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Boehringer IngelheimFamilienkonzern ist bereit für den Chefwechsel

Nach zwei schwachen Jahren laufen die Geschäfte bei Boehringer Ingelheim wieder rund. Der Umsatz kletterte um gut elf Prozent. Doch noch hinkt der zweitgrößte deutsche Pharmakonzern der Konkurrenz hinterher.Siegfried Hofmann 19.04.2016 - 11:29 Uhr Artikel anhören

Der Manager wird Ende Juni die Unternehmensleitung des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim übernehmen.

Foto: dpa

Frankfurt. Nach zwei schwachen Jahren mit Umsatzeinbußen ist Boehringer Ingelheim 2015 wieder deutlich auf Wachstumskurs zurückgekehrt. Das Familienunternehmen steigerte im vergangenen Jahr seine Erlöse um elf Prozent auf 14,8 Milliarden Euro, der Betriebsgewinn legte um sechs Prozent auf 2,27 Milliarden Euro zu. Deutschlands zweitgrößter Pharmahersteller verbesserte seinen Nettogewinn dank eines deutlich geringeren Steueraufwandes sogar um die Hälfte auf 1,57 Milliarden Euro.

Den Anschluss an den Trend der Pharmabranche hat der Konzern damit allerdings noch nicht wieder ganz gefunden. Denn klammert man positive Währungseffekte aus, legte Boehringer organisch insgesamt nur um vier Prozent und in der Pharmasparte um 2,6 Prozent zu. Gebremst wurde der Konzern dabei von Umsatzeinbußen bei der inzwischen verkauften Generikatochter Roxane. Ohne diesen Effekt wäre man im Pharmageschäft organisch immerhin um vier Prozent gewachsen.

Die Umsätze der führenden 30 Pharmahersteller dürften nach Schätzung des Handelsblatts währungsbereinigt dagegen noch etwas stärker, um fünf bis sechs Prozent, zugelegt haben, Boehringer selbst geht sogar von neun Prozent Marktwachstum aus. Konkurrenten wie Abbvie, Novo Nordisk, Bayer sowie etliche US-Biotechkonzerne verbuchten deutlich höhere organische Zuwachsraten. Bayer zum Beispiel meldete für seine Pharmasparte währungsbereinigt zehn Prozent Wachstum.

Der scheidende Boehringer-Chef Andreas Barner zeigt sich dennoch zufrieden. „Wichtig für uns war, dass wir wieder gewachsen sind, und dies auch mit den Produkten, für die wir uns das vorgenommen haben.“ sagte er dem Handelsblatt. „Noch nie in unserer Geschichte haben wir so viele Einreichungen, Zulassungen und Neueinführungen von Produkten verzeichnen können wie 2015.“

Barner, der Ende Juni nach 17 Jahren in der Unternehmensleitung von Boehringer das Ruder an den bisherigen Finanzchef Hubertus von Baumbach übergibt, bewertet 2015 als „herausforderndes“, aber auch erfolgreiches Jahr , in dem man entscheidende strategische Weichen gestellt habe. Die gravierendste Weichenstellung ist dabei der geplante Asset-Tausch mit Sanofi. Boehringer will in diesem Zuge die Tiermedizin-Sparte von Sanofi für 11,4 Milliarden Euro übernehmen und im Gegenzug das eigene Geschäft mit verschreibungsfreien Arzneien an den französischen Pharmariesen abgeben.

Die 4,7 Milliarden Euro, die Boehringer zusätzlich an Sanofi zahlen soll, stellen für den extrem stark finanzierten Familienkonzern keinerlei Problem dar. In das neue Jahr ist Boehringer mit einer Netto-Cashreserve von mehr als neun Milliarden Euro gestartet. Zusätzliche Einnahmen bringt der inzwischen vollzogene Verkauf der US-Generikasparte an die britische Firma Hikma und die kürzlich vereinbarte Entwicklungsallianz mit dem US-Konzern Abbvie auf dem Gebiet der Autoimmun-Erkrankungen. Für die Vertriebsrechte an zwei aussichtsreichen Wirkstoffkandidaten von Boehringer zahlt Abbvie einen hohen dreistelligen Millionenbetrag.

Gemessen am reinen Pharmaumsatz ist Astellas die Nummer zwei der japanischen Pharmaindustrie. Der Schwerpunkt liegt auf Transplantationsmedizin, Onkologie und Antiinfektiva. Die Japaner kamen im vergangenen Jahr auf einen Umsatz von 11,1 Milliarden Dollar.

Foto: dpa

Das Labor von Boehringer Ingelheim: Der zweitgrößte deutsche Pharmakonzern ist fest in Familienhand. Die Schwerpunkte liegen auf Mittel gegen Atemwegserkrankungen wie etwa das Lungenmittel Spiriva. Ein weiteres bekanntes Mittel ist Pradaxa, das zur Thrombose-Prävention eingesetzt wird. Geschätzter Umsatz 2015: 12,6 Milliarden Dollar.

Foto: ap

Takeda ist der größte japanische Pharmahersteller und bietet Mittel in verschiedenen Therapiegebieten. Die Japaner haben sich 2014 durch die Fusion mit Nycomed deutlich vergrößert und kamen voriges Jahr auf einen Pharmaumsatz von 13,8 Milliarden Dollar.

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Allergan hieß früher einmal Actavis und ist unter anderem Hersteller von Botox. 2015 machte das Unternehmen einen Umsatz von 15,1 Milliarden Dollar.

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Der größte deutsche Pharmakonzern hat sich im Gegensatz zu dem Jahr 2015 um ganze zehn Platze verbessern können. Der Umsatz 2017: 43,1 Milliarden Dollar. Top-Produkte sind beispielsweise der Gerinnungshemmer Xarelto und das Augenmedikament Eylea.

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Die Produktion von Langzeitinsulin der Firma Novo Nordisk: Der dänische Arzneihersteller ist einer der weltweit führenden Anbieter von Mitteln gegen Diabetes. Er kam im vergangenen Jahr auf einen Umsatz von 16,1 Milliarden Dollar.

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Der New Yorker Konzern hat seinen Schwerpunkt bei Mitteln gegen HIV und in der Immunologie, aber auch in der Onkologie. Der Pharmaumsatz lag 2015 bei 16,6 Milliarden Dollar.

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Der US-Konzern wurde 1876 vom Offizier und Chemiker Eli Lilly gegründet. Bekanntestes Mittel sind das Antidepressivum Cymbalta und das Potenzmittel Cialis. 2015 lag der Pharma-Umsatz bei 16,8 Milliarden Dollar.

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Die Israelis sind die Nummer eins der globalen Generikahersteller, also der Produzenten von Nachahmermitteln erfolgreicher Arzneien, deren Patentschutz ausgelaufen ist. Sie kamen im vergangenen Jahr auf 19,7 Milliarden Dollar Umsatz.

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Der US-Biotechkonzern wurde vor allem durch sein Mittel Epogen bekannt, das gegen Blutarmut eingesetzt wird und als Dopingmittel im Sport traurige Berühmtheit erlangt hat. Umsatz 2015: 21,7 Milliarden Dollar

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Das Unternehmen wurde im Jahr 2013 vom US-Konzern Abbott abgespalten und will sich mit Großübernahmen stärken. Die Amerikaner kamen 2015 auf einen Pharmaumsatz von 22,9 Milliarden Dollar.

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Verpackung von Tabletten in einem schwedischen Werk von Astra Zeneca: Eines der bekannten Produkte von Astra Zeneca ist der Cholesterinsenker Crestor. Der Umsatz lag 2015 bei 24,7 Milliarden Dollar.

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Die Briten sind stark im Impfgeschäft und haben Mittel gegen Depressionen und Atemwegserkrankungen im Portfolio. Der Konzern – dessen Sitz in London ist – kam 2017 auf einen Umsatz von etwa 40 Milliarden Dollar.

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Der US-Konzern stellt Medikamente und Medizintechnik her. Bekannter sind aber seine Pflegeprodukte wie die Kindercreme Bebe und OB-Tampons. Der Umsatz lag 2017 bei stolzen 72,5 Milliarden Dollar.

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Der US-Biotechkonzern beschäftigt etwa 8.000 Mitarbeiter und hat seinen Sitz in Kalifornien. Bekannt wurde es vor allem durch seine „1000-Dollar-Pille“ Sovaldi, ein wirksames, aber sehr teures Mittel gegen Hepatitis C. Umsatz 2017: 28,5 Milliarden Dollar.

(Quelle: Unternehmensangaben; Financial Times; Thomson Reuters)

Foto: dapd

Die Franzosen haben eine starke Basis in Deutschland und kommen auf einen Pharmaumsatz von 43,3 Milliarden Dollar. Die wichtigsten Medikamente sind das Diabetesmittel Lantus und das Herz-Kreislaufmittel Plavix. Bekannter dürfte das Schlafmittel Stilnox sein.

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Ebenfalls auf dem achten Platz finden sich die Amerikaner ein, die stark im Impfgeschäft und in der Frauengesundheit sind. Zusätzlich vermarkten sie auch Medikamente für Tiere. Pharmaumsatz 2017: 40 Milliarden Dollar.

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Noch etwas mehr Umsatz konnte Roche generieren. Dieser lag bei 53,9 Milliarden Dollar. Der Abstand zu dem Unternehmen an der Spitze ist allerdings beträchtlich. In der Öffentlichkeit ist der Konzern aus der Schweiz durch das Grippemittel Tamiflu bekannt.

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Die Schweizer sind seit dem Jahr 2014 von dem ersten Platz auf den vierten Platz abgerutscht. Rund 49,2 Milliarden Dollar konnten sie im Jahr 2017 umsetzen. Novartis ist stark bei Krebsmitteln. Bekannte Marken sind das Schmerzmittel Voltaren und das Leukämiemittel Glivec.

Foto: ap

Der Konzern hat es durch das Potenzmittel Viagra zu Weltruhm gebracht. Es macht aber nur noch einen kleinen Teil des Umsatzes von 52,4 Milliarden Dollar aus, welcher für einen Platz auf dem Treppchen reicht.

Foto: ap

Der designierte neue Firmenchef von Baumbach bekräftigte einmal mehr das Ziel, die Unabhängigkeit des Konzerns zu erhalten. „Eine Voraussetzung dafür ist die finanzielle Bewegungsfreiheit, basierend auf einer entsprechenden Liquiditätsposition und einer gesunden Eigenkapitalquote.“

Die im Dezember gestarteten exklusiven Verhandlungen mit Sanofi hofft Boehringer bis Jahresmitte abzuschließen. Ein Vollzug der Transaktion könnte dann bis Ende des Jahres oder in der ersten Hälfte 2017 erfolgen.

Der Ingelheimer Konzern will sich mit dieser bisher größten Übernahme der Firmengeschichte noch stärker auf das innovative Pharmageschäft in der Human- und Tiermedizin fokussieren. „Wir konzentrieren uns auf Kernkompetenzen und Geschäftsfelder, in denen wir eine führende Rolle einnehmen oder sie erreichen können“, sagt dazu Barner.

In eine ähnliche Richtung zielt die kürzlich erneuerte Forschungsstrategie. Sie sieht für die kommenden fünf Jahre Investitionen von elf Milliarden Euro für die Entwicklung innovativer Arzneimittel vor. Alleine fünf Milliarden davon sollen in die präklinische Forschung fließen, weitere 1,5 Milliarden in externe Partnerschaften. „Innovation ist die Grundvoraussetzung, um nachhaltig wachsen zu können“, sagt Barner.

Der Konzern war in dieser Hinsicht in den vergangenen beiden Jahren relativ erfolgreich – mit insgesamt elf Neueinführungen, darunter vier völlig neue Wirksubstanzen. Seine Ausgaben für Forschung und Entwicklung erhöhte er 2015 überproportional zum Umsatz um 13 Prozent auf rund drei Milliarden Euro. Konzernweit entspricht das einer Quote von gut 20 Prozent.

Boehringer gehört damit zu den forschungsintensivsten Unternehmen der Branche. Im Pharmageschäft alleine pumpt Boehringer derzeit knapp ein Viertel der Erlöse in die Forschung – und damit auch deutlich mehr als der größere Bayer-Konzern, der zuletzt 2,3 Milliarden Euro (17 Prozent vom Umsatz) für die Pharmaforschung ausgab.

Im operativen Geschäft profitierte Boehringer unterdessen ähnlich wie die meisten international agierenden Großkonzerne von deutlich positiven Währungseffekten. Die wichtige Pharmasparte, die rund drei Viertel zum Gesamtumsatz beisteuert, legte um knapp elf Prozent auf 11,2 Milliarden Euro zu. Währungsbereinigt entspricht das 2,6 Prozent Plus, während die kleinere Sparte Tiergesundheit organisch um ein Zehntel und der Bereich Biopharmazeutika, das Auftragsgeschäft in der Produktion von Biotech-Wirkstoffen, sogar um 15 Prozent zulegten.

Im Pharmageschäft kamen Boehringer teilweise auch bereits die Neuzulassungen der vergangenen Jahre zugute, darunter mehrere Krebs- und Diabetesmittel. Sehr starke Zuwächse von mehr als 40 Prozent verbuchte der Konzern insbesondere beim Diabetesmittel Tradjenta. Und mindestens ebenso positiv werden die Perspektiven der Neuentwicklung Jardiance eingeschätzt. Für dieses Diabetesmedikament konnte Boehringer im vergangenen Jahr in einer großen Studie nachweisen, dass es die Rate der Herzkreislaufprobleme sowie dadurch bedingte Todesfälle bei Diabetikern deutlich reduziert. Das dürfte nach Einschätzung von Analysten dem Medikament klare Vorteile im Wettbewerb bringen.

Andererseits verweist das Unternehmen auch auf „zunehmenden Preisdruck“ bei etablierten Medikamenten in vielen Märkten. Das Marktumfeld werde für die gesamte Pharmabranche herausfordernder, warnt Barner. Zwar wachse der Markt weltweit, „aber der Marktzugang für innovative Medikamente wird zunehmend schwieriger, und gleichzeitig nimmt der Preisdruck zu.“

Der Ingelheimer Konzern erwartet daher für die Pharmabranche insgesamt nur geringe Wachstumsimpulse. Auch für das eigene Geschäft geht er daher – trotz der jüngeren Zulassungserfolge – nur von einem geringen Umsatzwachstum und einem leicht rückläufigen Betriebsergebnis aus.

Der wachsende Preisdruck hatte den Konzern in den vergangenen beiden Jahren bereits gebremst und damals unter anderem zu Umsatzeinbußen bei seinen beiden Bestsellern, dem Atemwegspräparat Spiriva und dem Herzmittel Micardis geführt. Hinzu kam die anhaltende Debatte um mögliche Sicherheitsrisiken beim Gerinnungshemmers Pradaxa, ein Mittel, das zur Schlaganfall-Prophylaxe eingesetzt wird, dessen Erlöse 2014 ebenfalls unter Druck geraten waren. Diese Schwächen konnte Boehringer 2015 zumindest teilweise überwinden. Während das inzwischen weitgehend patentfreie Micardis weiter Umsatz verlor, konnten die Erlöse mit Spiriva und Pradaxa erstmals wieder moderat gesteigert werden.

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Barner zeigt sich zuversichtlich, dass sich die beiden Produkte auch in den kommenden Jahren gut im Markt behaupten können. Spiriva verliert in Europa zwar demnächst den Patentschutz, ist in den USA inzwischen aber auch für die Asthmabehandlung zugelassen. Außerdem brachte Boehringer mit Spiolto ein neues Kombinationsprodukt gegen die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) auf dem Markt, in dem Spiriva mit einem weiteren Wirkstoff kombiniert ist.

Für Pradaxa gelang es dem Konzern im vergangenen Jahr ein Gegenmittel auf den Markt zu bringen, das die Wirkung des Gerinnungshemmers im Falle schwerer Blutungen oder nötiger Operationen kurzfristig aufheben kann. Barner zeigt sich zuversichtlich, dass damit auch das Vertrauen in das Pradaxa wieder gestärkt wird.

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