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  4. Gasmangel in der Industrie: Wie sich Chemiehersteller auf einen Gasstopp vorbereiten

Erdgas-Versorgung„Wir geben aktuell noch mal alles“ – Industrie sieht nicht mehr viel Einsparpotenzial bei Gas

Chemiehersteller versprechen weitere Einsparungen beim Gasverbrauch, doch ihre Mittel sind begrenzt. Sie fordern einen Beitrag der Privathaushalte.Bert Fröndhoff, Kevin Knitterscheidt 19.07.2022 - 14:03 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Der Chemiekonzern will an seinem größten Standort den Gasverbrauch weiter senken.

Foto: obs

Düsseldorf. Die deutschen Industrieunternehmen bereiten sich intensiv auf eine drohende Gasmangellage in Deutschland vor. Die Chemiebranche als größter industrieller Verbraucher will den Bedarf in den kommenden Wochen mit technischen Einsparungen weiter senken. Allerdings hält die Branche ihre Möglichkeiten dabei für begrenzt, ohne dass es zu ernsthaften Produktionseinschnitten käme.

Das zeigt eine aktuelle Umfrage des Handelsblatts unter Industriefirmen. Danach werden diese momentan trotz der Abschaltung der Pipeline Nord Stream 1 noch in vollem Umfang mit dem benötigten Gas versorgt. Doch arbeiten Chemiehersteller wie Covestro zugleich an der Umstellung etwa auf ölbasierte Generatoren für die Erzeugung von Prozessdampf, BASF will zusätzlich ein ganzes Kraftwerk auf Öl umstellen. Allein Covestro verspricht sich von den laufenden Projekten eine Einsparung von mehreren Hundert Gigawattstunden Gas.

Für den Leverkusener Kunststoffhersteller, einen der größten deutschen Chemiekonzerne, ist das ein Kraftakt. Doch angesichts eines jährlichen Verbrauchs von 100 Terawattstunden Gas in der gesamten Chemie – also 100.000 Gigawattstunden – ist es nur ein kleiner Beitrag.

Zwei bis drei Terawattstunden Gas kann die gesamte Branche durch technische Umstellungen einsparen, schätzt der Chemieverband VCI. Mehr sei nicht drin, weil die Ablagen bereits seit Jahren auf Energieeffizienz getrimmt werden. „Für unsere Unternehmen gilt, dass wir aktuell noch einmal alles geben, um auch die allerletzten Potenziale zu heben“, sagt Wolfgang Grosse Entrup, Hauptgeschäftsführer des VCI.

Weitere Einsparungen gingen nur über Drosselung oder Verzicht bei der Produktion. Beobachten lässt sich das auch in der Stahlindustrie, deren Produktion im Juni im Vergleich zum Vorjahr um sieben Prozent zurückgegangen war. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch deutlich gestiegene Energiepreise, die dazu geführt hatten, dass einzelne Betriebe wie etwa die Lech-Stahlwerke aus Bayern ihre Produktion zeitweise eingestellt hatten.

Große Spielräume für Gaseinsparungen sehen die deutschen Stahlhersteller nicht mehr, sollte die Produktion nicht gedrosselt werden. So hat etwa der größte deutsche Produzent, Thyssen-Krupp, für den Fall einer Gasmangellage einen Plan ausgearbeitet, um immerhin mit geringerer Last weiterproduzieren zu können. Sinkt die Versorgung unter 50 Prozent, müsste der Betrieb wohl ganz eingestellt werden.

Es ist eine Sorge, die die Chemiebranche teilt. So sagt auch VCI-Hauptgeschäftsführer Grosse Entrup: „Um das zu vermeiden, müssen über die Industrie hinaus jetzt alle gesellschaftlichen Kräfte zur Einsparung von Gas beitragen.“

Chemieindustrie: Privathaushalte sollen Beitrag leisten

Soll heißen: Auch die Privathaushalte müssen aus Sicht der Industrie jetzt einen signifikanten Beitrag zur Senkung des Gasverbrauchs leisten. Von einer Bevorzugung der Industrie vor den Haushalten spricht der VCI nicht, sondern fordert einen „gemeinsamen gesellschaftlichen Kraftakt“ mit Blick auf den bevorstehenden Winter.

Zugleich unterstreicht die Branche die drohenden wirtschaftlichen Verwerfungen bei einem Gasmangel. Die Chemieproduktion ist untereinander und mit den weiterverarbeitenden Industrien eng vernetzt: Fällt die Lieferung von einem großen Basischemiehersteller aus, löst dies eine Kettenreaktion bei Spezialchemiefirmen und deren Kunden aus.

BASF hat nach eigenen Angaben den Gasbedarf seit März gesenkt, etwa durch technische Optimierungen im Produktionsverbund und die Umstellung auf alternative Brennstoffe, wo immer dies nach eigenen Angaben möglich ist. Für das Kraftwerk am ostdeutschen BASF-Großstandort Schwarzheide wird die komplette Substitution von Gas durch Öl geprüft.

Der VCI erwartet, dass das Gros dieser sogenannten Fuel-Switch-Projekte erst in den kommenden Monaten seine volle Wirkung entfalten wird. Die Umstellung auf Ölbetrieb werde gebremst durch schleppende Genehmigungen, moniert der Verband. Die lokalen Behörden seien etwa wegen der Emissionsschutzgesetze zögerlich.

Viele Chemiefirmen sehen aber den Punkt bereits erreicht, an dem ein Ausfall von größeren Mengen Gas sich direkt auf die Produktion auswirken würde. So spricht die Kölner Lanxess AG nur von „sehr geringen Einsparmöglichkeiten im normalen Betrieb“. Auf eine Gasmangellage würde der Konzern daher mit einer Drosselung einzelner Betriebe reagieren, wofür ein detaillierter Plan ausgearbeitet wurde.

Die Münchener Wacker Chemie könnte die Folgen geringerer Gaslieferungen „bis zu einem gewissen Grad“ kompensieren. Allerdings sei die Verbundproduktion bereits jetzt auf maximale Effizienz optimiert. Wacker Chemie ist mit seinen Werken vor allem im Süden Deutschlands angesiedelt – der Region, die von einem anhaltenden Lieferstopp aus Russland am schnellsten und stärksten betroffen sein könnte.

Der ostdeutsche Chemiepark stellt von Gas auf Öl um, wo dies technisch möglich ist.

Foto: dpa

Industriefirmen im Westen und Norden werden überwiegend mit Gas aus der Nordsee versorgt. Eine Weiterleitung dieser Mengen in den Süden gilt als technisch schwierig. Doch Wacker geht fest davon aus, auch bei einem verschärften Liefermangel sein Kraftwerk am bayerischen Standort Burghausen voll betreiben zu können. Denn dieses Werk ist schon seit mehreren Jahren als systemrelevant zur Stabilisierung des Hochspannungs-Stromnetzes eingestuft.

Unter Druck der hohen Gaspreise schöpfen viele Chemiefirmen schon seit vielen Monaten alle Möglichkeiten zur Senkung des Gasverbrauchs aus. In den nordrhein-westfälischen Chemieparks des Betreibers Currenta werden aktuell einzelne kleinere Drosselungen geprüft und die Revision von Anlagen vorgezogen, die erst später im Jahr geplant war.

Im Chemiepark Leuna – einem der größten deutschen Chemiestandorte – liegt der Erdgasverbrauch aktuell gut ein Drittel unter den üblichen Werten. Eine weitere Einschränkung gehe nur auf Kosten der Produktion, sagt Christof Günther, Chef des Chemieparkbetreibers Infraleuna.

Hohe Energiekosten verschaffen europäischen Standorten Nachteile

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Günther ist nicht nur wegen der hohen Gaskosten besorgt. Denn damit verbunden schießen aktuell auch die Strompreise in die Höhe. Der Manager fürchtet, dass sich die Produktion dauerhaft in andere Regionen der Welt verschiebt. „Gegenüber Produzenten in den USA und Asien hat die energieintensive europäische Chemie aktuell einen deutlichen Wettbewerbsnachteil“, sagt Günther.

Teures Gas und teurer Strom – diese Kombination könnte die Firmen an einen Punkt bringen, an dem manche Chemieproduktion in Deutschland nicht mehr wirtschaftlich sei.

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