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Testfiliale eröffnetMedia Markt und Saturn schaffen die Kasse ab

Die Kasse fliegt raus: Die Elektronikkette Media-Saturn hat ihren ersten Laden eröffnet, in dem Kunden ausschließlich per App bezahlen können.Joachim Hofer 08.03.2018 - 13:15 Uhr Artikel anhören

Media-Saturn testet eine erste Filiale, in der per Smartphone gezahlt wird.

Foto: dpa

Innsbruck. Schwarz-orange leuchtet das Saturn-Logo über dem Eingang, die Regale sind voller Glühbirnen, Speicherkarten und drahtloser Lautsprecher. Auf den ersten Blick sieht die neue Saturn-Filiale in Innsbruck genauso aus wie alle anderen Märkte der Elektronikkette.

Gleichwohl, der Laden im Einkaufszentrum Sillpark ist einzigartig. Es ist das erste Geschäft des größten europäischen Elektronikhändlers, in dem die Kunden ausschließlich per Handy bezahlen können. Eine Kasse fehlt komplett.

„Der Handel wird sich in den nächsten zehn Jahren mehr verändern als in den letzten 100 Jahren“, sagte Martin Wild, Chief Innovation Officer, zur Eröffnung am Donnerstagmorgen. Sein Unternehmen wolle diesen Wandel aktiv vorantreiben.

Groß wie eine Vierzimmerwohnung, ist das Geschäft bestückt mit Lifestyle-Produkten wie Kopfhörern, aber auch mit Gütern des täglichen Bedarfs, etwa Ladekabeln. Alles in allem finden die Kunden 900 Artikel. Wer sich für ein Produkt entschieden hat, der muss am Regal eine App im Browser des Handys öffnen oder das Programm herunterladen. Abgebucht wird dann per Kreditkarte oder Paypal.

Es ist kein Zufall, dass Media-Saturn das kassenlose Bezahlen vor vielen anderen Händlern in Europa testet. So überließ die ehemalige Metro-Sparte Newcomern wie Amazon oder Ebay das Geschäft im Internet anfangs fast kampflos.

Der Internet-Store in Deutschland ging erst 2011 ans Netz. Den Rückstand hat die inzwischen eigenständig an der Börse notierte Ceconomy, die Muttergesellschaft von Media Saturn, bis heute nicht aufgeholt. Beim nächsten großen Ding wollen die Bayern auf jeden Fall von Anfang an dabei sein.

Daher experimentiert die Firma aus Ingolstadt inzwischen mit allerhand moderner Technik und schaut sich unentwegt neue Konzepte an. So führt in einigen Filialen inzwischen ein Roboter die Kunden durch die Regale. Es gibt auch Tests mit einer elektronischen Landkarte auf dem Handy für die Geschäfte. Vergangenes Jahr setzte die Gruppe sogar einen Avatar ein, um die Kunden in den oft unübersichtlichen Läden an die Hand zu nehmen.

Eine zentrale Rolle spielt dabei der sogenannte „Retailtech-Hub“ in München. In einer ehemaligen Chipfabrik von Infineon in der Nähe des Ostbahnhofs hat das Unternehmen im vergangenen Herbst einen „Brutkasten“ für junge Tech-Firmen aus dem Handel eingerichtet. Media-Saturn lockt die Gründer mit dem Zugang zu mehr als 1.000 Läden in ganz Europa. „Das ist die Chance für Start-ups, ihre Ideen zu verifizieren“, sagte Wild.

Einer der ersten Teilnehmer im letzten Jahr war Mishi-Pay, ein Start-up aus England. Die Technik der Londoner setzt Media-Saturn jetzt in der Tiroler Landeshauptstadt ein. Dabei müssen sich Kunden nicht mehr an Kassen anstellen, sondern können das gewünschte Produkt irgendwo im Laden bezahlen und im Anschluss den Markt direkt verlassen.

Ermöglicht wird dies durch eine App von Mishi-Pay, mit der Kunden einen Barcode auf der Ware per Smartphone scannen. Zusammen mit dem Zahlvorgang erfolgt die Deaktivierung der Diebstahlsicherung, die auf einem Chip basiert.

„Wir sind mit Händlern in ganz Europa und den USA in Kontakt“, erklärte am Donnerstag Mustafa Khanwala, Chef und Gründer der Firma. Mit der App der jungen Londoner Firma zu bezahlen sei wesentlich schneller als an einer herkömmlichen Kasse.

„Mit uns können die Leute die Schlangen umgehen“, meint der Jungunternehmer. Eine Baumarktkette in Frankreich und ein Schweizer Betreiber von Duty-Free-Filialen experimentieren derzeit ebenfalls mit der App von Mishi-Pay.

Ob die Kunden den Laden wirklich ohne Kassierer verlassen wollen ist allerdings umstritten. „Unsere Befragungen zeigen deutlich, dass weder Händler noch Kunden auf eine ‚Bedienung‘ verzichten möchten“, meint Simone Sauerwein, Projektleiterin Selfcheckout beim EHI Handelsinstitut.

In Europa gehört Media-Saturn zu den Vorreitern im kassenlosen Bezahlen, weltweit hingegen sind einige Konzerne schon länger dabei, das Shoppen einfacher zu gestalten. Das US-Unternehmen Amazon hat Anfang des Jahres einen 170 Quadratmeter großen, kassenlosen Testmarkt in der Innenstadt von Seattle eröffnet. Und in China beginnen Händler bereits, die Idee des kassenlosen Supermarktes in der Fläche einzuführen.

Ganz vorne dabei ist JD.com, der zweitgrößte chinesische Onlinehändler nach Alibaba, der zunehmend auch in stationäre Geschäfte investiert. Seit August 2017 hat das Unternehmen zwei verschiedene Konzepte für kassenlose Lebensmittelläden getestet. Gerade eröffnet wurden zwei Läden in der aufstrebenden Megacity Tianjin. Geplant sind hundert weitere Standorte noch in diesem Jahr.

Zudem hat das erst im vergangenen Juni gestartete Unternehmen Bingo-Box bereits 200 Kleinstläden in Containeranmutung in China aufgestellt, die komplett ohne Personal funktionieren und rund um die Uhr geöffnet sind. Es braucht nur Mitarbeiter, die regelmäßig die Regale auffüllen.

Bei Amazon halten sich demgegenüber zahlreiche Angestellte im Laden auf, Sicherheitsmitarbeiter, Regaleinräumer und eine Frau, die in der Alkohol-Abteilung das Alter der Einkäufer kontrolliert. Anders als in China, wo schon aus Kostengründen konsequent auf Geschäfte ohne Mitarbeiter gesetzt wird, will auch Media-Saturn nicht auf Beratung verzichten.

Stets seien zwei, drei Beschäftigte in dem Laden in Innsbruck, versicherte Florian Gietl, Chief Operating Officer von Media-Saturn Österreich. Die Preise seien dieselben wie im Online-Store von Saturn.

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Die neue Filiale im Stadtzentrum von Innsbruck wird zunächst bis Mai öffnen. „Der nächste Schritt könnten dann weitere Tests sein“, sagte Wild dem Handelsblatt. Das Unternehmen analysiere wöchentlich Umsatz, App-Nutzung, aber auch die Kundenzufriedenheit.

Es hat einen Grund, dass Media-Saturn gerade einen Einkaufstempel in Tirol gewählt hat. Der Sillpark ist einer der wenigen Shoppingcenter, in dem kein anderer Laden der Gruppe besteht. Das mache es einfacher zu sehen, wie die Konsumenten das Konzept annehmen würden, meint Manager Gietl.

Die Stadt Innsbruck jedenfalls ist sehr angetan. Zur Einweihung am Donnerstagmorgen schaute sogar Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer vorbei. Als traditionsreicher Handelsplatz sei es für die Metropole wichtig, bei solchen wegweisenden Vorhaben dabei zu sein, meinte die Politikerin. Selbst das Handy gezückt und eingekauft hat die 49-Jährige freilich nicht.

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