Kraftwerkstrategie: Der Bau neuer Gaskraftwerke ist nur ein Anfang

Die Kraftwerksstrategie der Bundesregierung hat eine entscheidende Hürde genommen. Zwar wird es noch Diskussionen über Details und Umsetzungsfragen geben, aber allein die Zustimmung der EU-Kommission ist viel wert. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat damit ein sperriges Thema größtenteils aus dem Weg geräumt.
Für die Energiebranche endet damit eine jahrelange Hängepartie. Die Unternehmen haben fertige Pläne in der Schublade, haben zum Teil auch schon auf Vorrat Genehmigungsverfahren vorangetrieben und Kapazitäten bei Turbinenbauern reserviert.
Die neuen Kraftwerke kommen keine Sekunde zu früh
Es wird höchste Zeit, mit dem Bau der Gaskraftwerke zu beginnen. Denn ohne zusätzliche Back-up-Kapazitäten kann der Kohleausstieg nicht fortgesetzt werden. Kraftwerkskapazitäten, die man jederzeit einsetzen kann, sind in Deutschland in den vergangenen Jahren knapp geworden. Eine weitere Reduzierung ist kaum zu verantworten.
Die neuen Back-up-Kraftwerke kommen daher keine Sekunde zu früh. Und sie sind nicht mehr als ein Anfang.
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Das lässt sich leicht belegen: Die zwölf Gigawatt (GW) an Kapazitäten, die nun entstehen sollen, decken nur einen Bruchteil der Spitzenlast in Deutschland ab. Die Spitzenlast bezeichnet die Zeit mit der höchsten Stromnachfrage. Sie liegt seit Jahren bei einem Wert von rund 80 GW.
Diese 80 GW müssen jederzeit abrufbar sein – auch wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht. Natürlich gibt es auch heute schon jenseits der Kohlekraftwerke jederzeit verfügbare Erzeugungskapazitäten. Das sind die bereits bestehenden Gaskraftwerke, außerdem dezentrale Anlagen zur Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), mit Biogas betriebene Kraftwerke sowie Wasserkraftwerke. Aber in der Summe reichen sie bei Weitem nicht an 80 GW heran.
Die Strategie ist nur ein Notbehelf
Die Lücke im mittleren zweistelligen GW-Bereich muss gefüllt werden. Darum wäre es natürlich keinesfalls verkehrt gewesen, hätte sich die Koalition in Brüssel mit ihrem Plan durchsetzen können, sich gleich 20 GW gesicherte Leistung genehmigen zu lassen. In dieser Größenordnung bewegten sich übrigens ursprünglich auch einmal die Pläne der Ampelkoalition.
Die Kraftwerksstrategie ist nur ein Notbehelf. Jetzt muss es darum gehen, Mechanismen zu entwickeln, die den Bau weiterer Kapazitäten fördern, die jederzeit verfügbar sind. Das muss ohne Scheuklappen geschehen.
Gaskraftwerke werden nur ein Teil der Lösung sein. Stromspeicher und alle Formen der Flexibilisierung des Systems müssen stärker in Betracht gezogen werden.
Die Kraftwerksstrategie ist daher nur das Gesellenstück, das Meisterstück muss noch folgen. Und zwar schnell.
Erstpublikation: 16.01.2026, 04:16 Uhr.