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Dokumentation Der Brandbrief der VW-Arbeitnehmervertreter im Wortlaut

IG-Metall-Funktionäre aus den deutschen Volkswagen-Werken erheben schwere Vorwürfe gegen Konzernchef Herbert Diess. Das Schreiben in voller Länge.
28.05.2020 - 18:22 Uhr 4 Kommentare
Die IG Metall führt in ihrem Schreiben eine ganze Reihe von Kritikpunkten an der Konzernführung an. Quelle: dpa
Volkswagen-Werk in Wolfsburg

Die IG Metall führt in ihrem Schreiben eine ganze Reihe von Kritikpunkten an der Konzernführung an.

(Foto: dpa)

Bei Volkswagen spitzt sich der Konflikt zwischen Arbeitnehmervertretern und Konzernchef Herbert Diess angesichts der jüngsten Misserfolge zu. In einem offenen Brief an Aufsichtsrat und Vorstand nehmen IG-Metall-Vertreter der deutschen VW-Werke die technischen Probleme beim neuen Golf 8 und dem Elektroauto ID.3 zum Anlass, dem Management auch auf anderen Feldern Versagen in der Krisenbewältigung und der öffentlichen Darstellung des Wolfsburger Autobauers vorzuwerfen.

Wir dokumentieren das am Donnerstag im Internet veröffentlichte Schreiben hier im Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren in Aufsichtsrat und Vorstand,

wir als IG Metall Vertrauenskörperleitungen der inländischen VW-Werke sind zunehmend massiv besorgt über die vielen vom Vorstand zu verantwortenden negativen Presseberichte über unser Unternehmen Volkswagen. Dieses schlechte Bild in der Öffentlichkeit zerstört das über Jahrzehnte gewachsene Kundenvertrauen und gefährdet so unsere Arbeitsplätze. Außerdem leidet die ganze Belegschaft jeden Tag unter dem Verlust des Ansehens unseres Unternehmens.

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    Für uns ist das Maß inzwischen unerträglich. Mittlerweile ist ein Zustand erreicht, in dem sich immer mehr Kolleginnen und Kollegen für ihren Arbeitgeber schämen und ihn teilweise sogar verleugnen.

    Zuletzt hat uns das Marketing- und Kommunikationsdesaster zur Instagram-Werbung des neuen Golf erschüttert, bei dem sich VW mit Rassismusvorwürfen konfrontiert sieht. Mit der Erstreaktion auf diese Vorwürfe hat unser Unternehmen die Hinweise und Sorgen unserer Kundinnen und Kunden augenscheinlich nicht ernst genommen. Diese erste Stellungnahme hätte so niemals erfolgen dürfen!

    Dies ist freilich nur ein Beispiel einer ganzen Kette von Managementfehlern, die uns viel Geld kosten, unsere Imagewerte weiter nach unten ziehen und die bei den Beschäftigten den Eindruck hinterlassen, dass dem aktuellen Vorstand von Volkswagen die Dinge zunehmend entgleiten. Um das klarzumachen: Kommunikationspannen wie zuletzt rund um die Schlagworte „EBIT macht frei“, Uiguren und nun den Golf-Anlauf und seine Werbung gefährden Unternehmenswohl und Arbeitsplätze.

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    so geht es nicht weiter! Wir fürchten um den Kern unserer Volkswagen-DNA, wonach Wirtschaftlichkeit und Beschäftigungssicherung gleichrangige Unternehmensziele sind.

    Unser Golf, ein Fahrzeug, das Generationen geprägt hat, immer Emotionen geweckt hat, jeder Altersklasse gerecht wurde und einer ganzen Fahrzeugklasse seinen Namen gegeben hat, dieser neue Golf, unser „Brot-und-Butter-Auto“, versagt in der aktuellen Generation 8 zurzeit auf ganzer Linie.

    Als der Golf 7 auf den Markt kam, war die gesamte Händlerschaft in Deutschland in Aufregung. Es gab den Markteinführungstermin, wie bei jeder Golf-Generation zuvor. Es wurden Events veranstaltet, um die Kunden für unseren neuen Golf zu begeistern.

    Alle Handelsmitarbeiter waren zu den Markteinführungen im Autohaus, um das Fahrzeug zu präsentieren und Probefahrten anzubieten. Vier, fünf, sechs, oder mehr Fahrzeuge standen zum Bestaunen in den Handelsräumen. Es gab ganze Automeilen, Bratwurststände, Hüpfburgen für die Kinder. Man wusste: Es ist die Markteinführung eines neuen Golf – des unangefochtenen Königs in der Kompaktklasse.

    Bei der Markteinführung vom Golf 8 heißt es aber: Fehlanzeige. Nichts! Die Verantwortlichen haben vermutlich gedacht: „Verkauft sich ja von selbst, so ein Fahrzeug.“ Aber von einer verfehlten Markteinführung will ja kein Vorstand etwas wissen. Dass jetzt auch noch Elektronik und Software nicht so wollen, wie sie sollen, und wir aktuell keinen Golf 8 mehr verkaufen können, macht das Desaster noch schlimmer!

    Aber der Golf 8 allein ist ja nicht das einzige Problem: Aktuell haben wir so gut wie kein Angebot. Die neuen E-Fahrzeuge wurden verschoben, es gilt einen Bestellstopp beim Tiguan, da warten wir ja auf die Produktaufwertung. Wir haben einen Bestellstopp beim e-Golf und das Bestellende für den Golf Sportsvan.

    Auch die Fahrzeuge mit den bevorstehenden Abgasnormen sind so gut wie nicht vorhanden. Was passiert, wenn deswegen die geplante Kaufprämie an Volkswagen vorbeigeht? Bei der Vorbereitung auf WLTP hat es schon ein ähnliches Desaster gegeben. Unterm Strich stand auch dort: Das Management hat es nicht rechtzeitig in den Griff bekommen, die Produkte an den Start zu bringen – und der Vorstand zuckte nur mit den Schultern.

    Dabei steht unsere Belegschaft wie immer bereit! Trotz Dieselgate, trotz Corona! Es hat sich hier in den Werkshallen und Büros nichts daran geändert, dass wir die besten Werkerinnen und Werker, Fachleute, Expertinnen und Experten an Bord haben, die hier die besten Autos der Welt auf den Markt bringen könnten. Wenn nur die Struktur stimmen würde, für die das Management sorgt.

    Wir hätten eigentlich alles in der Hand, um unsere Modelle anzupreisen und vor allem landauf, landab die Politik für unser Unternehmen und unseren Beitrag zum Qualitätssiegel „Made in Germany“ zu begeistern. Nicht zuletzt hängt von einem solchen Verhältnis ja auch die Bereitschaft ab, unsere Automobilindustrie mit Kaufanreizen wieder anzuschieben.

    Genau dafür hätten wir jetzt gern die richtigen Fahrzeuge am Markt. Nämlich Fahrzeuge, die der Kunde auch kaufen will in Zeiten, wo die Prioritäten wohl ganz anders gesetzt werden. Wir benötigen technisch einwandfreie Fahrzeuge, die mit gut durchdachten Markteinführungen und flankierenden Werbemaßnahmen unsere Kunden zum Kauf animieren.

    Wir richten hiermit einen klaren Appell an den Vorstand und verlangen Antworten – allen voran auch von dessen Vorsitzendem Herrn Dr. Diess – auf folgende Fragen:

    • Wer von Ihnen trägt hier die Verantwortung dafür, dass wir Technik und Marketing wieder in den Griff bekommen?
    • Wer übernimmt die Verantwortung für das Produktdesaster unserer aktuellen Modellpalette?
    • Und wie wollen Sie zukünftig vermeiden, dass hier im Konzern unnötig Geld verbrannt wird, weil hier keine eindeutigen Konzernstrategien erkennbar sind?

    Was wir erwarten, ist nicht mehr als ein sichtbares Krisenmanagement. Dazu zählt auch, dass es endlich ein Signal von der Spitze des Vorstandes gibt!

    Der Vorstand muss sich endlich vor der Belegschaft erklären! Das gilt umso mehr in Corona-Zeiten, in denen wir Kolleginnen und Kollegen das nicht wie gewohnt auf unseren Betriebsversammlungen direkt einfordern können. Wann, wenn nicht in der jetzigen Situation, sind Führung gefragt und unmissverständliche Erklärungen von ganz oben zur Lage unseres gemeinsamen Unternehmens?

    An den Bedingungen, die wir hier vorfinden müssten, hat sich nichts geändert: Um Volkswagen wieder in ruhigeres Fahrwasser zu steuern, bedarf es Menschen, die mit technischem Verstand, der nötigen Ehrfurcht vor der Aufgabe und der Hingabe zum Automobil täglich ihr Bestes geben für das wichtigste Gut, das wir haben: unsere Kundinnen und Kunden. Denn die geben uns sonst die Quittung – übrigens zusammen mit den Aktionärinnen und Aktionären.

    Wir sorgen uns um die Arbeitsplätze der rund 670.000 Beschäftigten im Volkswagen-Konzern! Zusammen mit deren Familien sowie den abhängigen Zulieferern und Dienstleistern geht es hier um eine Riesenverantwortung – eine, die es so in keinem anderen europäischen Großunternehmen gibt.

    Wir Kolleginnen und Kollegen sind bereit, diese Krise zu meistern. Wir sind bereit, wie gewohnt alles zu geben, uns krumm zu machen. Denn es geht um uns, um unsere Existenz und um unsere Arbeitsplätze.

    In dieser Situation kommt es jetzt darauf an, dass der Vorstand alles dafür tut, um verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen und ein klares Aufbruchssignal zu senden. Das gilt für unsere Kundinnen und Kunden genauso wie für die Belegschaft im Volkswagen-Konzern. Wir glauben, dass es dafür noch nicht zu spät ist. Aber viel Zeit bleibt uns nicht.

    Um das abschließend hier noch einmal ganz unmissverständlich zu fordern:

    Sehr geehrte Vorstandsmitglieder, sehr geehrter Vorstandsvorsitzender Dr. Diess,

    Sie tragen die Verantwortung für diese aktuelle Situation, die uns nicht mehr ruhig schlafen lässt.

    Wir fordern Sie daher auf, eine Stellungnahme abzugeben. Erklären Sie sich! Schlagen Sie wieder eine Brücke zur Belegschaft. Teilen Sie uns mit, was die nächsten Schritte sind. Eines ist dabei übrigens klar: Weitere Sparprogramme auf Kosten der Beschäftigten sind keine Lösung!

    In diesem Sinne unterzeichnen dieses Schreiben die IG Metall Vertrauenskörperleitungen aller Werke.

    Wolfgang Kuznik, Standort Wolfsburg
    Auke Tiekstra, Standort Salzgitter
    Thomas Freiberg, Standort Kassel
    Andreas Matthias, Standort Hannover
    Herta Everwien, Standort Emden
    Mark Seeger, Standort Braunschweig
    Jan Andrae, Standort Zwickau
    Joachim Bigus, Standort Osnabrück
    Martin Maatz, Standort Dresden
    Jörg Treuheit, Standort Chemnitz
    Holger Neumann, FS AG Braunschweig

    Mehr: In Wolfsburg wächst das Misstrauen gegen Konzernchef Herbert Diess

    • HB
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    4 Kommentare zu "Dokumentation: Der Brandbrief der VW-Arbeitnehmervertreter im Wortlaut"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Die Baustellen bei Volkswagen sind kaum zu übersehen: Golf 8, ID.3 sind da vermutlich nur die Spitzen der Eisberge. Der öffentliche Brief der Gewerkschafter/Betriebsräte ist aber gewiss auch nicht image- und vertrauensfördernd und es hätten vermutlich andere Kanäle zur wirksamen Kommunikation der Anliegen offen gestanden.

      Kernproblem ist doch, dass das Thema Elektroantrieb und damit einhergehend die Erneuerung der Architektur der Fahrzeug-IT weg von den vielen Steuergeräten hin zu einigen wenigen zentralen Bordrechnern verschlafen wurde bzw. nicht mit der nötigen Vehemenz angegangen wurde. Aber das betrifft auch die anderen deutschen Premiumhersteller. Und die vielen Zulieferer lassen sich freilich auch nicht so einfach die Butter vom Brot nehmen in dieser Mächtespiel.

      Mit diesen Altlasten hat Tesla freilich nicht zu kämpfen. Aber auch die Altlasten in den Köpfen vieler sehr kluger Mitarbeiter (Ingenieure, Naturwissenschaftlcer, ...), die noch immer 100 Gründe finden, warum Elektro nicht der Antrieb der Zukunft sein kann, halten sich hartnäckig. Einige deren Einwände mögen (zum aktuellen Zeitpunkt) richtig sein, aber es ist letztlich eine Wette auf die Intelligenz der Menschheit, dass man auch diese Probleme lösen wird. Diese Veränderungen, neudeutsch: Transformation, zu bewältigen ist eine Herkulesaufgabe für Dr. Diess. Ich hoffe, er schafft es. Aktien von VW würde ich aber trotzdem nicht kaufen ...

    • Als Aktionär von Volkswagen
      „Um Volkswagen wieder in ruhigeres Fahrwasser zu steuern …“ klingt für mich wie Pensionierung in einer Zeit globaler Transformation.
      Ein Brief voller Beschuldigungen, Vorwürfe und negativem zur Schau stellen, öffentlichkeitswirksam mit garantiertem Kollateralschaden.
      Ein Kreuzzug gegen Herbert Diess in einem Brief mit fetten Textabschnitten, bei dem die Verfasser dem Vorstand Auffassungs- und Sehschwäche unterstellen.

    • VW ist in eine Ueberlebensstreit und dann so ein öffentliche Brief. Das hilft die Unternehmung überhaupt nicht. Die IG metal und Oosterloo machen auch nicht die eindruck zu verstehen was los ist mit diese Unternehmung. Wirklich kontra produktiv

    • ich bin sicher kein Freund des VW Managements aber ich nehme Diess schon ab, dass er VW zu neuern Ufern führen will. Nur die deutschen Autobauer haben den Trend zur Elektro Mobilität ganz bewusst hintertrieben. Die Elektro Mobilität bietet neben Umweltaspekten in den Einsatzmöglichkeiten (selbstrollendes Smartphone ;-) viele Vorteile. Schon viel früher hätten Sie mal den Aufstand wagen sollen. Jetzt ist es extrem schwer zwei Versionen Auto hinzubekommen. Die alte Version der Verbrenner, der immer noch tief "eingebrannt" ist in der Seele der Deutschen und die neue Welt der Elektro Mobilität..Tesla und Musk können voll Strom geben...Diess muss voll Gas u n d voll Strom geben... (...)

      (...) Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

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