Autobauer: 160 Milliarden Euro für fünf Jahre: Volkswagen investiert massiv in neue Werke und Modelle
Golf-Produktion bei Volkswagen in Wolfsburg: Mit dem früheren Erfolgsmodell lässt sich die Produktion auf Dauer nicht mehr sichern. Das Stammwerk muss auf E-Autos umsteigen.
Foto: dpaDüsseldorf. Betriebsrat und die Eigentümerseite haben in Wolfsburg während der vergangenen Wochen nicht nur um die Zukunft von Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess gerungen. Umstritten war auch die zukünftige Modellbelegung der größten deutschen Autowerke wie in Wolfsburg und Hannover und die damit verbundenen Investitionen.
Jetzt gibt es eine Einigung in den wichtigsten Fragen. In den kommenden fünf Jahren dürfte der Konzern ungefähr 160 Milliarden Euro investieren. Der VW-Aufsichtsrat muss das Geld am Donnerstag endgültig freigeben.
Im Kern der Auseinandersetzung mit der Arbeitnehmerseite stand das Stammwerk in Wolfsburg. Rund 13.000 Beschäftigte arbeiten allein in der Produktion, am gesamten Standort sind es gut 60.000 Menschen. Wolfsburg ist immer noch das Herz des Konzerns. Die Industriestadt im östlichen Niedersachsen ist auch das Machtzentrum für Betriebsrat und IG Metall.
Deshalb hat sich die Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo besonders dafür eingesetzt, dass der Stammsitz Wolfsburg im Rahmen der aktuellen Planungsrunde klare und eindeutige Investitionszusagen bekommt. Mit Milliardenaufwand soll die Zukunft der Fahrzeugproduktion dort auch für die nächsten Jahrzehnte gesichert werden.
Cavallo wehrt sich auch gegen den Vorwurf, dass das Stammwerk schon immer zu unproduktiv gewesen sei. „Wolfsburg liegt bei den Fabrikkosten im innerdeutschen VW-Konzernvergleich an erster Stelle, über alle Marken hinweg. So etwas wird in der Diskussion immer gerne vergessen“, sagte sie im November im Gespräch mit dem Handelsblatt. Konzernchef Diess hatte den Konzern zuvor aufgeschreckt, als er für Wolfsburg einen Stellenabbau von 30.000 Arbeitsplätzen durchrechnen ließ.
2026 will Volkswagen mit der Produktion seiner neuen „Trinity“-Modellreihe beginnen. Das sind hochmoderne Elektroautos, die dann auf jeden Fall konkurrenzfähig zu Tesla-Modellen sein sollen – mit größerer Reichweite, schnellerem Laden und besserer Softwareausstattung.
Tesla-Vergleich: Zehn Stunden für ein Auto
Bei Volkswagen wurde intern in den vergangenen Monaten darum gerungen, wie die neuen „Trinity“-Modelle am effizientesten gefertigt werden können. Zielvorgabe sind zehn Stunden Produktionszeit für ein einzelnes Auto, auf eine ähnliche Zeit kommt auch der US-Konkurrent Tesla.
Innerhalb des VW-Konzerns ist eine erste Vorentscheidung gefallen, nur der Aufsichtsrat muss noch seine Zustimmung geben: Der Autohersteller will für die „Trinity“-Baureihe ein komplettes neues Werk errichten. Nicht direkt am Stammsitz, sondern wahrscheinlich im Wolfsburger Umland. Voraussichtliche Kosten: etwa eine Milliarde Euro. Eine neue Fabrik garantiert die höchsten Produktivitätswerte, das alte Stammwerk müsste erst mit großem Aufwand umgerüstet werden.
Volkswagen kalkuliert mit einer vier- bis fünfjährigen Planungs- und Bauphase für das neue Werk. Deshalb muss der Aufsichtsrat an diesem Donnerstag auf jeden Fall das Geld freigeben, um den Zeitplan für die „Trinity“-Fabrik einhalten zu können. Der Baubeginn ist für das Jahr 2024 geplant, VW kalkuliert mit einer Bauzeit von 18 bis 24 Monaten. 5000 Menschen sollen später einmal in der neuen Fabrik Autos montieren.
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Betriebsratschefin Cavallo sorgt sich allerdings noch aus einem anderen Grund um den Standort Wolfsburg. Sie befürchtet, dass das Stammwerk technologisch abgehängt werden könnte, wenn dort erst von 2026 an im Rahmen des „Trinity“-Projekts Elektroautos produziert werden. Aktuell werden am Stammsitz nur Verbrennermodelle und einige Plug-in-Hybride gefertigt, allen voran Golf und Tiguan. Wolfsburg sollte schon zwei Jahre früher die ersten echten E-Autos bekommen, lautet die Forderung des Betriebsrats.
Für diesen Wunsch der Arbeitnehmerseite liegt jetzt ein Kompromissvorschlag vor, der am Donnerstag vom Aufsichtsrat verabschiedet werden soll. Demnach dürfte Wolfsburg von 2024 an eine Teilfertigung des ID.3 übernehmen. Das Auto wird bislang im VW-Werk Zwickau produziert. Volkswagen rechnet damit, dass die Nachfrage nach E-Fahrzeugen in den nächsten Jahren kräftig anziehen wird. Wolfsburg könnte diesen zusätzlichen Bedarf abdecken.
Probleme am Standort Hannover
Ein weiterer Konfliktpunkt der aktuellen Investitionsplanung war das Nutzfahrzeugwerk in Hannover. Noch vor einem Jahr in der damaligen Planungsrunde hatte der Konzern eigentlich festgelegt, dass die Fabrik in Hannover in wenigen Jahren neue Premium-Elektroautos der Marken Porsche, Audi und Bentley bauen wird.
Doch inzwischen ist die Stuttgarter Sportwagentochter aus dem Gemeinschaftsprojekt ausgeschert. Porsche will sein zukünftiges Elektromodell stattdessen eigenständig im Werk Leipzig produzieren. Dafür musste Ersatz gefunden werden, allein mit Audi- und Bentley-Fahrzeugen lässt sich die Fabrik in Niedersachsen nicht füllen.
Auch für Hannover haben Arbeitnehmer und Management eine Lösung gefunden. Die Transporterfabrik wird vom neuen Elektrobus ID.Buzz auch zukünftige Freizeit- und Campingmodelle produzieren. Damit sollte die von Porsche verursachte Lücke im Großen und Ganzen gefüllt werden. Das Werk wird außerdem für Audi arbeiten und Elektroplattformen für den neuen Q8 fertigen, der in wenigen Jahren in der Audi-Fabrik in Brüssel vom Band laufen wird.
Im vergangenen Jahr hatte der VW-Aufsichtsrat einen fünfjährigen Investitionsplan mit einem Volumen von 150 Milliarden Euro verabschiedet. Bernstein-Autoanalyst Arndt Ellinghorst rechnet damit, dass es in diesem Jahr mit 160 Milliarden Euro etwas mehr wird. „60 Prozent davon dürften für Elektromobilität und Digitalisierung aufgewendet werden“, sagte er.
Zusätzlich zum Investitionsplan will der Volkswagen-Aufsichtsrat am Donnerstag auch Veränderungen im Konzernvorstand beschließen. Vorstandschef Herbert Diess wird wahrscheinlich einen großen Teil seiner operativen Aufgaben abgeben und sich künftig auf die Konzernstrategie konzentrieren. Dafür rücken neue Vorstandsmitglieder in das oberste Führungsgremium auf.
Neuer China- und neuer Markenchef
Neuer Chinachef wird voraussichtlich Ralf Brandstätter, bislang Vorstandsvorsitzender der Marke Volkswagen Pkw. Der Wolfsburger Autokonzern hat erhebliche Schwierigkeiten in China, seinem größten Absatzmarkt. Mit Brandstätter schickt Wolfsburg einen Spitzenmanager in die Volksrepublik. Das soll garantieren, dass dort wirklich eine Wende zum Besseren gelingt. Nachfolger als VW-Markenchef soll Thomas Schäfer werden, der im Moment noch an der Spitze der tschechischen Konzerntochter Skoda steht.
Herbert Diess gibt zudem seine Verantwortung für den Konzernvertrieb ab. Für ihn soll deshalb Hildegard Wortmann in den Vorstand einziehen; sie leitet derzeit das Vertriebsressort bei Audi. Außerdem dürfte VW-Chefjustitiar Manfred Döss das Rechtsressort übernehmen. Er soll im Februar auf Hiltrud Werner folgen, die nach fünf Jahren auf dem Posten ausscheidet. Hauke Stars, im vergangenen Jahr noch bei der Deutschen Börse, übernimmt das neue IT-Ressort.