Inflation: Chemie top, Autozulieferer flop: Welche Branchen die stärkste Preismacht haben
Die Grundstoffindustrie kann die hohen Rohstoffkosten weitgehend problemlos an die Kunden weitergeben.
Foto: BloombergDüsseldorf. Seit Monaten steigen die Erzeugerpreise in Deutschland im Rekordtempo, allein im Mai legten sie um 34 Prozent zu. Eine aktuelle Untersuchung der Managementberatung Horváth zeigt nun, in welchen Industrien die Einkaufskosten am deutlichsten steigen – und wer diese Belastung am besten an die Kunden weitergeben kann.
Über die Branchen hinweg gilt: Die hohen Kosten können von den meisten Firmen nur zur Hälfte bis zwei Dritteln durchgereicht werden, heißt es in der Studie, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Über die stärkste Preismacht gegenüber den Kunden verfügen danach die Chemieunternehmen und Ölproduzenten.
Chemiekonzerne verzeichneten in diesem Jahr 31 Prozent höhere Einkaufskosten im Vergleich zu 2021, konnten diese aber nahezu vollständig an die Kunden weitergeben.
Grund dafür: Die Käufer aus der verarbeitenden Industrie deckten sich mit Grundstoffen, Chemikalien und Kunststoffen ein, um lieferfähig bleiben zu können. Am Anfang der Produktionskette ist die Liefersicherheit wichtiger als der Preis.
Über eine ähnlich starke Preismacht verfügen der Untersuchung zufolge Maschinenbau und Elektrotechnik sowie alle am Bau beteiligten Branchen. Kräftige Kostensteigerungen gab es für die Energiefirmen, sie konnten diese bisher allerdings nur zu zwei Dritteln an die Kunden weitergeben. Auch in der Luftfahrt und Touristik gelingt dies bisher nur begrenzt.
Verteilungskampf in der Autoindustrie
Besonders schlecht schaffen es Unternehmen aus der Autoindustrie bisher, die höheren Faktorkosten weiterzureichen. Damit sind insbesondere die Automobil-Zulieferer gemeint, die traditionell gegenüber den Herstellern über keine ausgeprägte Preismacht verfügen.
Zahlreiche Zulieferer berichten über drastisch gestiegene Kosten. Sie versuchen, einen großen Teil davon an die Autokonzerne weiterzureichen, stoßen aber auf Widerstand, erfuhr das Handelsblatt aus Branchenkreisen. Der Verteilungskampf zwischen Zulieferern und Herstellern habe neuerlich an Intensität gewonnen und sei konfrontativ, heißt es dort.
Horváth-Partner Ralf Sauter, der die Studie leitete, sieht eine gefährliche Entwicklung bei den Firmen, die auf den Kosten sitzen bleiben und um ihre Gewinne fürchten müssen. „Das geht nur eine gewisse Zeit gut. Sinken die Margen aufgrund rückläufiger Kaufkraft und Nachfrage durch eine weiterhin hohe Inflation oder steigende Zinsen, bricht das Kartenhaus zusammen.“
Die Horváth-Experten rechnen allerdings nicht damit, dass eine Insolvenzwelle vor 2023 eintritt, denn noch sind die Firmen liquide und die Auftragsbücher voll. In der im Mai und Juni erstellten Umfrage blicken Managerinnen und Manager noch vergleichsweise positiv in die Zukunft. Für das laufende Jahr rechnen 78 Prozent mit einem Wachstum im Vergleich zum Vorjahr. Für 2023 visieren 72 Prozent steigende Umsätze an.
Unternehmen steigern Umsätze nur über höhere Preise
Die Unternehmen steigern ihre Erlöse aber nur, weil sie höhere Preise aufrufen können, heißt es in der Studie. Die Zuwächse seien also inflationsgetrieben. Man erkenne kein paralleles Wachstum über Volumensteigerungen oder die Erschließung neuer Märkte.
Sauter sieht die Wirtschaft am Scheideweg. „Wenn sich Lieferengpässe zum Jahresende wirklich spürbar entspannen, das Konsumklima nicht stark einbricht und die Inflation sich stabilisiert, sind die Prognosen realistisch“, sagt der Horváth-Partner. „Kommt es zu einer Verstärkung der sich überlagernden Krisen, wird es eng.“
Bisher gehen die Unternehmen der Industrie überwiegend von steigenden Umsätzen aus – allerdings nur über höhere Preise.
Foto: dpaDie Ergebnisse decken sich mit der aktuellen Lage in großen Industriezweigen. So zeichnet sich ab, dass die großen deutschen Chemieunternehmen wegen ihrer Preismacht weiterhin gute Ergebnisse erzielen. „Wir erwarten ein relativ starkes zweites Quartal für die Chemie“, sagt Analyst Markus Mayer von der Baader Bank. Die darüber hinausgehende Entwicklung sei aber sehr unsicher.
In diese Richtung äußert sich auch BASF-Vorstandschef Martin Brudermüller. „Wir sind alle froh, dass in dieser schwierigen Zeit das erste Halbjahr gut war“, sagte er am Dienstag auf dem „Tag der Industrie“ des Bundesverbands der Deutschen Industrie. Das zweite Halbjahr werde allerdings womöglich deutlich schwieriger, weil BASF dann nicht mehr von den bislang angespannten Lieferketten bei der Konkurrenz profitieren dürfte. Hinzu kämen die hohen Energiekosten. Zudem werde der Konsum durch die starke Inflation gebremst.
Für das zweite Quartal erwarten Analysten bei BASF im Schnitt aber noch einen Gewinn (Ebitda), der nur leicht unter dem starken Vorjahreswert von 3,2 Milliarden Euro liegt. Mehrere andere Chemiefirmen blicken wegen der positiven Entwicklung von April bis Juni bereits zuversichtlicher aufs Gesamtjahr.
Chemiefirmen schrauben Prognose hoch
So hat der weltgrößte Chemikalienhändler Brenntag vor wenigen Wochen seine Jahresprognose kräftig nach oben geschraubt – unter anderem weil die Preise weiter angehoben werden konnten. Bei der Münchener Wacker Chemie brummen die Geschäfte auch im laufenden Quartal weiter, der Gewinn wird deutlich höher ausfallen als von Analysten prognostiziert. Wacker kündigte an, in den kommenden Wochen seine Ergebnisprognose für 2022 zu überarbeiten und nach oben anzupassen.
Ganz anders stellt sich die Lage bei den Autozulieferern dar. Continental hat die Jahresprognose bereits gesenkt. Der Regensburger Autozulieferer Vitesco erwartet wegen des Lockdowns in China und der steigenden Rohstoffpreise das „wohl schwierigste Quartal des Jahres“, wie Finanzchef Werner Volz sagt. Vitesco sei in intensiven Diskussionen mit den Kunden, um die Kosten weiterreichen zu können.