Chery Automobile: Chinas größter Auto-Exporteur Chery drängt nach Europa
Chery expandiert vor allem in den Schwellenländern.
Foto: IMAGO/ITAR-TASSWien, Peking. VW stellt den Up ein, Mercedes die A-Klasse und Audi den Q2: Die deutschen Autohersteller bieten weniger kleine und kompakte Fahrzeugen an. Sie produzieren lieber größere Baureihen mit höheren Gewinnspannen. „Die Leute brauchen aber bezahlbare Autos“, sagte Jochen Tüting, Deutschlandstatthalter des chinesischen Fahrzeugherstellers Chery, dem Handelsblatt. „Da kommen wir ins Spiel.“
Im April 2024 will Chery beginnend mit dem 4,40 Meter langen SUV Omoda 5 in der Bundesrepublik durchstarten. Binnen 24 Monaten sollen fünf weitere sportliche Geländewagen unter den neuen Marken Omoda und Jaecoo zu den Händlern rollen. „Wir sehen uns klar im Volumensegment und werden ausstattungsbereinigt beim Preis deutlich attraktiver dastehen als unsere direkten Konkurrenten“, kündigt Tüting an.
Der Startpreis des Omoda 5 soll unter 30.000 Euro liegen. „Ein weiteres Fahrzeug wird deutlich unterhalb dieser Schwelle liegen, ein anderes Modell darüber“, erklärt Tüting. „Wir können damit eine Lücke schließen.“
Chery wächst mit Verbrennungsmotoren
Im Gegensatz zu chinesischen Konkurrenten wie BYD, Nio oder Xpeng, die ausschließlich mit vollelektrischen Fahrzeugen nach Europa drängen, setzt Chery neben reinen Stromern auch auf Benziner und Plug-in-Hybride. Andernfalls würde man 80 Prozent des Marktes ignorieren, sagt Tüting. Der Verbrenner ist aus seiner Sicht längst noch nicht am Ende. Im Gegenteil.
Chery wächst vor allem mithilfe günstiger Ottomotoren rasant. Der Absatz des teilstaatlichen Unternehmens aus der chinesischen Großstadt Wuhu am Yangtse-Fluss hat sich in den vergangenen sechs Jahren von 600.000 auf fast 1,4 Millionen Einheiten mehr als verdoppelt. Das geht aus Registrierungszahlen des Datendienstleisters Marklines hervor, die dem Handelsblatt vorliegen.
Der Jaecoo J7 soll 2024 nach Deutschland kommen.
Foto: via REUTERSLaut eigenen Angaben hat Chery 2022 gut 450.000 Autos in alle Welt exportiert. Dieses Jahr soll sich das Volumen in den Auslandsmärkten auf über 900.000 Einheiten verdoppeln. Nach sechs Geschäftsmonaten konnte Chery im Jahr 2023 mit 420.000 Fahrzeugen erstmals mehr Pkw außerhalb als innerhalb von China verkaufen. Damit ist das 1997 gegründete Unternehmen der größte Autoexporteur aus dem Reich der Mitte – noch vor BYD.
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Chery ist eine Aktiengesellschaft, aber nicht börsennotiert. Zu den größten Anteilseignern zählt laut dem Datendienstleister Qichacha neben Investmentvehikeln der Provinzregierung in Anhui etwa der fernöstliche Elektronikzulieferer Luxshare, der für Apple unter anderem iPhones und Airpods produziert. In China verkauft Chery Fahrzeuge unter Eigenmarken wie Exceed Jetour oder Chery. Darüber hinaus ist das Unternehmen auch Produktionspartner der britischen Traditionsmarken Jaguar und Land Rover.
Insbesondere bei Elektroautos tobt in China seit Monaten ein ruinöser Preiskrieg. Auch deswegen sehe Chery in Südostasien und Südamerika derzeit ein „größeres Momentum“, sagt Tüting. Chery ist in mehr als 80 Märkten aktiv. Die meisten davon sind vergleichsweise klein und gelten in der Branche als „Auto-Entwicklungsländer“. Dazu zählen etwa die Philippinen, Chile, Brasilien, Ägypten oder Kasachstan.
Chinesen drängen nach Russland
Bei der Expansion sind die Chinesen opportunistisch. Nach dem Rückzug westlicher Konzerne aus Russland infolge des Ukrainekriegs haben die Chinesen die Lücke gefüllt. Der Marktanteil von Chery in Russland ist seit 2021 von zwei auf über 16 Prozent in die Höhe geschossen. Nun will Chery sich auch in Europa etablieren.
Nach dem Rückzug der westlichen Konzerne aus Russland hat Chery massiv Marktanteile gewonnen.
Foto: ReutersDabei setzt der chinesische Hersteller auf ein konventionelles Konzept. „Es ist schlau, mit lokalen Partnern zusammenzuarbeiten“, sagt Tüting. Ein reiner Onlinevertrieb kommt für Chery nicht infrage. „Der direkte Bezug vom Autohaus zum Endkunden ist von großem Wert. Das ist eine Erfolgsformel“, erläutert Tüting.
Noch fehlt es Chery an konkreten Handelspartnern. Die Gespräche verlaufen Branchenkreisen zufolge offen. Experten sind aber skeptisch, ob Chery in Europa mit seinen Entwürfen wirklich auf breites Interesse stößt. „Es wird sehr schwer“, meint Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Center Automotive Research (CAR). „Chery kommt spät und mit technisch überschaubaren Fahrzeugen.“
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Preiswerte Autos aus China mit unterschiedlichen Antrieben biete bereits MG Motor an. Premiumhersteller Nio will mit Akku-Tauschstationen und eigenen Smartphones punkten. Und BYD setzt auf eine große Fertigungstiefe, vor allem mit seinen selbst entwickelten Batterien. Chery fehlten dagegen klare Alleinstellungsmerkmale, sagt Dudenhöffer.
„Wir wissen, was nötig ist, um neue Märkte zu erschließen“, entgegnet Chery-Manager Tüting. Natürlich seien Länder wie Russland oder Venezuela nicht mit Deutschland vergleichbar. Man stehe vor einer „komplexen Aufgabe“ in der Entwicklungsabteilung.
Fabrik in Europa geplant
Der einstige Ford-Ingenieur ist Geschäftsführer der Chery Europe GmbH. In Raunheim bei Frankfurt hat er ein Design- und Forschungszentrum für die Chinesen mit 40 Mitarbeitern aufgebaut. Bis Jahresende sollen bis zu 30 weitere Entwickler hinzukommen. Es gibt viel zu tun. Die Fahrzeuge aus China sollen in Raunheim an den Geschmack der Europäer angepasst werden.
„Es geht um Details“, sagt Tüting. „Wir werden unsere Kunden zum Beispiel immer in ihrer Landessprache ansprechen.“ Während viele Wettbewerber für die Smartphone-Spiegelung gerne einen Aufpreis verlangten, gebe es Apple Carplay bei Chery standardmäßig und nicht kabelgebunden.
Generell sei eine intuitive Bedienung wichtig. Viele Wettbewerber würden ihre Produkte mit unnötigen Funktionen überfrachten, erklärt Tüting. Sein Ansatz: „Unsere Assistenzsysteme bieten zwar zusätzliche Sicherheit, bevormunden den Fahrer aber nicht.“
Drohende Handelsbarrieren zwischen Europa und China sieht der Chery-Manager gelassen. „Die Untersuchung der EU-Kommission zu möglichen Strafzöllen bestärkt uns in unserer Strategie, die einzelnen Märkte lokal zu bedienen.“ Der Autobauer produziert bereits in zehn Werken außerhalb von China und erwägt den Aufbau einer Fertigung in Europa.
„Eine Endmontage etwa kann schon ab einem Absatz von 50.000 Einheiten pro Jahr Sinn ergeben“, sagt Tüting. Im Gegensatz zu einer vollumfassenden Produktionsstätte würden wesentliche Komponenten bei einer Endmontage zwar weiterhin aus China importiert. Die Zölle für den Import solcher Einzelkomponenten in die EU liegen mit drei bis viereinhalb Prozent aktuell aber deutlich niedriger als für gesamte Fahrzeuge aus Fernost. „Das fließt in unsere Business-Case-Analysen ein.“