KFC und Pizza Hut: Der Geheimplan des schillernden Unternehmers Ilkem Sahin
Ilkem Sahin ist ein Unternehmer, der das Rampenlicht genießt. Wie an dem Abend im Jahr 2023, als die türkische Ausgabe des Männermagazins „GQ“ ihn als „Unternehmer des Jahres“ auszeichnete. Beim Galaabend in Istanbul freute sich Sahin, im Smoking mit Fliege, damals über die „wertvolle Auszeichnung“.
Schon als Kind habe er davon geträumt, einmal in der „GQ“ aufzutauchen, erzählte er auf der Bühne. Nun steht der 48-Jährige, der in Deutschland und der Türkei zuletzt die Franchise-Marken KFC und Pizza Hut kontrollierte, erneut im Licht der Öffentlichkeit. Aber anders, als ihm vermutlich lieb sein dürfte.
Nachdem Yum! Brands, der amerikanische Mutterkonzern von KFC und Pizza Hut, die Zusammenarbeit mit Sahin in Deutschland und der Türkei beendet hatte, schlitterte die von Sahin geführte IS Holding in eine schwere Krise.
Laut Dokumenten, die der WirtschaftsWoche vorliegen, soll allein eines der Tochterunternehmen des Konzerns, IS Gida, Verbindlichkeiten in Höhe von mehr als 120 Millionen Euro aufweisen. Das Unternehmen betrieb zuletzt die Filialen von KFC und Pizza Hut in der Türkei.
Weitere Sahin-Unternehmen, darunter der bekannte Nusshersteller Peymann sowie ein Logistikunternehmen, sind ebenfalls in Schwierigkeiten. Inzwischen wankt der ganze Konzern. In Folge der wirtschaftlichen Schieflage beantragte Sahin vor wenigen Tagen ein Konkordatsverfahren – im türkischen Recht etwa vergleichbar mit einem deutschen Sanierungsverfahren. Die Folge: Mehr als 6000 Mitarbeiter sind vorerst ihre Jobs los.
Demonstrationen vor Fast-Food-Filialen
In zahlreichen türkischen Städten gehen Mitarbeiter von KFC und Pizza Hut seit Tagen auf die Straße. Sie schreien, halten Schilder hoch. „Ilkem Sahin – wir suchen Gerechtigkeit“, steht auf einem der Plakate bei einer Demonstration im Istanbuler Vorort Beykoz. „Wir haben für den Monat Januar kein Geld bekommen“, sagt Cahit Sabay, der mehrere Jahre als Restaurantleiter bei KFC gearbeitet hat und derzeit im Online-Karrierenetzwerk LinkedIn auf seine Sorgen aufmerksam macht.
Die Schuld an der Krise in seinem Firmen-Reich schiebt Sahin in Richtung Amerika. Am 3. Februar schickte der Unternehmer, der zuletzt in Deutschland Unternehmen wie den Fernsehsender Rhein-Main TV, die Spezialpapierfabrik Ober-Schmitten und den Felgenhersteller BBS in ein Insolvenzverfahren geführt hat, einen Brief an die Belegschaft.
In dem Schreiben, das der WirtschaftsWoche vorliegt, erklärte der Unternehmer, dass sein Konzern in den vergangenen Monaten hohe Zinsen für Kredite zahlen musste, „um keine Störungen bei der Produktversorgung zu erleben und unsere Gehälter pünktlich zahlen zu können“.
Zudem habe Yum! Brands die Verträge „mit unrealistischen Ausreden“ gekündigt und dadurch seinem Konzern einen „irreversiblen Schaden“ zugefügt. Ob auch er Verantwortung für die wirtschaftlichen Turbulenzen trägt, teilt Sahin nicht mit. Selbstkritik: Fehlanzeige. Mehrere Fragenkataloge der WirtschaftsWoche lässt er unbeantwortet.
Expansion mit hochverzinsten Krediten
In den Vereinigten Staaten sehen die Verantwortlichen von Yum! Brands die Situation anders. Sahins Konzern habe Betriebsstandards nicht eingehalten und gegen „die grundlegenden Bestimmungen unserer Franchisevereinbarungen“ verstoßen, teilte Yum-Finanzchef Chris Turner bereits Anfang des Jahres mit.
Man habe über Monate versucht, „Unterstützung zu leisten und wichtige Probleme zu lösen“. Sahin und sein Konzern seien dennoch nicht in der Lage gewesen, „unsere Standards einzuhalten“. Der Entscheidung, die Verträge mit dem türkischen Geschäftsmann zu kündigen, waren auch Recherchen der WirtschaftsWoche zu Unregelmäßigkeiten im Sahin-Reich vorausgegangen.
Dokumente, die der Redaktion aus der Türkei zugespielt wurden, legen zudem nahe, dass Sahin sich mit seinem Expansionskurs in der Türkei finanziell übernommen haben könnte.
Nachdem er 2019 die Masterfranchise-Rechte von KFC und Pizza Hut in der Türkei übernahm, eröffnete er dort im Eiltempo mehr als 500 Filialen – und finanzierte den Aufbau über zuletzt „hochverzinste Kredite“. Für die Verbindlichkeiten bürgten auch Tochterunternehmen wie der Nusshersteller Peyman, der erst im Jahr 2022 von der Private-Equity-Gesellschaft Bridgepoint übernommen wurde.
„Man war der Überzeugung, dass man schnell wachsen und immer größer werden musste, um von Yum nicht wieder aus dem Markt gestoßen zu werden“, sagt ein Insider aus der Türkei. Auf diese eigene Stärke habe Ilkem Sahin vertraut, ergänzt er. „Und daher war es auch ein Schlag für ihn, als die Amerikaner den Vertrag gekündigt haben.“
Das türkische Konkordatsverfahren gibt Sahin vorerst drei Monate Zeit, um seine Unternehmen zu sanieren. Währenddessen sind Vollstreckungsmaßnahmen der Gläubiger grundsätzlich nicht zulässig, so dass ein kriselndes Unternehmen einen Sanierungsplan erstellen kann. Und natürlich: lkem Sahin hat offenbar einen Plan B in der Tasche, um seinen Konzern wieder auf stabile Füße zu stellen.
Pide anstatt Pizza und Hähnchen
So plant der Geschäftsmann die Umrüstung von etwa 100 Filialen. Wo einst Pizza oder Hähnchenteile unter den Marken KFC oder Pizza Hut verkauft wurden, sollen künftig türkische Pide-Brote aus dünnem, gebackenem Sauerteig über den Tisch gehen. „Pide, eines der beliebtesten Gerichte der türkischen Küche, soll in einer modernen Interpretation präsentiert werden“, heißt es in den Dokumenten.
Die neue Marke aus dem Hause Sahin soll Kunden eine authentische Speisekarte und ein modernes Restaurantdesign bieten. „Unser Pide-Konzept wird die regionalen Unterschiede der türkischen Pide-Kultur aufgreifen und mit einer modernen Präsentation kombinieren. Dadurch wird nicht nur unser Restaurantnetz wiederbelebt, sondern auch der türkischen Gastronomiebranche eine neue, wertvolle Perspektive hinzugefügt“, so steht es in den Dokumenten.
Zudem sieht der Plan den Verkauf von 172 Filialen an Yum! Brands vor. Aus diesem Deal erwartet Sahin Erlöse von etwa 72 Millionen US-Dollar. „Diese Vereinbarung mit Yum wird unsere finanzielle Last erheblich reduzieren und uns die Mittel für den Wiederaufbau liefern“, heißt es in den Dokumenten. Die WirtschaftsWoche hat Yum! Brands um eine Stellungnahme gebeten. Auf eine Anfrage antwortete das US-Unternehmen nicht.
Insider kritisiert Sanierungsplan
Was Sahins „Masterplan“ angeht: Zu dessen Finanzierung will der türkische Unternehmer Küchengeräte, Möbel, Tische, Stühle und elektronische Systeme aus etwa 300 Filialen verkaufen, die nicht an Yum! Brands verkauft oder für eine neue Gastronomie genutzt werden.
Zudem soll jede der Filialen eine Ablösesumme generieren, heißt es in den Dokumenten: „Viele dieser Restaurants befinden sich an hochwertigen Standorten in der Türkei, die ein hohes Ablösepotenzial haben. Dies wird uns ermöglichen, zusätzliche Einnahmen aus der Übergabe dieser Lokale zu erzielen.“ Kalkuliert wird mit einem Ertrag von etwa 300.000 US-Dollar pro Filiale. Laut den Unterlagen ergebe sich ein Erlösvolumen von etwa 90 Millionen US-Dollar.
Ein Insider aus dem Umfeld von Sahins Konzern hat sich den Plan ebenfalls angesehen und sieht viele Fragezeichen. „Für mich ist das nicht realistisch“, sagt er. Ein Grund sei, dass viele Lieferanten derzeit einen Bogen um die Firmen des Unternehmers machen oder nur Waren nur noch gegen Vorkasse ausliefern würden. Da belegen auch die Dokumente. Dort heißt es im Fall Peyman, dass Einkäufe auf Rechnung „nahezu eingestellt“ wurden.
Für die Firmen IS Gida und ISHWay heißt es in den Unterlagen, dass beide „Lieferanten und Bankverpflichtungen nicht mehr ordnungsgemäß bedienen“ können. „Ebenso ist fraglich, wo das Personal für die neuen Filialen herkommen soll. Das Vertrauen der Leute in Ilkem Sahin ist kaputt. Ich glaube nicht, dass die ehemaligen Mitarbeiter wieder für ihn arbeiten werden“, sagt der Insider mit Blick auf die Zahlungsrückstände gegenüber der Belegschaft.
Der Unternehmer und die Top-Politiker
Wie glaubhaft sind die Ankündigungen und Pläne von Ilkem Sahin? Menschen, die in Deutschland mit ihm zu tun hatten, beschreiben ihn als einen charmanten Geschichtenerzähler. Aber auch als jemanden, der mit seinem Reichtum prahlt, mit seinen Kontakten zu Politikern und Wirtschaftsgrößen.
Für den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama will Sahin Wahlkampf organisiert haben, den Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff beraten und mit Claudia Roth regelmäßig über deutsche Politik diskutiert haben. Das hinterließ Eindruck: „Die Leute waren begeistert“, sagt ein Mitarbeiter der mittlerweile insolventen Papierfabrik in Ober-Schmitten.
Begeistert waren sie wohl auch, weil Sahin seine eigene Begeisterung so glaubhaft mit der eigenen Biografie untermauerte: Deutsche Fachkräfte habe er schon als Kind in den türkischen Textilfabriken seiner Familie kennengelernt. Die hätten damals für Adidas gefertigt, erzählte Sahin einem Medienbericht zufolge während eines „Infoabends“ kurz nach der Übernahme der Papierfabrik.
Allerdings: Adidas kann das auf Anfrage „nicht bestätigen“. Es habe „weder heute noch in der Vergangenheit“ eine Geschäftsbeziehung zwischen den Herzogenaurachern und dem Textilunternehmen von Sahins Vater gegeben, teilt ein Sprecher mit.
Hat Sahin die Anekdote aus seiner Kindheit erfunden? Auf eine Anfrage dazu antwortete er nicht. Einiges deutet darauf hin, dass er es mit der Wahrheit womöglich nicht immer ganz genau nimmt. Sahins angebliche Diskussionspartnerin Claudia Roth lässt mitteilen, sie habe „in keiner Weise Kontakt zu Herrn Sahin“.
Christian Wulff schreibt, er habe keine geschäftlichen Beziehungen zu Sahin und dieser sei für ihn auch nicht als Berater tätig. Aber: „Im Frühjahr diesen Jahres (2024; Anmerkung der Redaktion) wurde mir Herr Sahin in Istanbul vorgestellt, weil Arbeitsplätze in Deutschland zu retten seien“, so Wulff. Barack Obama ließ eine Anfrage unbeantwortet, hat sich aber zumindest einmal mit Sahin fotografieren lassen.
Donut-Deal wirft Fragen auf
Fragen wirft auch ein Vorfall auf, der sich ab Mitte Januar rund um die Donut-Kette Krispy Kreme ereignet hat, deren Franchiserechte zuletzt ebenfalls in der Hand von Sahin und seinem Konzern lagen.
Während ein Großteil der Filialen von KFC und Pizza Hut in der Türkei derzeit geschlossen sind, wird in den türkischen Filialen von Krispy Kreme weiter gearbeitet. „Die Mieten für die kleinen Länden sind gering, die Herstellung ist billig. Der Donut-Verkauf wirft Gewinne ab. Und das Geschäft will Ilkem Sahin nicht verlieren“, sagt ein Insider.
Ein Dokument aus dem türkischen Handelsregister zeigt, dass Sahin noch am 23. Januar Anteile der Gesellschaft Krispy Kreme Gıda Üretim Limited Compan an eine Frau übertragen hat, die ebenfalls den Namen Sahin trägt. Mitarbeiter, die auf LinkedIn eine Untersuchung der Transaktion fordern, vermuten, dass die Anteile innerhalb der Familie veräußert wurden. Eine Nachfrage dazu beantwortete Ilkem Sahin nicht.