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Corona-Pandemie Es braucht nicht nur Impfstoffe, sondern auch Spritzen

Hersteller warnen, dass Milliarden Spritzen für die Impfungen produziert werden müssen. Damit es nicht zu Engpässen kommt, müssen Länder bereits jetzt kalkulieren.
06.09.2020 - 13:04 Uhr Kommentieren
Schätzungen zufolge werden allein in Europa eine Milliarde Spritzen benötigt, um die Impfstoffe gegen das Sars-CoV-2-Virus verabreichen zu können. Quelle: dpa
Impfung

Schätzungen zufolge werden allein in Europa eine Milliarde Spritzen benötigt, um die Impfstoffe gegen das Sars-CoV-2-Virus verabreichen zu können.

(Foto: dpa)

Frankfurt Die ganze Welt wartet derzeit darauf, dass Impfstoffe gegen das Coronavirus zugelassen werden. Viele fragen sich, wann es so weit sein und wer dann zuerst geimpft wird. Allerorten wird erörtert, welche Hersteller das Rennen machen könnten. Dabei gerät eine Frage in den Hintergrund, die von wachsender Bedeutung ist: Gibt es überhaupt genug Spritzen, um die Impfstoffe dann zu verabreichen? Immerhin braucht es für eine flächendecke Versorgung der Bevölkerung dann auch Milliarden Stück.

Das European Biosafety Network hat bereits vor einiger Zeit angemahnt, dass sich die Länder in Europa vorbereiten sollten. Angesichts einer EU-Bevölkerung von knapp 450 Millionen Menschen würden rund eine Milliarde Spritzen für die Impfungen benötigt, rechnet die Organisation vor. Das 2010 gegründete Netzwerk tritt für die biologische Sicherheit und den Arbeitsschutz im Gesundheitswesen ein und setzt sich aus verschiedenen Berufsinstitutionen und Verbänden zusammen.

Das Thema treibt auch Becton Dickinson (BD) um, den weltweit größten Hersteller von Spritzen. Von der Bundesregierung wünscht sich das US-Unternehmen eine Kalkulation des Bedarfs für Deutschland. „Für uns als Hersteller ist es wichtig, dass Planbarkeit hergestellt wird“, sagt Dorothee Schäfer-Winkler. Sie ist Senior Marketing-Managerin in Zentraleuropa bei BD und für den Bereich Medication Delivery Solutions zuständig, zu dem auch die Spritzen gehören. „Wir wissen nicht, wie die nationalen Impfstrategien aussehen. Und wie sich das auf die Produktionskapazitäten auswirkt.“

BD rechnet mit etwa sechs bis zwölf Monaten Vorlaufzeit, um die Mengen, die dann benötigt werden, mit einzuplanen. „Deswegen reicht es nicht aus, zu warten, bis der Impfstoff am Markt ist“, sagt Schäfer-Winkler.

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    Das Unternehmen mit zuletzt 17,3 Milliarden Dollar Umsatz hat im Bereich Medication Delivery Solutions 2019 rund 3,9 Milliarden Dollar Umsatz gemacht. Branchenschätzungen zufolge stellt das Unternehmen rund zwölf Milliarden Spritzen pro Jahr her. BD und das hessische Medizintechnikunternehmen B. Braun mit zuletzt knapp 7,5 Milliarden Euro Umsatz versorgen rund 80 Prozent des Weltmarktes ohne China. Die Volksrepublik hat eigene Spritzenhersteller.

    Einige Länder wie die USA, Kanada und Großbritannien haben bereits Verträge mit BD unterschrieben. Insgesamt hat das Unternehmen aus diesen Ländern Order über rund 330 Millionen Spritzen erhalten. Auch B. Braun hat nach eigenen Angaben mit rund einem Dutzend Institutionen und Ländern, darunter beispielsweise Japan, Verträge zur Lieferung von Spritzen und Kanülen geschlossen. „Das aber vor dem Hintergrund, dass die Gesundheitssysteme dieser Länder sehr zentral organisiert sind“, sagt der zuständige B. Braun-Vorstand Meinrad Lugan.

    Deutschland will sich an einer geplanten gemeinsamen Beschaffungsinitiative für Spritzen und Kanülen der EU beteiligen. Das teilte das Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage des Handelsblatts mit. Die Europäische Kommission bestätigt, dass derzeit eine gemeinsame Ausschreibung für das nötige Zubehör der Impfungen vorbereitet wird. Nach Angaben eines Kommissionssprechers werden dazu noch die Informationen über den Bedarf aus den Mitgliedsländern benötigt. In Deutschland wollen sich auch die Bundesländer an der Beschaffungsinitiative der EU beteiligen, heißt es im Bundesgesundheitsministerium. Bezüglich der Bedarfsplanung in Deutschland würden derzeit Abstimmungen zwischen Bund und Ländern stattfinden.

    Eine Einwegspritze und zwei Kanülen

    In der Branche wird davon ausgegangen, dass die Sars-CoV-2-Impfstoffe nicht wie die saisonalen Grippeimpfungen aus vorkonfektionierten Spritzen, die mit dem Impfstoff befüllt sind, abgegeben werden. Das würde zusätzliche Produktionszeit kosten, die man sich angesichts der Dringlichkeit einer Impfung nicht leisten wird.

    Erwartet wird, dass die Impfstoffe mit Einwegspritzen aus Mehrfachgebinden, also aus Ampullen mit mehreren Impfstoffdosen, aufgezogen werden. Dafür braucht es dann die doppelte Anzahl Kanülen, also Spritzennadeln, weil die Richtlinien vorsehen, dass der Impfstoff mit einer Kanüle aufgezogen und mit einer anderen abgegeben wird.

    Bei den Kanülen sei wohl kein Engpass zu befürchten, meint B. Braun-Vorstand Lugan. „Bei den Kanülen gibt es weltweit sehr hohe Produktionskapazitäten, und die Umstellung der Produktion etwa auf neue Längen ist nicht so schwierig. Hier kann man sehr schnell die Kapazitäten erhöhen“, sagt er.

    Anders könnte das bei den Spritzen selbst aussehen. Lugan: „Wir gehen davon aus, dass für die Impfung eher kleinere Einmalspritzen benötigt werden – also Gebinde für ein bis drei Milliliter Impfstoff. Auf diese Spritzen entfällt nur ein Teil der verfügbaren Produktionskapazitäten.“ In Deutschland beispielsweise werden nach Aussage Lugans pro Jahr rund vier Milliarden Spritzen hergestellt. Nur ein Drittel davon entfällt auf die kleineren Gebinde. „Hier wäre es also sinnvoll, den Bedarf für die Sars-CoV-2-Impfungen vorauszuplanen.“

    Der B. Braun-Vorstand ist dennoch zuversichtlich, dass es ausreichend Spritzen geben wird. „Meiner Ansicht nach wird es - wenn überhaupt - eher einen Engpass bei den Impfstoffen geben als bei den Spritzen. Derzeit fragen viele Impfstoffhersteller bei den Spritzenherstellern an und lassen sich Kapazitäten zusichern. Auch wir schließen solche Verträge mit Unternehmen ab und gehen gegebenenfalls auch in die Vorproduktion“, sagt Lugan.

    B. Braun hat bereits konkrete Szenarien entwickelt, wie Linien umgerüstet und zusätzliche Spritzen produziert werden können. „De facto gibt es zur Zeit aber ein Überangebot an Spritzen im Markt. Denn in der Corona-Pandemie gab es insgesamt weniger Behandlungen, und viele Patienten haben weiterhin Angst, zum Arzt zu gehen.“

    B. Braun kalkuliert derzeit mit einer zweifachen Impfung von mindestens 70 Prozent der Bevölkerung, damit eine Herdenimmunität erreicht werden kann. In einer ersten Welle könnten dann die Beschäftigten im Gesundheitswesen geimpft werden sowie die Risikogruppen. Das wären in Deutschland bei zweifacher Impfung etwa 35 Millionen Dosen, schätzt Lugan. Die große Unbekannte ist bei der Sars-CoV-2-Impfung aber, wie oft geimpft werden muss. „Das kann derzeit niemand verlässlich beantworten. Auch keine Regierung.“

    Beckton Dickinson jedenfalls hat für die abgeschlossenen Verträge mit den USA, Kanada und Großbritannien bereits die Produktionskapazitäten in den USA erhöht und plant die Auslieferung der Spitzen Ende Dezember 2020 rechtzeitig zu einer erwarteten Markteinführung von Corona-Impfstoffen. Im spanischen Fraga, wo das Unternehmen einen großen Teil des europäischen Bedarfs an Spritzen und Nadeln herstellt, sind die Kapazitäten laut Marketing-Managerin Schäfer-Winkler ebenfalls hochgefahren worden.

    „Es gibt keinen Grund zur Panik. Es gibt noch Zeit zu handeln“, sagt Schäfer-Winkler. BD wolle als weltgrößter Spritzenhersteller allerdings darauf hinweisen, dass bei der Diskussion um Impfstoffe auch die Frage nach den Spritzen und Kanülen mitgedacht werden muss. Damit es nicht zu Engpässen kommt, wie etwa bei den Schutzmasken. „Und wir wollen auch vermeiden, dass die Regierung bei etwaigen Versorgungsengpässen auf Billiganbieter aus anderen Ländern ausweichen muss“, sagt die BD-Managerin.

    Mehr: Enorme Nachfrage: Allein die erste Impfwelle verspricht 20 Milliarden Dollar Umsatz.

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