Fokus auf Elektro: Ford spaltet sich in zwei Bereiche auf
Ford-Elektro-Pick-up in der US-Produktion: Die hohe Nachfrage nach dem neuen Elektromodell F-150 „Lightning“ hat den amerikanischen Autohersteller überrascht.
Foto: Rebecca CookDüsseldorf, New York. Der US-Autokonzern Ford gibt sich eine neue Struktur und reagiert damit auf die stark wachsende Bedeutung des Elektrogeschäfts. Wie das Unternehmen am Mittwoch in Dearborn im US-Bundesstaat Michigan mitteilte, wird das Autogeschäft in zwei operative Einheiten aufgespalten.
Künftig gibt es „Ford Blue“ für traditionelle Autos mit Verbrennungsmotor und „Ford Model e“ als zweite Einheit für den Elektrobereich. In Europa und Deutschland soll der Umbau in Richtung Elektromobilität schneller als in den USA umgesetzt werden.
In den USA war zuletzt spekuliert worden, dass Ford das neue Elektrogeschäft komplett abspalten und als eigenständiges Unternehmen an die Börse bringen könnte. Diesen Spekulationen erteilt der zweitgrößte US-Autokonzern mit der neuen Struktur nun eine Absage. Beide neuen Bereiche sollen aber eine hohe Eigenständigkeit bekommen und vom kommenden Jahr an eine jeweils eigenständige Gewinn-und-Verlust-Rechnung einführen.
Ford hatte im Unterschied zu anderen Autoherstellern wie etwa dem Volkswagen-Konzern länger mit dem Umbau in Richtung Elektromobilität gewartet. Unter Konzernchef Jim Farley, der sein Amt im Oktober 2020 in Dearborn nahe Detroit angetreten hat, wandelt sich der US-Autohersteller jedoch immer stärker zum Elektroanbieter.
„In kurzer Zeit haben wir sehr große Fortschritte gemacht“, sagte Farley bei der Vorstellung der neuen Konzernstruktur. Er sprach von einer „aufregenden neuen Ära“ mit elektrischen und digitalisierten Fahrzeugen, in die Ford jetzt eintreten werde. Farley erwähnte Tesla zwar nicht namentlich, aber der Ford-Konzernchef sagte, dass sein Unternehmen mit der neuen Struktur auch künftig Start-ups überflügeln werde.
Allein die Namenswahl der neuen Elektrosparte von Ford ist ein Fingerzeig in Richtung Tesla-Chef Elon Musk. Denn eigentlich wollte Musk sein elektrisches Mittelklassemodell im Jahr 2014 auf den Namen „Model E“ taufen. Doch Ford hatte sich damals bereits die Namensrechte gesichert und Tesla musste auf „Model 3“ ausweichen.
Die Wall Street honorierte die Pläne. Fords Aktien legten zwischenzeitlich um knapp sieben Prozent zu. Lob kam auch von den Analysten der Deutschen Bank. „Die getrennte Führung des Elektrogeschäfts könnte es der neuen Sparte ermöglichen, schneller voranzukommen, um mit den führenden Wettbewerbern im Elektroautobereich gleichzuziehen“, schrieben sie in einer ersten Analyse.
Mit der Neuaufstellung ist Ford in der Autobranche nicht allein. Andere Autohersteller arbeiten ebenfalls an neuen Unternehmensstrukturen, mit denen sie vor allem dem Elektrogeschäft größere Bedeutung geben. So hatte Renault vor wenigen Tagen Pläne für eine Aufspaltung in eine Verbrenner- und in eine Elektrosparte bekannt gegeben.
Dahinter steht die Erwartung, dass batteriebetriebene Fahrzeuge in den wichtigsten Automärkten der Welt eine stark wachsende Bedeutung bekommen werden. Ford setzt darauf, dass die Elektromobilität besonders in Nordamerika künftig stärker zulegen wird.
Höhere Renditen mit Elektroautos
Ford will mit neuen Elektroautos auf jeden Fall in vergleichsweise kurzer Zeit höhere Renditen erreichen. Außer der neuen Struktur kündigte der US-Konzern am Mittwoch eine Anhebung seiner mittelfristigen Renditeziele an. 2026 will Ford eine operative Rendite von zehn Prozent erreichen. 2022 sollen es acht Prozent werden. Ursprünglich sahen die Ford-Pläne vor, dass diese Marge erst im kommenden Jahr erreicht würde.
Im Jahr 2026 will Ford weltweit etwa zwei Millionen elektrisch angetriebene Autos fertigen, was einem Drittel des gesamten Produktionsvolumens entsprechen würde. Bis 2030 soll etwa die Hälfte der Ford-Fahrzeuge elektrifiziert sein. Der US-Konzern hofft darauf, dass er seine weltweiten Marktanteile mit Elektroautos steigern kann und damit neue Kunden gewinnt.
>> Lesen Sie dazu: Wie der Volkswagen-Konzern sein Elektrogeschäft in den nächsten Jahren ausbaut
Ford hält jedoch länger an traditionellen Antrieben fest als manche Konkurrenten. So hatte Chrysler zum Jahresbeginn mitgeteilt, als erster traditionsreicher US-Autokonzern bis 2028 komplett auf Elektrofahrzeuge umzustellen. Chryslers Mutterkonzern Stellantis verfolgt mit dem US-Geschäft ambitionierte Ziele.
Und auch General Motors hatte im vergangenen Jahr erklärt, man werde ab 2035 nur noch elektrische Fahrzeuge anbieten. Bei Ford verzichtet man dagegen auf ein konkretes Enddatum für den Verbrenner.
Händler müssen sich spezialisieren
Vorstandschef Farley erklärte zwar, dass das Absatzvolumen traditioneller Antriebe in den kommenden Jahren zurückgehen werde. Man werde jedoch weiterhin in Verbrennungsmotoren investieren, in die Modellreihen Mustang, Bronco und F-150. Der Bereich „Ford Blue“ solle die „Cash- und Gewinnmaschine“ von Ford bleiben und den elektrischen Umbau finanzieren.
Auch in Zukunft werde es Einsatzfelder für Verbrennungsmotoren geben, etwa im Gewerbebereich und im ländlichen Amerika. Ford bleibe auch mit der neuen Aufstellung ein Unternehmen, eine gesellschaftsrechtliche Abspaltung solle es nicht geben, auch keinen internen Wettbewerb – so zumindest die Ankündigung des Konzernchefs.
Bei der Frage, ob es in der Verbrennersparte „Ford Blue“ zu Jobkürzungen kommen könnte, blieb das Management am Mittwoch allerdings vage. Ein Jobabbau sei möglich, keine Option sei vom Tisch, so die Aussage.
Neue Talente will Ford im Elektrobereich anlocken. „Ford Model e wird aufgestellt wie ein Hightech-Start-up“, erklärte Farley. Im Kern der neuen Einheit stünden Software und vernetztes digitales Design. „Ford Model e wird so spannend wie unsere rein elektrischen Herausforderer, aber mit Ressourcen ausgestattet, die kein Elektro-Start-up hat.“
Eine zentrale Rolle beim Umbau des Unternehmens spiele das Absatznetzwerk, so Farley. „Im Unterschied zu anderen Wettbewerbern setzen wir voll auf unsere Händler.“ Diese müssten sich jedoch spezialisieren. Innerhalb der kommenden 60 Tage werde man mit allen Händlern Gespräche führen.
Europa im Fokus
Eine besondere Rolle beim Ausbau der Elektromobilität im Ford-Konzern spielen Deutschland und Europa. Hierzulande und in den anderen europäischen Märkten soll es mit der Elektrifizierung deutlich zügiger vorangehen als in den USA. Von 2026 an will Ford in Europa nur noch Pkw verkaufen, die mindestens teilweise elektrifiziert sind. Von 2030 an soll es nur noch vollelektrische Modelle geben.
„Unsere Branche verändert sich dramatisch“, betonte Ford-Europachef Stuart Rowley im Gespräch mit dem Handelsblatt. Mit der neuen Struktur und der Aufteilung in zwei Bereiche fokussiere sich Ford „wie mit einem Laser“ auf die stark wachsende Bedeutung der Elektromobilität. „In Europa verändert sich Ford schneller“, ergänzte er.
Für das weltweite Geschäft werde der US-Konzern allerdings kein Ausstiegsdatum für Verbrennungsmotoren nennen. Das liege vor allem an den USA, wo Elektroautos zwar ebenfalls stark an Bedeutung gewännen. Doch gerade in ländlichen Bereichen mit wenig Bevölkerung werde es noch deutlich länger als in Europa Verbrennerfahrzeuge geben. Ford arbeite aber auch weiter daran, seine Verbrennungsmotoren umweltfreundlicher zu machen.
In Europa wird es die neue Sparte „Ford Blue“ nach den Worten Rowleys nur für eine Übergangszeit geben. Im europäischen Geschäft brauche der US-Konzern bald nur noch die Elektrosparte „Ford Model e“. Deren Leitung soll in Europa zum 1. Juni der frühere Audi-Vertriebschef Martin Sander übernehmen, der zugleich das Deutschlandgeschäft leitet. Weltweiter Elektrochef wird Doug Field, den Ford im vergangenen Jahr bei Apple abgeworben hat und der zuvor auch schon bei Tesla gearbeitet hatte.
Auch für Europachef Rowley führt die neue Struktur zu persönlichen Veränderungen: Auf Konzernebene steigt er zum Chief Transformation and Quality Officer auf. Damit ist auf absehbare Zeit ein Wechsel in die Zentrale nach Dearborn verbunden, wahrscheinlich noch in diesem Jahr. Den Posten als Europachef würde er damit abgeben.