Primark-Expansion in Deutschland: „Der Laden ist voll. Und verletzt wurde niemand.“
Primark-Kundinnen bei der Filialeröffnung in Köln: Hinter dem Erfolg steckt ein Unternehmen, das den gesamten Textilmarkt umkrempeln könnte.
Foto: Moritz SchröderKöln. Breege O‘Donoghue steht auf dem Podium und lächelt breit. Vor ihr im Foyer der neuen Primark-Filiale stehen sich mehrere hundert geladene Gäste auf den Füßen und blicken sie erwartungsvoll an. Dann sagt sie „Guten Morgen“ – und ein Jubelsturm bricht los. O‘Donoghue kennt das schon: Die Expansionsmanagerin von Primark ist oft höchstpersönlich bei der Eröffnung der Filialen dabei. Anlässe, die zelebriert werden wie ein Rock-Konzert. Nach O’Donoghue spricht der irische Botschafter: „Irland ist stolz auf sein Unternehmen Primark“. Ein Gast murmelt in die stickige Luft: „Als ob der Papst zur Audienz geladen hätte.“
Dann der Countdown vor dem Verkaufsstart. Die Kunden warten zu Hunderten hinter Absperrgittern vor der Filiale. Den Sicherheitsleuten steht der Schweiß auf der Stirn. Kameraleute suchen Sicherheit hinter Kleiderständern. Ein hysterisches Kreischen. Dann stürmen die ersten Kundinnen herein. Nach einer halben Stunde stauen sich die Menschen auf den mehr als 8.000 Quadratmetern. Ein weiterer Primark-Konsumpalast ist gelandet.
Der neue „Flagshipstore“ in der Kölner Neumarktgalerie ergänzt das Bild der Einkaufszone perfekt. Die Konkurrenz-Geschäfte von H&M und Zara liegen fast in Sichtweite. Hinter dem Primark-Erfolg steckt allerdings ein Unternehmen, das sich von seinen Konkurrenten fundamental unterscheidet. Welche der jungen Kundinnen vermutet schon, dass sie mit ihrem Kauf einem Großkonzern Geld in die Kassen wirft, bei dem sich der Modehandel eher beiläufig zum größten Profitbringer entwickelt hat?
Die Primark-Holdinggesellschaft Associated British Foods (ABF) zeigt bereits in ihrem Namen, dass Mode nicht zur Tradition gehört. Vielmehr war ABF früher vor allem mit Zucker, Brot und Tee der vor allem in Großbritannien erfolgreichen Marke Twinings und Lebensmittelzusätzen für die Bäckereiindustrie erfolgreich. In Deutschland noch am ehesten bekannt: Das Malzgetränk Ovomaltine und die Speiseöl-Marke Mazola.
Die Primark-Mutter ABF gehört zum Handelsimperium der kanadisch-britischen Familie Weston. Unternehmerlegende Garfield Weston siedelte in den 1930er Jahren von Kanada nach Großbritannien um und hatte ein erfolgreiches Geschäft mit Bäckereiprodukten im Gepäck. Er schuf den ABF-Konzern – und gründete mit seinem Vermögen eine gemeinnützige Stiftung, die noch heute über eine Investmentgesellschaft die Mehrheit am Primark-Mutterkonzern hält. Seit damals bestimmen die Westons den Kurs von ABF.
Aktuell leitet der Gründer-Enkel George Weston die Geschäfte – und treibt so auch das Geld für die Familienstiftung ein. Die erhält den größten Teil der ABF-Dividenden. Allein für das vergangene Geschäftsjahr floss, gemessen an der Aktienbeteiligung, eine Summe von umgerechnet fast 170 Millionen Euro an die Investmentgesellschaft der Weston-Stiftung.
Die Stiftung verteilte zuletzt mehr als 60 Millionen Euro im Jahr an fast 1800 wohltätige Organisationen in Großbritannien. Die haben sehr unterschiedliche Ziele: Neue Forschungslabore für eine Hochschule in Manchester, die Restaurierung verschiedener Kathedralen, Projekte für obdachlose Jugendliche, ein Naturschutzgebiet im Südwesten Englands.
Ermöglicht werden all die milden Taten zu einem großen Teil durch die Profite von Primark als inzwischen wichtigstem der ABF-Ableger. Im vergangenen Geschäftsjahr stieg der Vorsteuergewinn um 44 Prozent auf umgerechnet mehr als 620 Millionen Euro und glich damit die rückläufigen Gewinne aus der Zuckersparte aus. Auch beim Umsatz ist Primark inzwischen mit Abstand die einträglichste Sparte von ABF.
Der Profit mit der Primark-Billigmode bringt für die Westons allerdings auch Gefahren mit sich. Im Jahresbericht der Weston Foundation heißt es mahnend, die Stiftungs-Investitionen könnten „zeitweise Medieninteresse erwecken“ und die Treuhänder müssten dafür sorgen, dass „jedes Reputationsrisiko angemessen bewältigt werden kann“.
Damit dürfte auch der Fabrikeinsturz von Rana Plaza gemeint sein. Als vor einem Jahr in Bangladesch das Hochhaus in sich zusammen fiel, kamen mehr als 1100 Arbeiter ums Leben, viele weitere wurden teils schwer verletzt – allein 580 nähten für Primark. Das Unglück gilt seitdem als Symbol für die unwürdigen Zustände in der Textilbranche – und laut Kritikern auch für das System Primark.
„Für euren Konsum sterben Kinder in Bangladesch!“, ruft ein Aktivist vor der Kölner Neumarkt-Galerie den wartenden Kunden entgegen. Manche lächeln nervös. Im Rahmen eines Flashmobs lassen sich andere Demonstranten auf den Boden fallen: Es sollen Symbole sein für die Opfer der Modeindustrie. Auf Flyern wird die „Ausbeutung in der Textilindustrie“ angeprangert.
Ein Anruf beim Finanzdirektor des Mutterkonzerns ABF, John Bason: „Das Geschäftsmodell von Primark basiert nicht auf geringen Standards in den Fertigungsländern, sondern vollkommen auf dem hohen Warenvolumen, das wir beziehen und den geringeren Gewinnspannen im Vergleich zu unseren Wettbewerbern.“ Dies allein erkläre die Niedrigpreise für T-Shirts (2,50 Euro) und Jeans (8 Euro). In der Tat verzichtet Primark auf Gewinn, um die Preise drücken zu können: Branchenexperten gehen von einem Rohertrag von 38 bis 40 Prozent aus, im Vergleich mit rund 60 Prozent beim Konkurrenten H&M.
Und Bason geht im Interview mit Handelsblatt Online sogar noch weiter: „Die gesamte Industrie muss sehr hart daran arbeiten, damit die Arbeitsbedingungen für die Arbeiter so gut sind wie möglich. Primark steht an der Spitze dieser Bewegung.“ Nach dem Unglück in Bangladesch bekannte sich Primark im Gegensatz zu zahlreichen anderen Textilfirmen zu seiner Mitverantwortung und zahlte schnell Entschädigungen an die Arbeiter, die für den eigenen Zulieferer genäht hatten.
Außerdem beteiligt sich Primark als eine von wenigen Firmen an einem Entschädigungsfonds, durch den auch weitere Hinterbliebene und die teils schwer Verletzten entschädigt und versorgt werden sollen.
Insgesamt will das Unternehmen zwölf Millionen Dollar zahlen. Ganz im Sinne der mildtätigen Westons. Zudem gibt die Holding ABF an, schon jetzt werde ein großer Teil der beauftragten Nähbetriebe auf deren Arbeitsbedingungen kontrolliert.
Aber reicht das aus? „Kein Unternehmen in der Branche wird bei den Herstellungsbedingungen bei seinen Hauptzulieferern noch große Risiken eingehen. Doch es ist immer eine Frage, wie genau man bei den Sub- und Sub-Sub-Lieferanten hinschaut“, sagt Andreas Bauer, Partner und Branchenexperte bei Roland Berger Strategy Consultants. Viele der Nähereien in Ländern wie Bangladesch oder Indien vergeben, oft ohne Wissen der Auftraggeber, einen Teil ihrer Arbeiten an weitere Firmen. Da dort in der Regel kein Kontrolleur vorbeischaut, nimmt die Ausbeutung ihren Lauf.
„Wir lassen uns anhand der Produktionslisten belegen, dass nur die von uns beauftragten Firmen für uns arbeiten. Dafür wurden die Teams zur Kontrolle nach dem Unglück von Rana Plaza nochmal aufgestockt“, sagt Primark-Deutschland-Chef Wolfgang Krogmann. Von einigen Auftragnehmern habe sich Primark zuletzt getrennt, weil bei ihnen genau das nicht sichergestellt war. Krogmann sagt aber auch: „Es gab Verbesserungen, aber der Prozess ist noch nicht am Ende.“
Wer stark auf große Einkaufsmengen setzt wie Primark, der hat es schwer, seine komplette Lieferkette im Detail zu kontrollieren: „Bei den Mengenrabatten sind schon ab Stückzahlen von 5.000 bis 10.000 pro Modell die wesentlichen Einspargrenzen erreicht. Wer noch billiger beschaffen will, muss daher nach noch günstigeren Lieferanten und Produktionsländern suchen – eventuell auf Kosten der Nachhaltigkeit“, sagt Bauer von Roland Berger.
In rein finanzieller Hinsicht ist Primark für den Mutterkonzern ABF ein nachhaltiges Geschäft. Im Jahr 1969 unter dem Namen Penneys in Irland gegründet, wuchs das Unternehmen, bis es die Umsatzdecke im Heimatmarkt erreicht hatte. Ähnlich war die Situation in Großbritannien. Die Primark-Manager suchten nach neuen Märkten und wagten 2006 den Sprung nach Kontinentaleuropa, auf das Terrain von Großkonkurrenten wie H&M und Inditex (Zara).
Auf die ersten Filialen in Spanien folgten weitere in Holland – und schließlich Deutschland. Fünf Jahre nach dem Markteintritt zeigt sich: Selbst auf dem hart umkämpften deutschen Modemarkt reagieren die Kunden begeistert auf die Iren. Und nicht nur in der Bundesrepublik hat Primark noch einiges vor: „In Kontinentaleuropa hat die Reise gerade erst begonnen“, sagt ABF-Finanzchef Bason. „Wir müssen uns ja nur den deutschen Markt anschauen: Es gibt über 80 Millionen Einwohner und bisher nur zwölf Primark-Filialen. Und viele Kunden fahren weite Strecken, um bei Primark einzukaufen.“
Dass der deutsche Markt keine Stippvisite für Primark wird, zeigt auch das Beispiel Köln. Der Mietvertrag in der Neumarktgalerie hat laut dem Betreiber Signature Capital eine überdurchschnittliche Laufzeit von mehr als zehn Jahren. Und ganz entgegen des Billigkonzepts lässt sich Primark seinen deutschen „Flagshipstore“ einiges kosten: „Die Investitionen pro Quadratmeter liegen höher als üblich. Da wurde nichts billig gebaut“, sagt Timo Herzberg von Signature Capital. „Wir sind gekommen, um zu bleiben“, stellt Managerin O’Donoghue klar.
Möglich macht das der Mischkonzern ABF, der durch seine diversen Geschäftsfelder viel Kapital für die Primark-Expansion zur Verfügung stellen kann. Allein im vergangenen Jahr gab das Unternehmen mehr als 270 Millionen Euro für neue Filialen und die Umgestaltung bestehender Geschäfte aus. Das nächste große Ziel steht bereits auf dem Investitionszettel: Nordamerika. Erst Ende April hat die Aussicht auf zusätzliche Gewinne bei Primark der Mutter ABF zum größten Tagesgewinn seit dem Jahr 2000 verholfen. Die Aktien stiegen an der Londoner Börse um bis zu 9,9 Prozent auf ein Sechs-Wochen-Hoch.
In Europa wird Primarks Sturm und Drang vor allem für Händler in ähnlichen Lagen und mit ähnlichen Zielgruppen gefährlich, allen voran H&M, Zara oder auch New Yorker: „Der deutsche Textilienhandel wächst nicht. Die Expansion neuer Anbieter wie Primark ist also reiner Verdrängungswettbewerb“, sagt Joachim Stumpf, Geschäftsführer der Handelsberatung BBE.
Nach Einschätzung von Roland-Berger-Analyst Andreas Bauer dürfte das Erfolgsmodell Billigmode schon bald die Margen bisher erfolgreicher Handelsketten drücken. Der deutsche Ableger von H&M gesteht im Geschäftsbericht für das Jahr 2012 ein: „Die Wettbewerbssituation der Branche ist angespannt: Neue Anbieter starten auf dem deutschen Markt, andere bereits am Markt agierende, geraten in Bedrängnis.“ Heißt auch: Wo Primark landet, müssen andere Platz machen. Oder die Preise nach unten anpassen.
Vor dem neuen Kölner Primark-Geschäft drängen sich eine Stunde nach der Eröffnung noch immer hunderte Menschen hinter den Absperrgittern. Nur noch schubweise kommen sie in den Laden. Die Situation erinnert an Hannover: Bei der Eröffnung der größten deutschen Filiale kamen am ersten Tag rund 25.000 Besucher. Deutschland-Chef Krogmann schaut sich das Treiben zwischen den Kleiderständern zufrieden an: „Der Laden ist voll. Und verletzt wurde niemand.“