KTG Agrar droht Insolvenz: Bauer sucht Geld
Dem Agrarkonzern KTG Agrar läuft die Zeit davon.
Foto: dpaDüsseldorf/Hamburg. Für ein börsennotiertes Unternehmen ist das der Worst Case: Zuerst kann KTG Agrar die Zinsen für eine seiner beiden Anleihen nicht fristgerecht überweisen, muss dann die geplanten Zahlungstermine mehrfach verschieben. Sichert aber zu, vor der für diesen Donnerstag angesetzten Hauptversammlung zu zahlen. Und nun verlegt das Unternehmen kurzerhand das Aktionärstreffen um zwei Monate – ohne in der Mitteilung einen neuen Zeitpunkt für die Zinszahlung zu nennen.
Nun tickt die Uhr. Wenn die Zinsen in Höhe von gut 15 Millionen Euro nicht spätestens bis zum 6. Juli an die Anleger geflossen sind, können diese die komplette Anleihe im Volumen von 250 Millionen Euro sofort fällig stellen. „Solange die Zinszahlung nicht geleistet wurde, kann eine Insolvenz nicht ausgeschlossen werden“, gesteht ein Unternehmenssprecher ein. Dass die lange planbare Auszahlung dieser vergleichsweise überschaubaren Summe ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 320 Millionen Euro so in Schwierigkeiten bringen kann, zeigt: Die Lage bei KTG Agrar ist angespannt. Das schwierige Jahr 2015, mit einer schlechten Ernte und fallenden Preisen auf den Weltmärkten, hat offenbar die Reserven aufgezehrt.
Die Anleihezinsen sollten aus dem Verkauf von Agrarflächen bedient werden. Wie das Handelsblatt aus Unternehmenskreisen erfuhr, verzögerte sich jedoch die Zahlung des Käufers. Deswegen habe das Unternehmen eine Zwischenfinanzierung mit einer Hausbank vereinbart. Doch das Institut soll die Zusage kurzfristig zurückgezogen haben. Das Unternehmen will das nicht kommentieren.
Selbst wenn die Anleihegläubiger noch rechtzeitig bedient werden, dürften diese Turbulenzen gefährliche Folgen haben. So ist der Aktienkurs, der Anfang des Jahres noch bei 14 Euro lag, mittlerweile auf unter drei Euro gefallen. Schlimmer noch: Im Moment stocken die Verhandlungen mit Investoren über die Refinanzierung der Anleihe, die im kommenden Jahr ausläuft. Erst im Juli soll es weitergehen.
„Derzeit ruhen die Gespräche, da die Zinszahlung und die bevorstehende Ernte im Vordergrund stehen“, erklärt der KTG-Sprecher. In Verhandlungskreisen heißt es, die Investoren seien stark irritiert durch den Streit über die verschobene Zinszahlung. Auch diese ungeklärte Situation dürfte zur Verschiebung der Hauptversammlung beigetragen haben.
Um genau diese Schwierigkeiten zu vermeiden, hatte KTG Agrar eigentlich einen starken Partner ins Unternehmen holen wollen. So hatte das Agrarunternehmen vor genau einem Jahr angekündigt, dass der chinesische Mischkonzern Fosun mit neun Prozent des Aktienkapitals einsteigen und außerdem bei der Refinanzierung der Anleihe helfen würde. „Wir bringen mit dem neuen Partner drei Dinge unter einen Hut: einen strategischen Investor, Expertise für China und Unterstützung bei unserer Refinanzierung“, sagte KTG-Chef Siegfried Hochreiter damals stolz.
Doch auch diese Hoffnungen haben sich weitgehend zerschlagen. Wie es im Unternehmen heißt, tauchten schon im Juli vergangenen Jahres erste Schwierigkeiten in den Verhandlungen auf. Als die Unternehmensleitung dann kurz vor Weihnachten 2015 zu Gesprächen in Schanghai erschien, war Fosun-Chef Guo Guangchang für mehrere Tage spurlos verschwunden – offiziell, weil er den Behörden bei Korruptionsermittlungen half. Die Verhandlungen wurden abgesagt, unverrichteter Dinge mussten die KTG-Delegation heimreisen.
Seitdem stocken die Gespräche mit Fosun. „Im Rahmen des laufenden Refinanzierungsprozesses ist eine Partnerschaft weiterhin eine Option, auch wenn sich Verhandlungen mit anderen Investoren bereits in einem weiter fortgeschrittenen Stadium befinden“, teilte das Unternehmen dazu mit. Es handle sich um internationale Interessenten, unter anderem aus China, den USA und Kanada. Darunter sollen Ex-Mitarbeiter von Fosun sein, die mittlerweile bei anderen Investoren angeheuert haben.
KTG Agrar hat ausgehend vom Kerngeschäft Ackerbau in den vergangenen Jahren schrittweise das Geschäft erweitert. So hat KTG eine Tochter, die an 21 Standorten Biogasanlagen betreut und die als KTG Energie AG an die Börse gebracht wurde. Auch der Kurs dieses Papiers hat sich im Zuge der Turbulenzen im Vergleich zum Jahresanfang mehr als halbiert, obwohl die Tochter von den Problemen direkt nicht betroffen ist. So hat KTG Energie im vergangenen Jahr Umsatz und Gewinn gesteigert.
Weniger rund läuft es dagegen im jüngsten Geschäftsfeld, der Lebensmittelproduktion. So hat sich KTG nach nur zwei Jahren vom Vorstandschef der Food-Sparte, Reinhard Meißner, getrennt – im Streit über die Strategie.
Inzwischen überprüfe KTG in dem Bereich „Aktivitäten, die im Zuge der Expansion aufgebaut wurden, sich aber nicht erwartungsgemäß entwickelt haben“, teilte der Sprecher mit. Noch im vergangenen Jahr hatte der KTG-Chef angedeutet, er könne die Nahrungsmittel-Division nach dem Vorbild von KTG Energie an die Börse bringen. Jetzt hat er ganz andere Sorgen.