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AutozuliefererZehntausend Bosch-Beschäftigte demonstrieren gegen Jobabbau

Die Mitarbeiter sehen das Erbe von Firmengründer Robert Bosch in Gefahr. Dem sonst so konsensorientierten Stiftungskonzern stehen schwierige Zeiten bevor.Martin-W. Buchenau 20.03.2024 - 17:42 Uhr
Tausende Bosch-Beschäftigte demonstrierten am Mittwoch in Gerlingen. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Gerlingen. Ausnahmezustand auf der Gerlinger Schillerhöhe bei Stuttgart: Mehrere Tausend Beschäftigte sind an diesem Mittwoch gekommen, um vor der Bosch-Zentrale gegen den massiven Personalabbau beim weltgrößten Autozulieferer zu protestieren.

Barbara Resch, die neue Bezirksleiterin der IG Metall Baden-Württemberg, sprach von mehr als 10.000 Demonstranten vor Ort. „Bosch ist erst der Auftakt, andere Unternehmen werden folgen.“ Auch Beschäftigte von Mercedes und Mahle waren vor Ort. Deutschlandweit sollen 25.000 Menschen an verschiedenen Standorten auf die Straße gegangen sein. Die Teilnehmer mussten sich dafür einen Tag frei nehmen.

Das letzte Mal, dass die Belegschaft vor die Zentrale zog, war im Jahr 2015, als die Generatorensparte verkauft wurde. In Sprechchören wurde der Rücktritt des damaligen Bosch-Chefs Volkmar Denner gefordert. Dazu kam es damals nicht.

Bosch will mehr als 7000 Stellen streichen

Auch diesmal ist die Stimmung aufgeheizt. Bosch hatte in den vergangenen Wochen fünfmal jeweils für unterschiedliche Bereiche Personalabbau bekannt gegeben. Gesamtbetriebsratschef Frank Sell sprach von Ankündigungen „in maschinengewehrartigem Takt“.

Mehr als 7000 Stellen, knapp die Hälfte davon im Inland und unter anderem auch Arbeitsplätze in Entwicklungs- und Softwareabteilungen, sollen insgesamt wegfallen. Betroffen sind auch die Sparten Hausgeräte und Elektrowerkzeuge.

Frank Sell: Der Bosch-Betriebsratschef kritisierte Ankündigungen „in maschinengewehrartigem Takt“. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

„Vielleicht müssen wir die genannten Kopfzahlen auch gar nicht erreichen, weil wir in den Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern andere Lösungen finden“, hatte Bosch-Chef Stefan Hartung im Interview mit der „Stuttgarter Zeitung“ vergangene Woche erklärt.

Gesamtbetriebsratschef Sell bezeichnete es jetzt als sehr verwunderlich, aus den Medien von der neuen Verhandlungsbereitschaft zu erfahren. „In den Gesprächen hat sich die Geschäftsführung bislang keinen Millimeter kompromissbereit gezeigt“, sagte Sell am Rande der Veranstaltung.  

Gewerkschaft und Betriebsräte wollen den Stiftungskonzern bei der Ehre packen. Das Unternehmen rühmt sich gern seiner besonderen sozialen Verantwortung gegenüber den Beschäftigten und spricht vom „Bosch-Weg“. In der Vergangenheit verzichtete man auch in schweren Krisen meist auf betriebsbedingte Kündigungen.

Konflikte zwischen Arbeitnehmern und Management

Ob das in Zukunft weiter gelingt, ist in der Transformation zur Elektromobilität mehr als fraglich geworden. Für die Beschäftigten in der Mobilitätssparte gilt zwar bis 2027 Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen.

Doch die Stimmung droht zu kippen. „Zukunft baut man nicht allein, man gestaltet sie gemeinsam“, lautete das Motto der Demonstration. Die Beschäftigten fordern mehr Mitsprache.

Der für die Mobilitätssparte zuständige Gesamtbetriebsrat Sell – sonst ein eher ruhigerer Vertreter seiner Zunft – hat den Ton seit Längerem verschärft. Bereits vor einem Jahr kritisierte er offen, dass die Arbeitnehmer permanent bei Verlagerungen ins Ausland vor vollendete Tatsachen gestellt würden. Zwischenzeitlich wurde die Arbeitsdirektorin abgelöst. An der Funkstille hat sich laut den Arbeitnehmervertretern wenig geändert.

Die Sichtweisen gehen da allerdings auseinander. Personalchef Stefan Grosch versicherte, dass er persönlich in Strategiegesprächen die Belegschaft frühzeitig einbinde.

Dagegen nannte Sell den Konzernplan „besorgniserregend“ und kritisierte ein hartes Durchgreifen des Managements: „Es ist nicht nur ein Wandel, sondern ein Kulturbruch“, sagte Sell.

Belegschaft fürchtet Bruch mit Werten des Gründers

Teilnehmer der Kundgebung am Mittwoch bestätigten die Einschätzung. „Es ist ein Bruch und nicht mehr der Bosch, den wir kennen“, sagte eine Frau in Unternehmensweste, die nach eigenen Angaben seit 39 Jahren für den Konzern arbeitet.

Es werde nur noch „kalt nach Rendite“ entschieden, ohne Fantasie, sagte ein weiterer Boschler.

Die Bosch-Beschäftigten fordern mehr Mitsprache. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Der geplante massive Personalabbau gefährdet aus Gewerkschaftssicht nicht nur Tausende von Arbeitsplätzen, sondern stellt auch die Zukunft, Innovationen und soziale Verantwortung des Konzerns infrage.

Gründer Robert Bosch wurde zu Lebzeiten „Roter Bosch“ genannt, weil er mit seinem Unternehmen nicht nur für technische Innovationen sorgte, sondern auch den sozialen Fortschritt vorantrieb; mit Acht-Stunden-Arbeitstagen, Urlaubsregelung und Betriebsrente.

Bosch beruft sich auch heute noch auf die Werte des Firmengründers. Foto: Robert Bosch GmbH, Historische Kommunikation

Kaum eine Weltfirma hält das Andenken an ihren Gründer so hoch, Robert Boschs soziale und gesellschaftspolitische Überzeugungen gelten als Leitlinie.

In den massiven Stellenstreichungen ohne Einbindung der Belegschaft sieht der Betriebsrat nun den Bruch mit der Tradition. Der Konzern sei auf 92 Milliarden Euro Umsatz gewachsen bei einer Rendite um die fünf Prozent. 2000 Arbeitsplätze seien im Inland unbesetzt, sagte Betriebsratschef Sell. „Es ist doch ein Irrsinn, dann in Deutschland über 3000 Stellen abzubauen. Das versteht doch niemand.“

Weitere Sparmaßnahmen sind geplant

Die Konzernführung ist da anderer Meinung. „Zu den Bosch-Werten gehört auch die Zukunfts- und Ertragssicherung“, sagte Personalchef Grosch. Man habe die Pflicht, das Unternehmen weiterzuentwickeln und wettbewerbsfähig zu halten.

„Das entspricht auch den Vorgaben, die Robert Bosch in seinem Testament verfügt hat. Da hilft es nicht abzuwarten, auch wenn es schmerzhaft ist“, sagte Grosch. „Wir müssen zügig und entschieden handeln – das gehört ebenfalls zur Bosch-Kultur.“ 

Bosch-Personalchef Stefan Grosch: „Wir müssen  zügig und entschieden handeln – das gehört ebenfalls zur Bosch-Kultur.“ Foto: dpa

Weitere Sparmaßnahmen sind geplant. Demnächst sollen laut Grosch mehr als 6000 Beschäftigte von der 40- zur 35-Stunden-Woche zurückkehren. Der Manager verwies auf die schwache Konjunktur, die hohe Belastung durch die Transformation und dass sich die hohen Investitionen in das hochautomatisierte Fahren und in Bauteile für Elektroautos nicht so schnell auszahlen würden wie geplant. Es sei wichtig, das Unternehmen rentabler und damit robuster aufzustellen.

Grosch hätte das gern auch auf der Kundgebung der aufgebrachten Menge erklärt. Nach eigener Aussage wollten die Arbeitnehmer ihn nicht auftreten lassen. Er versicherte, die Geschäftsführung wolle die Beschäftigung so weit wie möglich sichern.

Ob er bei einem Auftritt Gehör bekommen hätte, darf bei Sprechchören wie „Stoppt die Jobkiller“ oder Plakaten mit der Aufschrift „#Like a Bosch….or…#like a McKinsey“ – in Anspielung an den Werbespruch des Unternehmens in Verbindung mit dem üblichen harten Vorgehen von Sanierungsberatern – bezweifelt werden.

Frühere Bosch-Chefs scheiterten bereits mit Abbauplänen

Die Massenkundgebung auf der Schillerhöhe zeigt in jedem Fall, dass es bei dem sonst so friedlichen Stiftungskonzern gewaltig brodelt, auch wenn die gesamte Autobranche unter der Transformation leidet.

Unterschätzen sollte die Führung das seltene Aufbegehren seiner Belegschaft nicht. Anfang der 1990er-Jahre, als sich Autozulieferer und Elektroindustrie nach Auslaufen des Wiedervereinigungsbooms neu organisierten, geriet Bosch in eine Krise. 1993 gab es eine vergleichbar große Kundgebung auf der Schillerhöhe.

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Der damalige Chef Marcus Bierich versuchte, einen Sanierungskurs mit dem Abbau von 13.000 Stellen durchzusetzen. Er scheiterte letztendlich damit aber an Amtsvorgänger und Aufsichtsratschef Hans Merkle, der als Übervater im Unternehmen den „Bosch-Weg“ hochhielt.             .

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