Chemiekonzern: Hightech-Kunststoffe für Elektromobilität: Lanxess nimmt mit Milliardenzukauf Autoindustrie als Kunden ins Visier
Der Weltmarkt für Hochleistungskunststoffe, wie sie bei Elektrofahrzeugen eingesetzt werden, ist noch stark fragmentiert.
Foto: BloombergFrankfurt, Düsseldorf. Der Spezialchemiekonzern Lanxess arbeitet zusammen mit dem Finanzinvestor Advent an einem Gebot für das Kunststoffgeschäft des niederländischen Wettbewerbers DSM. Das erfuhr das Handelsblatt aus Finanz- und Unternehmenskreisen. Die Sparte ist demnach rund drei Milliarden Euro wert.
Lanxess lagert ähnliche eigene Aktivitäten unter dem Namen HPM derzeit in eine eigenständige Firma aus. Mit dieser soll die DSM-Sparte später kombiniert werden. Das neue Unternehmen solle einen Kern für weitere Übernahmen auf dem Markt bilden, sagten mehrere mit den Plänen vertraute Personen. Anleger reagierten wenig begeistert, die Lanxess-Aktie verlor am Freitag in der Spitze mehr als fünf Prozent.
DSM Engineering Plastics und Lanxess HPM sind beide stark auf die Ausrüstung der Autoindustrie ausgerichtet. Sie stellen Hochleistungskunststoffe her, wie sie im Leichtbau für Elektroautos, Stecker oder für Batteriegehäuse gebraucht werden.
Der Weltmarkt für solche Kunststoffe ist derzeit noch stark fragmentiert. Branchenexperten erwarten in den kommenden Jahren eine kräftige Konsolidierung, bei der es um die besten Positionen in der Ausrüstung für die Elektromobilität geht. Der Zusammenschluss der Sparten von DSM und Lanxess ziele auf Größenvorteile, Kostensenkungen und ausreichend Finanzkraft für weitere Zukäufe, heißt es in den Kreisen.
Zugleich haben beide Unternehmen aber auch Produkte im Portfolio, die in Verbrennerautos eingesetzt werden und die durch den Umstieg auf Elektromobilität langfristig verschwinden könnten.
Die Kunststoffsparte von DSM, die derzeit zum Verkauf steht, ist mit einem für 2021 erwarteten Umsatz von rund zwei Milliarden Euro deutlich größer als die der Kölner. Der bereinigte Gewinn (Ebitda) wird für das kommende Jahr auf rund 300 Millionen Euro geschätzt. Bei einem Deal könnte die Sparte mit dem Zehn- bis Elffachen des Ebitda bewertet werden, also gut drei Milliarden Euro. Organisiert wird die Auktion von JP Morgan und Centerview. Lanxess, Advent, DSM und die Banken lehnten Stellungnahmen ab.
Für Lanxess wäre es der nächste große Deal binnen kurzer Zeit. Mehr als zwei Milliarden Euro hat der Konzern seit Januar 2021 für Zukäufe ausgegeben – das entspricht einem Drittel des 2020 erzielten Umsatzes.
Derzeit übernimmt der Konzern für 1,3 Milliarden Dollar das Geschäft mit antimikrobiellen Schutzprodukten vom US-Aromenhersteller IFF. Damit verstärken die Kölner ihre junge Wachstumssparte „Consumer Protection“, in der Geschäfte mit Chemikalien für Desinfektion, Körperpflege, Materialschutz und Wasseraufbereitung gebündelt sind. Sie zählt zum neuen Kerngeschäft.
Für die High-Performance-Kunststoffe gilt dies nun möglicherweise nicht mehr. Konkurrenten und Investoren hatten schon im November aufgehorcht, als die Kölner die Ausgliederung der HPM-Einheit ankündigten. Dies ist meist der erste Schritt zu einer Trennung.
Jetzt zeigt sich die Strategie dahinter: Als selbstständige Einheit soll HPM zu einem eigenständigen größeren Kunststoffanbieter werden. Das nötige Kapital für externe Verstärkung schießt Advent zu. Lanxess hingegen könnte mittel- bis langfristig aus dem Geschäft aussteigen, heißt es in den Kreisen. Alle Optionen seien offen.
Konsolidierung in der Branche läuft auf Hochtouren
Noch sind das aber nur Pläne, der Verkaufsprozess ist noch nicht gestartet. DSM hat die Trennung von seiner Sparte Materials im September 2021 angekündigt. Sie besteht aus zwei Einheiten, die separat veräußert werden sollen. Zunächst soll „Protective Materials“ abgestoßen werden, also das Geschäft mit der extrem starken Kunstfaser Dyneema.
Potenzielle Käufer könnten die Sparte, die auf ein Ebitda von rund 120 Millionen Euro kommt, mit bis zu 1,7 Milliarden Euro bewerten, wie mit der Angelegenheit vertraute Personen sagten. In den nächsten Tagen sollen sie ausführliche Informationspakete erhalten.
Erst später startet die Auktion für die Kunststoffeinheit Engineering Plastics. Denn in wenigen Wochen beginnt der US-Chemiekonzern Dupont den zehn bis zwölf Milliarden Dollar schweren Verkauf seiner Polyamid-Kunststoffsparte, die auf einen bereinigten Gewinn von rund einer Milliarde Dollar kommt. Daran sind unter anderem zwei Konsortien unter Führung der Finanzinvestoren Apollo und Carlyle interessiert. Für den Käufer wäre auch das DSM-Geschäft attraktiv, weil sich weitere Größenvorteile ergäben.
Mit Advent hat Lanxess einen in der Chemieindustrie erfahrenen Finanzinvestor an der Seite, der allein in Deutschland schon neun Investments getätigt hat. Zuletzt hatte Advent 2019 für drei Milliarden Euro das Plexiglasgeschäft von Evonik übernommen. Beide werden aber nicht die einzigen Bieter in der DSM-Auktion sein.
Laut Finanzkreisen sind der Wettbewerber Celanese aus den USA, UBE aus Japan und Investoren wie SK Capital oder die ebenfalls chemieaffine Beteiligungsgesellschaft Apollo interessiert. Die Firmen lehnten Stellungnahmen ab oder waren bisher nicht erreichbar.
Die Kassen der Finanzinvestoren sind für Zukäufe gut gefüllt. Viele blicken erwartungsvoll auf die weitere Neuordnung in der Industrie, wo Unternehmen größere Geschäfte abspalten und zum Verkauf stellen. In der Chemie ist dieser Prozess seit vielen Jahren in vollem Gange: Lanxess ist selbst das Produkt einer Abspaltung der Bayer-Chemieeinheiten im Jahr 2005.
Vorstandschef Zachert hat Lanxess neu aufgestellt
Vorstandschef Matthias Zachert hat den Konzern in den vergangenen Jahren komplett neu aufgestellt. Er bevorzugt margenstarke Spezialgeschäfte in überschaubaren Märkten und mit nicht zu großem Kapitaleinsatz. Daran gemessen wäre eine mittelfristige Trennung vom Geschäft mit Hochleistungskunststoffen für die Auto- und Elektroindustrie nicht unlogisch.
In der HPM-Einheit erwirtschaften rund 1900 Mitarbeiter einen Umsatz im niedrigen einstelligen Milliarden-Euro-Bereich. Sie ist im Vergleich zu Konkurrenten wie BASF, Dupont oder Anbietern aus China eher klein. Im Bereich für Hochleistungskunststoffe wäre HPM perspektivisch auf Zukäufe oder Partnerschaften angewiesen. So hatte Zachert auch die fürs erste Halbjahr 2022 geplante Verselbstständigung begründet.
Der Lanxess-Chef bevorzugt margenstarke Spezialgeschäfte in überschaubaren Märkten und mit nicht zu großen Kapitaleinsatz.
Foto: Ulrich Baumgarten/Getty ImagesDen Ausstieg über diesen Weg hat Lanxess schon einmal exerziert: Das einst dominierende Geschäft mit Kautschuk für Autoreifen hatte den Konzern 2013 in eine tiefe Krise gestürzt. Finanzstarke Wettbewerber vor allem aus Asien hatten dem damaligen Weltmarktführer schwer zugesetzt. Zachert brachte das Geschäft in ein Joint Venture mit der saudi-arabischen Aramco ein, Lanxess stieg später komplett aus.
DSM – einst in der Petrochemie groß geworden – steckt im Endstadium eines rigorosen Umbaus. Der niederländische Konzern fokussiert sich komplett auf Zusatzstoffe für Nahrungsergänzungsmittel, Tierfutter, Kosmetika sowie für Gesundheitsprodukte und Arzneien. Im Herbst hat DSM sein Geschäft mit Beschichtungen für 1,6 Milliarden Euro an die Leverkusener Covestro verkauft.