AHK-Umfrage: Zwischen Panik und Profit: Warum es deutschen Unternehmen in der Türkei so gut geht
Nach Bekanntgabe der Zinsentscheidung stiegen Dollar und Euro auf 9,4782 beziehungsweise 11,0064 Lira – so viel wie noch nie.
Foto: BloombergIstanbul. Die ökonomische Lage in der Türkei ist überhitzt: Die Wirtschaft wächst, aber die Preise steigen stärker als die Einkommen. Die Lira verliert an Wert, Importe werden immer teurer. „Ich kann gar nicht die Verkaufspreise so schnell anheben, wie meine Stromrechnung sich verteuert“, sagte jüngst ein türkischer Drahthersteller dem Handelsblatt.
Bei vielen Unternehmen in der Türkei mit deutscher Kapitalbeteiligung sieht das Bild anders aus. Laut einer Umfrage der Außenhandelskammer Istanbul unter 77 der 327 Mitgliedsunternehmen betrachtet eine wachsende Mehrheit die Unternehmenssituation positiver.
Firmen in der Türkei mit deutscher Kapitalbeteiligung sind demnach im Vergleich zum Frühjahr dieses Jahres deutlich optimistischer, sie wollen mehr einstellen und mehr investieren. Gleichzeitig gibt eine wachsende Anzahl der Befragten an, dass sich die konjunkturelle Lage des Landes verschlimmert habe und sich womöglich weiter verschlechtere. Wie passt das zusammen?
Türkische Lira: 40 Prozent minus innerhalb von neun Monaten
Allein seit Februar hat die türkische Lira zu Euro und Dollar fast 40 Prozent abgewertet. Gleichzeitig ist die Inflation auf 20 Prozent geklettert. Politische Querelen lassen Investoren und Unternehmer an der Stabilität ihrer Geschäfte zweifeln.
Insgesamt sind 7000 Firmen mit deutscher Kapitalbeteiligung in der Türkei aktiv. Das bedeutet, dass das Unternehmen entweder die Tochtergesellschaft oder Vertriebseinheit einer deutschen Firma ist, oder dass ein deutscher Eigentümer Anteile an einer türkischen Gesellschaft hält.
327 davon sind Mitglied in der Außenhandelskammer Istanbul, und 77 haben sich an der Umfrage beteiligt. Für rund drei Viertel davon ist der anhaltende Wertverlust der Lira das größte Risiko für ihre Geschäftsaktivitäten.
62 Prozent nennen außerdem die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen als großes Risiko – Mehrfachnennungen waren hier möglich. Für 48 Prozent der Befragten bergen die steigenden Energiepreise eine Gefahr für den geschäftlichen Erfolg im Land. Rund die Hälfte plant, die eigenen Lieferketten anzupassen.
Deutsche Firmen in der Türkei: Schwere Bedingungen, gute Geschäfte
Einerseits beschweren sich viele Firmen über die Bedingungen vor Ort – was angesichts der desolaten Kommunikation aus Ankara und der schwachen Umsetzung der versprochenen Politik verständlich ist. So erwarten 34 Prozent der Befragten, dass sich die wirtschaftliche Entwicklung in der Türkei sogar noch verschlechtern werde. 40 Prozent glauben, dass die Lage angespannt bleibe. Nur 26 Prozent gaben an, dass sich die konjunkturelle Lage des Landes in den nächsten Monaten verbessern werde.
Andererseits profitieren die befragten Firmen massiv von ihrer Präsenz in der Türkei. Insgesamt gaben die befragten Unternehmen ein äußerst positives Meinungsbild ab, wenn es um die geschäftliche Lage sowie um die weitere Entwicklung geht. Die gegenwärtige Lage wird von 70 Prozent als positiv eingestuft. 57 Prozent der Befragten erwarten, dass sich ihre Situation in den kommenden zwölf Monaten sogar noch verbessern werde. „Lediglich fünf Prozent prognostizieren eine schlechte Entwicklung“, heißt es in der Studie.
Die gute Laune deutscher Firmen in der Türkei schlägt sich auch in den Beschäftigungsplänen nieder. 59 Prozent der Befragten wollen neue Mitarbeiter einstellen, nur zwölf Prozent rechnen mit einem Stellenabbau. 43 Prozent der Befragten wollen mehr investieren. Im Frühjahr dieses Jahres lag dieser Wert noch bei 25 Prozent.
Deutschland ist auch in diesem Jahr der größte Handelspartner der Türkei: Von Januar bis August stieg der Handel auf 27,1 Milliarden US-Dollar und übertraf damit sogar das Niveau von 2019, also von vor Beginn der Covid-Pandemie.
Deutsche Firmen in der Türkei sind Krisen gewohnt
„Die gute Geschäftslage und aufgehellten Geschäftserwartungen unserer Mitglieder zeigen, dass diese vom konjunkturellen Aufschwung profitieren“, fasst Pahl die Umfrage zusammen. „Gleichzeitig fördert die gestiegene Zuversicht der Unternehmen die Investitions- und Beschäftigungsabsichten vor Ort und kann so die Wirtschaft weiter stärken.“
Die etablierten deutschen Firmen in der Türkei sind Krisen gewohnt. Derzeit liegt die Inflation im Land bei rund 20 Prozent – in den 1990ern waren es zeitweise 140 Prozent. Selbst drei erfolgreiche Putsche in den vergangenen Jahrzehnten brachten Firmen wie Siemens oder Bosch nicht dazu, das Land zu verlassen.
Hinzu kommt die Geschäftsstruktur der befragten Unternehmen. „Viele der befragten Firmen sind aus der Industrie mit großem Exportgeschäft“, erklärt AHK-Geschäftsführer Thilo Pahl. Und die hätten von der schwachen Lira profitiert. Denn wenn die Lira schwach ist, kaufen mehr Firmen aus dem Ausland ein. Und wenn die Firma selbst in Euro oder Dollar bilanziert, dann sinken die Reallöhne – unter dem Strich macht die Firma oder ihr Mutterkonzern in Deutschland damit ein besseres Geschäft.
Auch die Pharmabranche zählt Pahl zu den Branchen, die von der derzeitigen ökonomischen Lage profitieren. Boehringer Ingelheim zum Beispiel ist jüngst eine Partnerschaft mit Abdi Ibrahim Pharmaceuticals eingegangen, dem größten Pharmazeutika-Hersteller der Türkei. Mittelfristig will das deutsche Unternehmen 150 Millionen Lira investieren. Anfang des Jahres wären das noch gut 17 Millionen Euro gewesen, inzwischen sind es knapp vier Millionen weniger.
„Unsere Lokalisierungskooperation mit Abdi Ibrahim Pharmaceuticals ist eine der größten Investitionen, die wir seit unserer Gründung in der Türkei getätigt haben“, erklärt Yeliz Erbacıoğlu, CFO von Boehringer Ingelheim. Kein Wunder: Es war noch nie so günstig, Kooperationen in der Türkei auszubauen und Geld zu investieren.