Chemieindustrie: Covestro-Chef Steilemann: „Logistikprobleme in China werden noch Wochen anhalten“
„Wir gehen davon aus, dass die logistischen Probleme in China noch einige Wochen anhalten werden“, sagt Steilemann.
Foto: dpaDüsseldorf. Noch vor acht Wochen hat der Kunststoffhersteller Covestro eine ambitionierte Jahresprognose abgegeben, doch die ist jetzt Makulatur. Teure Energie und Rohstoffe hatte das Management durchaus schon eingepreist – nicht aber die rigiden Coronamaßnahmen in China nach den jüngsten Infektionen.
„Der Lockdown in China ist der größte Treiber für unsere Prognoseanpassung“, sagte Vorstandschef Markus Steilemann dem Handelsblatt. „Wir gehen davon aus, dass die logistischen Probleme dort noch einige Wochen anhalten werden.“
Covestro hat sich aber nicht allein deswegen zu der Prognosesenkung entschlossen. Steilemann erwartet zudem eine schwächere Nachfrage im Laufe des Jahres, weil sich der Ausblick für die Weltwirtschaft verdüstert und zahlreiche wichtige Kundenindustrien des Leverkusener Konzerns weiterhin mit den Lieferengpässen bei Vorprodukten kämpfen. „Die deutsche Wirtschaft ist zuletzt hart an einer Rezession vorbeigeschlittert. Ich fürchte, dass das in den kommenden Quartalen nicht so bleiben wird“, sagt er.
Mit der kräftigen Gewinnwarnung schockte Covestro am Dienstag die Anleger an der Börse. Die Aktie des Konzerns brach um sechs Prozent auf 38 Euro ein. Anfang März war das Management noch davon ausgegangen, in diesem Jahr ein Ergebnis zwischen 2,5 und drei Milliarden Euro erzielen zu können. Jetzt peilt es einen bereinigten Gewinn zwischen zwei und 2,5 Milliarden Euro an.
Der Korridor für den Ergebnisausblick wurde damit gleich um bis zu einer halben Milliarde Euro nach unten geschraubt. Allein die Hälfte davon geht auf Kosten des Lockdowns in China. Das Land ist einer der wichtigsten Märkte für Covestro, die Schaumstoffe und der transparente Kunststoff Polycarbonat werden dort für Elektroautos, Dämmungen und in der Medizin- und Elektrotechnik gebraucht.
Produktionsstätte in Schanghai
Die Leverkusener sind von dem Lockdown in Schanghai besonders betroffen, weil sie dort eine riesige Produktionsstätte betreiben. Doch die konnte zuletzt nichts ausliefern, weil schlicht die Lkw-Fahrer fehlten. Die Bewohner der Stadt durften über Wochen hinweg wegen der Coronaausbrüche ihre Wohnungen nicht verlassen.
„Wir mussten die Produktion herunterfahren, weil irgendwann unsere Lager voll waren“, sagt Steilemann. Es seien rein logistische Engpässe, die sich auch im verstopften Hafen Schanghais zeigten.
Zuletzt habe sich die Situation in der Stadt zwar etwas entspannt. „Die Probleme in China werden aber noch einige Wochen andauern“, erwartet Steilemann. Davon dürften neben Covestro auch andere Industriefirmen betroffen sein. Zumal die Pandemiebekämpfung sich in anderen Regionen Chinas noch verstärken und dort zu Nachfrageausfällen führen könnte.
Am Wochenende zeigte sich bereits in offiziellen chinesischen Zahlen, dass die Wirtschaft des Landes stärker als befürchtet unter den rigiden Maßnahmen zur Eindämmung der Coronainfektionen leidet. Die Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor in China sind im April so stark zurückgegangen wie seit Beginn der Coronapandemie nicht mehr. Laut den Unternehmen führten die Beschränkungen zu Problemen bei der Verschiffung im Hafen von Schanghai – dem größten der Welt – und zu einem Auftragsrückgang.
Der China-Lockdown allein hätte für Covestro wohl nur temporär negative Folgen gehabt, die sich begrenzt auf das zweite Quartal auswirken. Für diesen Zeitraum erwartet der Konzern jetzt einen bereinigten Gewinn zwischen 430 Millionen und 530 Millionen Euro, was im schlechtesten Fall ein Drittel weniger wäre als von Analysten bisher geschätzt.
Steigende Energiepreise
Doch die Probleme gehen mit steigenden Energiepreisen einher. Covestro wird neuen Schätzungen zufolge in diesem Jahr zwischen 1,7 und zwei Milliarden Euro für die Energiebeschaffung ausgeben. 2021 waren es noch 1,2 Milliarden Euro und im Jahr davor nur 600 Millionen Euro.
Auch das hätte der Konzern möglicherweise aufgefangen, wenn diese Kosten über Preiserhöhungen an die Kunden problemlos weitergereicht werden könnten – so, wie dies im Boom des vergangenen Jahres und auch im ersten Quartal 2022 möglich war. Doch das wird mit Blick auf die zahlreichen gesamtwirtschaftlichen Risiken schwieriger.
Steilemann fürchtet neben den geopolitischen Spannungen und den direkten Kriegsfolgen vor allem die hohe Inflation. Sie könnte dazu führen, dass die Menschen deutlich weniger konsumieren, weil sie vorsichtiger wirtschaften. „Wir haben in unseren Szenarien deutliche Nachfragerückgänge eingepreist“, sagt der Covestro-Chef. Die Elektronikindustrie lasse weltweit nach, was am Chipmangel und an einem gewissen Sättigungseffekt liege. In der Automobilindustrie sei keine Lösung für Lieferkettenproblem absehbar, zudem gebe es erste Zeichen für eine schwächere Nachfrage.
Dies zeige sich aktuell vor allem in Europa. Um die Konjunktur in China sorgt sich Steilemann weniger, denn die Regierung in Peking tut aus seiner Sicht alles, um den lokalen Konsum anzukurbeln. Die US-Wirtschaft zeigt sich für ihn aktuell in einer überraschend starken Verfassung, aber auch dort könnte sich die hohe Inflation bald in einem schwächeren Konsum niederschlagen.