Luftfahrt: Lufthansa wächst langsamer als die Wettbewerber
Frankfurt. Der Gegensatz könnte an diesem Donnerstagmorgen kaum größer sein. Während die Lufthansa-Führung in der Zentrale am Flughafen Frankfurt Rekordzahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr 2023 vorstellt, legen wenige hundert Meter entfernt Bodenmitarbeiter des Unternehmens mit einem zweitägigen Streik große Teile des Flugbetriebs lahm.
Die Situation ist ein Spiegelbild der aktuellen Verfassung von Europas größtem Airline-Konzern. Einerseits hat sich das Unternehmen schneller und besser als erwartet von der Pandemie erholt. Im vergangenen Jahr erzielte die Gruppe ein bereinigtes Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) in Höhe von 2,7 Milliarden Euro. Das sind nicht nur 76 Prozent mehr als 2022, es ist auch der drittbeste Wert in der Unternehmensgeschichte. Ohne Bereinigung legte das Ergebnis sogar um 88 Prozent zu.
Andererseits zeichnet sich ab, dass sich diese Erfolge nicht fortsetzen werden. Das mittelfristige Ziel, 2024 eine bereinigte Ergebnismarge von acht Prozent zu erreichen, wird kassiert. Und das, obwohl die Vorgabe im vergangenen Jahr mit einer Marge von 7,6 Prozent schon fast erreicht werden konnte.
Personalkosten steigen kräftig
Aber für das laufende Jahr rechnet das Management nur noch mit einem stabilen Betriebsergebnis, obwohl der Umsatz signifikant steigen soll. Das drückt die Marge. „Wir werden uns bemühen, unserem Margenziel in diesem Jahr so nahe wie möglich zu kommen“, sagte Finanzchef Remco Steenbergen am Donnerstagvormittag in Frankfurt.
Ein Grund für die sinkende Marge: Nach dem Streik ist bei Lufthansa derzeit vor dem Streik. Am Mittwoch stimmte das Kabinenpersonal der Kernmarke Lufthansa und der Tochter Cityline in einer Urabstimmung mehrheitlich für Arbeitskämpfe. Alleine die operativen Kosten für die Ausstände bezifferte Steenbergen bis jetzt auf fast 100 Millionen Euro.
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Gleichzeitig steigen bei möglichen Tarifabschlüssen die Löhne und damit die Kosten. Zumal Lufthansa derzeit viel Personal aufbaut. Rund 1000 neue Lufthanseaten stellt das Unternehmen im Schnitt pro Monat ein. Schon im abgelaufenen Jahr musste der Konzern deutlich mehr für die Beschäftigten zahlen: Der Personalaufwand stieg um 15 Prozent auf 8,3 Milliarden Euro. Mit 23 Prozent des Gesamtaufwands ist dieser Kostenblock größer als der für Treibstoff (22 Prozent).
Die Dauerstreiks haben aber nicht nur wirtschaftliche Folgen. „Hinzu kommen die fehlenden Umsätze, weil die Kunden nicht buchen“, sagte Steenbergen. Die Passagierzahlen erholen sich dadurch langsamer vom Corona-Tief. Alex Irving von Bernstein Research schreibt in einem Kommentar zu den aktuellen Lufthansa-Zahlen: „Wir sehen bei Lufthansa weiterhin ein langsameres Tempo bei der Wiederherstellung der Kapazität als bei den Wettbewerbern in Europa.“
Der britisch-spanische Konzern IAG (British Airways, Iberia, Aer Lingus, Vueling) dagegen beförderte im vergangenen Jahr mit 115,6 Millionen Fluggästen fast wieder so viele wie 2019. Air France-KLM lag mit 93,6 Millionen Passagieren bei rund 90 Prozent des Vorkrisenniveaus.
In die Jets der Lufthansa-Airlines dagegen stiegen im vergangenen Jahr 123 Millionen Menschen und damit nur 86,5 Prozent des Wertes von 2019. Laut den Planungen für das laufende Jahr dürfte die Kapazität zwar weiter steigen, aber mit 95 Prozent weiterhin unter dem Vorkrisenniveau bleiben. Erst 2025 werde wieder ein normales Jahr, sagte Konzernchef Carsten Spohr.
Angesichts dessen sind Investoren vorsichtig geworden. Zwar gab die Lufthansa-Aktie bis Donnerstagmittag nur leicht nach. Seit Dezember hat das Papier jedoch rund 16 Prozent an Wert verloren.
Die guten Zahlen des Jahres 2023 änderten an dieser grundsätzlichen Skepsis der Anleger wenig. Dabei stieg auch der Umsatz um 15 Prozent auf 35,4 Milliarden Euro. Unter dem Strich steht ein zum Vorjahr mehr als verdoppeltes Konzernergebnis von 1,7 Milliarden Euro. Selbst die Ankündigung, erstmals seit 2019 wieder eine Dividende zu zahlen, blieb an der Börse ohne Wirkung. 30 Cent schüttet Lufthansa je Aktie aus.
Das Management lernt aus dem Chaos-Jahr 2022
An Nachfrage mangelt es den Airlines von Lufthansa nicht. „Die Lust am Reisen ist ungebrochen groß“, sagte Konzernchef Spohr. Die Vorausbuchungen für Ostern und den Sommer seien gut. Auch würden Privatreisende weiterhin häufig Premiumsitze buchen.
Doch die Lufthansa-Führung hat offenbar aus den schlechten Erfahrungen mit einer zu ehrgeizigen Planung im Jahr 2022 gelernt. Damals fielen zahllose Flüge aus, etwa weil Personal fehlte. „Wir bleiben unserer Devise treu: Qualität vor blindem Wachstum“, verteidigte Lufthansa-Chef Spohr den langsamen Ausbau des Angebots. Es gebe immer noch vereinzelt Engpässe.
Spohr gab sich zuversichtlich, dass die Arbeitskämpfe bei der Lufthansa bald vorüber seien – gab jedoch keine konkrete Schätzung ab. Die Streiks beschäftigen die Konzernführung offenbar sehr: Üblicherweise ist die Präsentation der Bilanzzahlen bei Lufthansa Aufgabe des Konzern- und des Finanzchefs. Am Donnerstag stand auch Personalchef Michael Niggemann am Rednerpult.
Niggemann forderte die Gewerkschaft Verdi auf, wieder in die Verhandlungen einzutreten. Wenn jedes nachgebesserte Angebot nur mit einem neuen Streik beantwortet werde, stimme etwas nicht. „Jeder Streik stärkt unsere Wettbewerber“, warnte der Manager. Lufthansa habe bisher eine halbe Million Reisende nicht wie gewohnt an ihr Ziel bringen können. „Wenn wir unsere Kunden immer wieder enttäuschen, ziehen sie auf Dauer einen anderen Anbieter in Betracht.“
Auch Spohr richtete deutliche Worte an die Tarifpartner. Streikkosten seien Personalkosten: „Wo gestreikt wird, findet kein relatives Wachstum statt, sondern eine relative Schrumpfung.“
Auch in Zukunft wolle und werde Lufthansa die besten Arbeitsbedingungen bieten, sagte Spohr. Nun müsse man dafür sorgen, „dass wir auch unseren Gästen den besten Service und die beste Qualität bieten.“ Der Nachholbedarf sei groß.
Lufthansa will Kundenzufriedenheit mit Premiumleistungen verbessern
Der Konzernchef will die Lufthansa im laufenden Jahr wieder stärker als Premium-Airline etablieren. In Kundenumfragen schneidet besonders die Kernmarke schlecht ab.
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Das liegt zum Teil daran, dass die Airline wegen der Lieferschwierigkeiten mit altem Gerät und alter Ausstattung fliegt. Aber auch bei den digitalen Services gibt es Probleme.
Zwischen all diesen Problemen hat der Aufsichtsrat kürzlich auch den Vorstand weitgehend umgebaut. Das Gremium wird von sechs auf fünf Mitglieder verkleinert, vier Vorstände scheiden aus, drei neue kommen im Sommer dazu.