Nestlé-Aktie: Bringt der neue Chef die Wende für den Aktienkurs?
Frankfurt. Es sind ungewohnte Urteile, die Analysten in diesen Tagen über die Nestlé-Aktie fällen. Die Großbanken Morgan Stanley und BNP Paribas haben kürzlich Verkaufsempfehlungen für den Schweizer Nahrungsmittelriesen ausgegeben. Diese drückten den Aktienkurs Mitte November zeitweise unter die Marke von 78 Schweizer Franken auf den tiefsten Stand seit 2018.
Seit dem Allzeithoch im Herbst 2022 hat Nestlé rund 40 Prozent an Börsenwert eingebüßt. Eine sehr deutliche Bewegung für einen Großkonzern, der sich über Jahrzehnte den Ruf eines langsam, aber beständig wachsenden Börsentitels erworben hat.
Deshalb steht der im August ernannte Nestlé-Chef Laurent Freixe unter Druck, wenn er am Dienstag auf dem Kapitalmarkttag am Firmensitz in Vevey den Investoren seine Strategie präsentiert.
Umso mehr, als sich die Erholung des Nestlé-Aktienkurses, die sich direkt im Anschluss an den über Nacht eingefädelten CEO-Wechsel von Mark Schneider zu Freixe einstellte, als kurzlebig entpuppte. Seit Ende August ist der Kurs nochmals um 15 Prozent abgerutscht. Ein Brancheninsider meint: „Vorschusslorbeeren im Aktienkurs drücken sich anders aus.“
Die Frage, die sich Mitarbeiter ebenso wie Investoren stellen, lautet: Wie stark bricht Freixe mit der Strategie seines Vorgängers?
Neuer Stil bei Nestlé?
Dass er einige der Initiativen Schneiders zurückdrehen wird, daran hat Freixe bei der Präsentation der Bilanz für das dritte Quartal Mitte Oktober keinen Zweifel gelassen.
So verschlankte er den Vorstand von 15 auf 13 Posten. Die für Nestlé wichtigen Märkte Nordamerika und China sind nicht mehr mit eigenen Ressorts im Führungsgremium vertreten, sondern wurden mit den Regionen Lateinamerika und Asien-Pazifik zusammengelegt. Die Regionalchefs, denen Schneider viele Freiheiten eingeräumt hatte, bindet Freixe wieder stärker an das Hauptquartier. Auch wichtige Entscheidungen wie die über regionale Marketingbudgets und -strategien fallen künftig in Vevey.
Jean-Philippe Bertschy, Analyst bei der Bank Vontobel, bestätigt: „Laurent Freixe wird bei Nestlé einen neuen Managementstil prägen.“ Der gebürtige Franzose trat bereits 1986 in den Konzern ein. Unter Schneider leitete er den lateinamerikanischen Markt. „Freixe ist ein Marketingexperte, der die Nestlé-Produkte sehr gut kennt. Er brennt für Konsumentenprodukte und weiß, wie die Händler ticken“, so Bertschy.
Daher erwarten Beobachter, dass Freixe etwa durch das Umschichten von Marketingausgaben die weltbekannten Marken des Konzerns stärkt. Intern heißen diese „Billion Dollar Brands“, also Marken, die allein auf einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Dollar kommen. Dazu gehören beispielsweise Kitkat, Nescafé und Nespresso. Diese sollen ihren Mark
Ob das reicht, um bei Investoren eine neue Begeisterung für die Nestlé-Aktie zu entfachen? In Branchenkreisen ist zu hören, dass der Nahrungsmittelriese gegenüber wichtigen Investoren die Erwartungen an den Kapitalmarkttag im Vorfeld gedämpft hat.
Schlechte Konsumentenlaune bleibt Kernproblem
Schneider selbst hat sich bislang nicht öffentlich zu seiner Demission geäußert. Ihm dürfte jedoch nicht verborgen bleiben, dass sich sein Nachfolger mit harten Einschnitten eine gute Ausgangslage für zukünftiges Wachstum verschafft.
So hatte Freixe im Oktober das zweite Mal innerhalb weniger Monate die Prognose für das interne Realwachstum gekürzt – und damit die Aktionäre verschreckt. Vontobel-Analyst Bertschy sagt: „Es ist verständlich, dass Freixe jetzt reinen Tisch macht.“ Er mahnt jedoch: „Nestlé muss jetzt in den kommenden Quartalen liefern.“
In Branchenkreisen ist zudem zu hören, dass in Investorengesprächen der neuen Nestlé-Führung auch über einen möglicherweise geringeren Handlungsspielraum diskutiert wird – aufgrund der unter Schneider gestiegenen Konzernverschuldung. Die Nettoverschuldung hat sich währenddessen fast verdoppelt, von 29 Milliarden Franken 2017 auf derzeit rund 58 Milliarden Franken. Dies könnte es dem Konzern erschweren, günstige Gelegenheiten bei Übernahmen zu nutzen.
Lange Zeit jedoch kam bei Aktionären die Strategie gut an, die Verschuldung zu erhöhen und mit dem aufgenommenen Kapital unter anderem das Markenportfolio umzubauen und auch eigene Aktien zurückzukaufen. Zwischen Herbst 2016 und Herbst 2022 legte der Titel jedes Jahr um durchschnittlich 13 Prozent zu. Auch Analyst Bertschy sagt: „Mark Schneider hat sehr gute Akquisitionen getätigt und für die Aktionäre viel Wert geschaffen.“
Offen bleibt, wie stark Freixe das Markenportfolio nun umbaut, um bei den Investoren zu punkten, und ob er es überhaupt tut. Immer wieder wird in Investorenkreisen etwa die Zukunft des Wassergeschäfts infrage gestellt, das neben Premiummarken wie San Pellegrino auch Geschäftsteile mit schwächeren Margen umfasst.
Das Wassergeschäft macht Nestlé zudem immer wieder zum Ziel von Kampagnen von Nichtregierungsorganisationen. Auch brockte es dem Konzern zuletzt in Frankreich eine Millionenstrafe und Negativschlagzeilen ein.
Doch das Kernproblem löst auch das nicht: Weltweit geben die Konsumenten wegen des sich eintrübenden wirtschaftlichen Umfelds weniger Geld für Markenprodukte aus, wie die Analysten von Bloomberg Intelligence in einer kürzlich veröffentlichten Studie festhalten. Daher sagt auch Vontobel-Experte Bertschy: „Wir rechnen mit einer anhaltenden Volatilität des Aktienkurses, auch wenn wir die neue Basis, die der CEO gesetzt hat, als eine positive Entwicklung betrachten.“