Plastikmüll: So setzt das EU-Plastikgesetz Lebensmittel-Konzerne unter Druck
Düsseldorf. Den Beginn der Plastikrevolution bemerken Verbraucher beim Einkaufen. Die Schokolinsen Smarties verpackt Nestlé komplett in recycelbarem Papier, Deckel und Tüten aus Plastik sind passé. Frosta bietet Tiefkühlgerichte verstärkt in Beuteln aus Papier statt aus Plastik an. Und Flaschen der Persil-Flüssigwaschmittel wirken gräulicher, weil Henkel mehr recyceltes Plastik einsetzt.
Eine neue EU-Verordnung erhöht nun den Druck auf Konsumkonzerne, ihre Verpackungen nachhaltiger zu gestalten. Eine Handelsblatt-Analyse der aktuellen Nachhaltigkeitsberichte zeigt, dass einige Hersteller weit von ihren Zielen entfernt sind. Nivea-Produzent Beiersdorf setzt beispielsweise nur zwölf Prozent recyceltes Plastik in den Verpackungen ein. Dabei will der Konzern schon Ende 2025 bei 30 Prozent sein.
„Für manche Unternehmen wird es sehr herausfordernd, die Vorgaben zu erreichen“, warnt Verpackungsexpertin Sonja Bähr von der technischen Unternehmensberatung Tilisco. Die EU-Regeln gelten zwar frühestens ab 2030, „doch für Innovationszyklen neuer Verpackungen ist das nicht viel Zeit“. Erfüllen Verpackungen nicht die Vorgaben, dürfen Hersteller die Produkte nicht mehr verkaufen.
Nestlé, Beiserdorf, Henkel: Neue EU-Regeln für Plastikmüll werden teuer
Zuletzt hatte sich die EU auf neue Verpackungsregeln geeinigt. Deutschland wollte das zwar mit einem Veto, dem „German Vote“, blockieren. Im Handelsblatt hatten aber führende Hersteller selbst vor einem Scheitern gewarnt. Sie monierten den derzeitigen Flickenteppich an Vorgaben. Die neue Verordnung harmonisiert diese, stellt aber konkrete Anforderungen an Plastikverpackungen.
Für viele Konzerne wird das teuer. Henkel-Verpackungsexperte Carsten Bertram spricht insgesamt von einem „großen Millioneninvestment“. Nahrungsmittelriese Nestlé (Kitkat, Nescafé) investiert bis 2025 weltweit gut zwei Milliarden Euro in eine Kreislaufwirtschaft für Plastik.
Das Handelsblatt erklärt die neuen EU-Regeln und zeigt, welche Konzerne unter Druck stehen.
1. Von zwölf auf 30 Prozent: Anteil von recyceltem Plastik muss steigen
Hersteller nutzen Plastikverpackungen, weil diese anders als Papier vor dem Auslaufen schützen und im Gegensatz zu Glas nicht zerspringen. Zudem hat Plastik ein niedriges Transportgewicht. Doch die Herstellung von Neuplastik belastet die Umwelt. Recyceltes Plastik, das Rezyklat, gilt als Ausweg.
Nach öffentlichem Druck haben sich Markenartikler freiwillige Plastikziele gesetzt. Die meisten wollen bis Ende 2025 ihre Verpackungen weltweit zu 30 Prozent aus Rezyklat herstellen. Beiersdorf ist mit zwölf Prozent weit davon entfernt, sieht sich aber „im Plan“. Man werde die nötigen Maßnahmen treffen, um mit den EU-Regeln konform zu sein.
Die Hamburger arbeiten nach eigener Aussage auch gleichzeitig daran, die Verpackungen leichter zu gestalten. „Aufgrund der notwendigen Entwicklungsarbeit und der schrittweisen Umsetzung war eine gleichmäßige Einführung nicht zu erwarten.“
2. Große Unterschiede zwischen Nahrungs- und Waschmitteln
Nach EU-Willen muss jede Plastikverpackung für Wasch- und Reinigungsmittel ab 2023 mindestens 35 Prozent Rezyklat enthalten. Bei Lebensmitteln und Kosmetik beträgt die Quote 2030 mindestens zehn Prozent. Ab 2040 sind die Quoten noch strenger.
Für Lebensmittel und Kosmetik gelten aus Sicherheits- und Hygienegründen geringere Anteile. Die Hersteller müssen hochwertiges Rezyklat einsetzen, was nach deren Angaben aber knapp ist. So kommt Mondelez (Milka, Philadelphia) nach Daten von Ende 2022 weltweit erst auf einen Anteil von einem Prozent. Ende 2025 sollen es fünf Prozent sein.
Nestlé mischt seinen Plastikverpackungen im globalen Schnitt neun Prozent Rezyklat bei. Diesbezüglich gibt der Konzern kein Ziel an. „Als Nestlé streben wir ein Verpackungssystem an, bei dem kein Abfall auf Deponien oder in der Natur landet.“
Hersteller von Wasch- und Reinigungsmitteln können auf Rezyklat von etwas geringerer Qualität zurückgreifen, das besser verfügbar ist. Henkel konnte seine globale Quote auf 19 Prozent steigern. Verpackungsexperte Bertram ist „sehr zuversichtlich“, bis Ende 2025 bei 30 Prozent zu sein.
Nun würden Verpackungen für Flüssigwaschmittel wie die Kernmarke Persil, die in Europa auf 50 Prozent Rezyklat umgestellt wurden, verstärkt in den Handel kommen. „Allein das wird uns dieses Jahr vier Prozentpunkte nach oben bringen“, sagt Bertram.
In Europa erreiche Henkel mit seinem Konsumentengeschäft schon heute eine Rezyklatquote von 40 Prozent. Andere Konzerne nennen ihre Werte für Europa auf Anfrage nicht.
3. Hohe Kosten bremsen Umstieg auf recyceltes Plastik
Die Umstellung ist kompliziert und langwierig, weil Maschinen angepasst werden müssen und Rezyklat andere Eigenschaften als Neuplastik hat. Kritiker monieren aber, dass Konzerne aus Kostengründen zurückhaltend sind.
Weil Altplastik umfangreich gereinigt und aufgearbeitet werden muss, kostet eine Tonne PET-Rezyklat aktuell 1500 Euro, für Neuware sind es 200 Euro weniger, zeigen Daten des Dienstes Kunststoff-Information. In der Vergangenheit waren die Unterschiede noch größer. Zuletzt gingen gar Recyclingbetriebe in die Insolvenz, weil die Nachfrage nach Rezyklat so gering war. Branchenkenner erwarten, dass Neuplastik auf längere Zeit günstiger bleibt.
„Ohne verbindliche gesetzliche Quoten würde die Kreislaufwirtschaft nicht in Gang kommen, weil Hersteller die Ziele aus eigenem Antrieb nur unzureichend erfüllen würden“, sagt Verpackungsexpertin Bähr, die Konsumfirmen berät. „Viele Unternehmen unterschätzen, dass die letzten Prozentpunkte die schwierigsten sind, weil die technische Umsetzung so komplex ist.“
Diese Erfahrung macht auch Frosch-Putzmittelproduzent Werner & Mertz. Die EU-Vorgaben hat der Mittelständler schon erreicht. Der Betrieb, der als Vorreiter bei nachhaltigen Verpackungen gilt, setzte lange vor der Konkurrenz auf recycelte Verpackungen aus dem gelben Sack – und liegt gerade bei einer Rezyklatquote von 62 Prozent.
Inhaber Reinhard Schneider will Ende 2025 sogar bei 100 Prozent sein. Ob das gelingt, ist fraglich. Gerade arbeitet er an Plastikbeuteln für Waschmittel. Es sei technisch schwierig, in dem flexiblen Material Rezyklat einzuarbeiten, aber mittelfristig möglich. Schneider sagt, dass durch die EU-Verordnung „endlich auch für Konzerne ein Anreiz entsteht, sich wirklich mit nachhaltigen Verpackungen auseinanderzusetzen“.
4. Langweiligere Verpackungen, kleinere Etiketten
Markenartikler können die Kreislaufwirtschaft verbessern, wenn sie Verpackungen recycelfähig gestalten. Das ist etwa der Fall, wenn sie aus einer hellen Farbe und einem Plastiktyp bestehen und nicht von einem großen Etikett abgedeckt sind. Oft sind Deckel, Sprühköpfe oder Flaschenkörper wegen unterschiedlicher Anforderungen aus verschiedenen Plastikarten produziert. Das erschwert das Recycling – und erklärt, warum viele Konzerne hier kaum Fortschritte erzielen.
Die meisten Hersteller wollen ihre Verpackungen bis Ende 2025 zu 100 Prozent recycelfähig gestalten. L’Oréal (Aesop, Kiehl‘s) und Unilever (Axe, Knorr) sind davon mit 44 bzw. 53 Prozent am weitesten entfernt. Unilever ließ eine Anfrage unbeantwortet. L’Oréal verweist darauf, zahlreiche Kooperationen mit Partnern aufgebaut zu haben, „die uns zuversichtlich auf die Erreichung der Ziele blicken lassen“.
Hersteller setzten für Kosmetiktiegel oft Plastikvarianten ein, die schön aussehen und die Produkte gut schützen, aber mit der heutigen Sortiertechnik nicht recycelfähig sind, erklärt Expertin Bähr. Nach ihrer Lesart der neuen Verordnung müssen Hersteller ab 2030 jede Verpackung zu 70 Prozent recycelfähig gestalten, ab 2038 zu 80 Prozent. „Diese Quoten sind für viele Hersteller eine hohe Hürde.“
5. Andere Regeln für Getränkeflaschen
Für PET-Einwegflaschen gelten Sonderreglungen. Hier muss schon nächstes Jahr 25 Prozent Rezyklat beigemischt sein. Ab 2030 sind es 30 Prozent. Pepsico, bekannt für Softdrinks oder Chips der Marke Lay’s, kommt nach Daten von 2022 global insgesamt erst auf einen Anteil von sieben Prozent, will bis Ende 2030 bei 50 Prozent liegen.
In Deutschland habe man schon Ende 2021 alle Flaschen komplett auf recyceltes PET umgestellt, sagt Torben Nielsen, Chef von Pepsico in der Dach-Region. Damit sei man Vorreiter gewesen. „Die Umstellung war nicht einfach, denn es gibt zu wenig recyceltes PET am Markt.“
Nur knapp 45 Prozent aller PET-Flaschen werden laut Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung wieder zu Flaschen. Der Rest wird für andere Verpackungen, Textilien oder Armaturenbretter eingesetzt. Doch „aus einer Tasche lässt sich nie wieder eine Flasche machen“, klagt Roel Annega, Chef des Getränkeherstellers Gerolsteiner, mit Verweis auf hygienische Gründe.
Das treibt die Rezyklatpreise. „Die Zusatzkosten sind es uns für mehr Nachhaltigkeit wert“, sagt Pepsico-Manager Nielsen. Doch der mittelständische Hersteller Gerolsteiner sah sich gezwungen, den Rezyklatanteil seiner Einwegflaschen 2023 von 75 Prozent auf 30 Prozent zu senken. „Die Preise wurden untragbar für uns“, sagt Annega. Seit Jahresbeginn stieg die Quote wieder auf 50 Prozent.
„Sobald eine PET-Einwegflasche unseren Hof verlässt, gehört sie nicht mehr uns“, so der Gerolsteiner-Chef. Diese würden von Recyclinghöfen meistbietend verkauft. Annega fordert ein Vorkaufsrecht für Getränkehersteller. Die EU-Verordnung erwähnt nun einen „vorrangigen Zugriff“, Details sind aber noch offen.
6. EU-Verpackungsverordnung bietet „Einfallstore für Mogeleien“
Frosch-Inhaber Schneider moniert „Einfallstore für Mogeleien“. Die Verordnung erlaubt auch Rezyklat aus China. Schneider setzt ein Fragezeichen dahinter, ob dieses wirklich kein Neuplastik enthalte. „Rezyklat aus China ist deutlich günstiger“, das habe für viele Konzerne eine Lenkungswirkung.
Weil es keine klaren Vorschriften gibt, fürchtet Schneider, dass Konzerne aus Kostengründen auf chemisches Recycling zurückgreifen. Plastiksorten werden dabei durch Erhitzung getrennt. Das Verfahren ist oft günstiger als klassisches mechanisches Recycling, sorgt aber für mehr Emissionen.
„Die EU-Verpackungsverordnung macht erste richtige Schritte“, sagt Schneider. Er könne aber „keine Entwarnung geben, dass sie wirklich die Voraussetzungen für eine ökologische Entlastung bietet.“