1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Industrie
  4. Lanxess: Wie sich der Chemiekonzern für einen Gaslieferstopp rüstet

ChemiekonzernInterner Abschaltplan, mehr Liquidität: Lanxess rüstet sich für einen Gaslieferstopp

Die Folgen für die Wirtschaft seien unkalkulierbar, warnt CEO Zachert. Man dürfe sich zudem nicht erneut von nur einem Energieträger abhängig machen.Bert Fröndhoff 05.05.2022 - 17:30 Uhr Artikel anhören

Der Spezialchemiekonzern hat große Standorte in Leverkusen, Dormagen und Krefeld.

Foto: Lanxess AG

Düsseldorf. Eines macht Lanxess-Chef Matthias Zachert direkt deutlich: Ein Gaslieferstopp aus Russland wäre aus seiner Sicht eine Katastrophe für die deutsche Wirtschaft. Die Chemie müsste ihre Grundstoffproduktion herunterfahren, die Lieferketten in der verarbeitenden Industrie würden zusammenbrechen. „Ich hoffe daher sehr, dass es nicht zu einem Gasembargo kommt“, sagt er.

Doch als umsichtiger Manager muss Zachert den Kölner Spezialchemiekonzern auf ein solches Szenario vorbereiten. Bei der Vorstellung der Quartalszahlen am Donnerstag gab der Lanxess-Chef Einblick, was der Konzern im Fall eines Lieferstopps von russischem Gas zu tun gedenkt – und wo die Grenzen liegen.

In den zwei Monaten seit Kriegsbeginn hat der Lanxess-Krisenstab dafür mit den Verantwortlichen in den großen deutschen Produktionsstätten einen Plan entwickelt. Die meisten Werke stehen in den nordrhein-westfälischen Standorten Dormagen, Leverkusen und Krefeld. „Im Krisenfall weiß jetzt jeder, was zu tun sein wird“, sagt Zachert.

Lanxess erwartet, dass bei einem Ausfall der Lieferungen aus Russland die Gasversorgung auch für die Chemie deutlich kontingentiert wird. Dem Unternehmen könnten dann zwischen 25 und 50 Prozent des in der Chemie wichtigsten Energielieferanten fehlen.

„Wir haben genau ermittelt, welche unserer gasintensivsten Anlagen wir herunterfahren und welche anderen wir nur drosseln müssten“, erläutert Zachert. Die technische Machbarkeit habe man mit den Betriebsleitern durchgesprochen, die Folgen für jedes Werk aufgeschlüsselt.

Lanxess hat einen internen Abschaltplan entwickelt, der sich nach den Prioritäten für Kunden und Lieferketten richtet – aber auch nach Renditefragen. Der Konzern rechnet im Falle eines Gasembargos mit Gewinnausfällen zwischen 80 und 120 Millionen Euro.

Lanxess-Chef: Gasembargo könnte „ganze nachgelagerte Industrien lahmlegen“

Bei Lanxess selbst würden also nicht die Lichter ausgehen, der Konzern erwartet für dieses Jahr weiterhin einen bereinigten Gewinn von mehr als 860 Millionen Euro. „Die indirekten Folgen für die Gesamtwirtschaft sind aber überhaupt nicht kalkulierbar“, sagt Zachert. In der Chemie wird von „Rieseleffekten“ gesprochen, wenn fehlende Chemikalien und Kunststoffe ganze nachgelagerte Industrien lahmlegen – beispielsweise Autos, Medizin, Nahrung und Konsumgüter.

Der CEO gilt als krisenerprobt.

Foto: IMAGO/sepp spiegl

Zachert hat viele Jahre Erfahrung als Finanzchef von Lanxess und Merck KGaA, er legt in schwierigen Zeiten großen Wert auf ein ausreichendes Finanzpolster. Schon zu Beginn der Coronapandemie hat er die Liquidität im Konzern deutlich erhöht, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Nach Ausbruch des Ukrainekriegs hat Lanxess im März die Liquidität erneut um 600 Millionen Euro erhöht – mit Fremdkapital zu „sehr günstigen Konditionen“, wie der CEO sagt.

Man habe zudem genau geprüft, wie es um die eigenen Rohstoff-Lieferketten aktuell steht, was sich im Fall eines Embargos ändern würde – und auf welche Alternativen man ausweichen könnte.

Eine Umstellung der Energieversorgung auf Kohle ist nach Zacherts Einschätzung kaum machbar. In den großen Chemieparks laufen vorwiegend Gaskraftwerke, die auch viel Dampf erzeugen. Dieser Dampf ist für den Betrieb der Chemieanlagen wichtig. Eine Umrüstung dieser Kraftwerke auf Kohlebetrieb sei technisch nicht zu realisieren, man bräuchte einen kompletten Neubau.

An den Lanxess-Standorten sind aber auch noch einige wenige Kohlekraftwerke im Einsatz. Die sollen eigentlich frühestmöglich abgeschaltet werden, damit der Konzern seine Ziele zur CO2-Senkung erreichen kann. Sollten aber die Gaspreise und damit die Energiekosten für Lanxess so hoch bleiben wie aktuell, könnte der Konzern diese Umstellung bremsen.

Im laufenden Jahr könnten die Energiekosten von Lanxess auf voraussichtlich gut eine Milliarde Euro steigen – und wären damit auf einer Ebene mit den gesamten Personalkosten des Konzerns. „Eine solche Relation habe ich in meinem Berufsleben noch nie erlebt“, sagt Zachert. Er warnt eindringlich vor den Folgen der teuren Energie in Deutschland insgesamt.

Lanxess-CEO Zachert zur Energiewende: „Als Manager müsste ich gefeuert werden“

Denn die Inflation wird aus seiner Sicht noch lange anhalten. Lanxess gelingt es bisher, die gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten über Preiserhöhungen an die Kunden weiterzugeben, die dann bei ihren Abnehmern ebenso verfahren. Im ersten Quartal sind die Preise der Lanxess-Produkte im Schnitt um 30 Prozent gestiegen – in Zacherts Karriere als Chemiemanager ebenfalls ein Novum.

Ein Ende der Preisanstiege ist nicht in Sicht, Lanxess erwartet daher auch im zweiten Quartal gute Geschäfte und einen bereinigten Gewinn über dem Vorjahreswert. „Die Preissteigerungen in der Chemie werden mit einem halben Jahr Verzug beim Konsumenten ankommen. Darauf muss sich unsere Volkswirtschaft einstellen“, sagt der Lanxess-Chef.

Verwandte Themen
Lanxess
Deutschland

Zachert unterstützt die Schritte gegen Russland und gegen den „brutalen Massenmörder“, wie er Wladimir Putin am Donnerstag mehrfach nannte. Doch er mahnt die Bundesregierung, alles zu tun, damit die heimische Industrie wegen der hohen Energiekosten in Deutschland „nicht aus dem globalen Wettbewerb geschossen wird“.

Er hält es daher für einen Fehler, gleichzeitig aus der Verstromung durch Kohle und Atomkraft auszusteigen und sich nur noch auf die erneuerbaren Energien zu verlassen. Man dürfe sich nicht noch einmal von einem einzelnen Energieträger abhängig machen, das sei die Lehre aus den vergangenen Jahren, sagt Zachert. „Wenn ich als Manager einen Konzern auf nur einen Zulieferer oder Rohstoff ausrichten würden, müsste ich gefeuert werden.“

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt