staatliche Ölgigant übernimmt die größte russische Hafengesellschaft NMTP. Ein Schnäppchen, auch weil die Vorbesitzer im Gefängnis sitzen.
Die Moskauer Börse reagierte erfreut auf den Deal: Als am Dienstag bekannt wurde, dass die Transneft die Kontrolle bei der Hafengesellschaft übernimmt, schossen die NMTP-Aktien zu Handelsbeginn um fast zwölf Prozent in die Höhe, ehe sich die Euphorie wieder etwas legte.
Die Reaktion der Börse ist ein Indiz für die Erleichterung der Aktionäre darüber, dass der Machtkampf im Kreml um den lukrativen Umschlagplatz nun wohl vorbei ist.
NMTP ist die russische Abkürzung für den Seehafen Noworossijsk, doch schon lang ist NMTP über den Status eines einzigen Hafen – und sei es der größte in ganz Russland – herausgewachsen. Neben dem Schwarzmeerhafen Noworossijsk besitzt NMTP auch die Ostseehäfen Primorsk und Baltisk.
Baltisk, in der russischen Ostsee-Exklave Kaliningrad gelegen, verschifft vor allem Container nach Europa. Vor zwei Jahren wurde gar eine Frachtfährverbindung zum deutschen Ostseehafen Sassnitz/Mukran aufgebaut, die derzeit jedoch still liegt.
Für den Konzern Transneft, der 84 Prozent des in Russland geförderten Rohöls und 26 Prozent des Leichtöls exportiert, ist vor allem das ebenfalls an der Ostsee liegende Ölterminal Primorsk interessant. Russische Medien hatten Primorsk schon während der Bauphase 2001 bis 2005 „Fenster nach Europa“ getauft.
Mit fast 60 Millionen Tonnen Umschlag ist der Hafen einer der größten in Russland. Primorsk ist einer der Endpunkte des Baltischen Pipelinesystems (BTS), mit dem Transneft Öl aus dem Ural, der Wolgaregion und Westsibirien Richtung Ostsee pumpt. Von hier aus gehen Öl und Ölprodukte dann nach Westeuropa. Primorsk ist damit ein wesentlicher Bestandteil der Energieversorgung – auch für Deutschland.
Als einziger Tiefseehafen in Südrussland verspricht auch Noworossijsk gute Geschäfte. Von hier aus beliefert Russland den gesamten Mittelmeerraum, den Nahen Osten, aber auch Afrika und Südostasien – sei es mit Öl und Kohle, Getreide, oder Containerfracht.
2017 wurden in dem für Russland strategisch wichtigen Hafen 150 Millionen Tonnen Fracht umgeschlagen. Das Geschäft bei NMTP floriert seit Jahren. Entsprechend viele Bewerber gibt es um die Hafengesellschaft. Unter anderem soll Putins Vertrauter, der Rosneft-Präsident Igor Setschin ein Auge darauf geworfen haben, um seine Ölexporte anzukurbeln.
Allerdings sitzt auch bei Transneft ein guter Vertrauter des russischen Präsidenten auf dem Vorstandssessel: Nikolai Tokarjew ist mit Wladimir Putin noch aus gemeinsamen Agententagen in Dresden bekannt. Und so machte letztlich Transneft das Rennen.
Für 25 Prozent der Aktien bezahlte der Konzern 750 Millionen Dollar und hat damit seinen Anteil an NMTP auf 60,6 Prozent ausgebaut. Der Preis liegt zwar deutlich über dem derzeitigen Börsenniveau, aber immer noch weit unter dem, was zu Jahresanfang hätte bezahlt werden müssen. Damals war das Paket auf bis zu 1,2 Milliarden Dollar taxiert worden.
Besitzer in Haft
Die Besitzer, das Bruderpaar Sijawudin und Magomed Magomedow, sitzen allerdings seit Ende März wegen Betrugsvorwürfen in Untersuchungshaft. Sijawudin wurde 2017 in der Forbes-Liste noch an Position 63 der russischen Dollarmilliardäre mit einem Vermögen von 1,4 Milliarden Dollar geführt.
Nun droht ihm und seinem Bruder wegen Betrugs in besonders großem Ausmaß und Bildung einer organisierten kriminellen Vereinigung eine Haftstrafe von mehr als zehn Jahren. Der Verkauf war daher auch ein Deal mit der Staatsanwaltschaft, berichtet die Nachrichtenagentur Rosbalt. Der Erlös dürfte damit an den Staat zurückfließen.
Es ist nicht das erste Mal, dass russische Unternehmer unter dem Druck einer Strafverfolgung ihre Konzerne verkaufen. Der russische Oligarch Wladimir Gussinski verkaufte 2001 in Untersuchungshaft den Fernsehsender NTW an den kremlnahen Konzern Gazprom.
2004 wurde Yukos zerschlagen, während Konzernchef Michail Chodorkowski in Haft saß und 2007 musste Ölmagnat Michail Guzerijew seinen Konzern Russneft verkaufen, als die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen ihn aufnahm. Immerhin konnte Guzerijew, als er seine Probleme gelöst hatte, Russneft zurückkaufen.
Für die Brüder Magomedow sehen die Perspektiven weniger freundlich aus. Dafür freut sich Transneft. Zwar ist der Gewinn von NMTP im ersten Halbjahr ist um 43 Prozent auf 140 Millionen Dollar eingebrochen. Analysten gehen aber mehrheitlich davon aus, dass sich die Geschäfte der Hafengesellschaft schnell wieder erholen, nachdem die politischen Risiken aufgelöst wurden.
„NMTP ist eine der rentabelsten Logistik-Unternehmen“, erklärte Georgi Waschtschenko von der Investmentgesellschaft „Freedom Finance“. Transneft hat in jedem Fall seine Stellung auf dem Markt für Ölexporte zementiert.