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Mischkonzern Thyssen-Krupp am Scheideweg: Ein radikaler Umbau steht an

Das Unternehmen muss sich finanziellen Spielraum schaffen, um das Stahlgeschäft auszubauen. Entscheidend wird dabei der Verkauf der Aufzugsparte.
20.12.2019 - 04:00 Uhr Kommentieren
Thyssen-Krupp am Scheideweg: Ein radikaler Umbau steht an Quelle: ThyssenKrupp
Fertigung von Treppenliften

Die Aufzugsparte steht zum Verkauf.

(Foto: ThyssenKrupp)

Essen Die Not bei Thyssen-Krupp muss groß geworden sein. Durch die Gänge im Essener Quartier des Ruhrkonzerns tragen Mitarbeiter ein Gerücht mit einem fast vergessenen Namen weiter: Gerhard Cromme. Der frühere Chef des Vorstands und Aufsichtsrats soll sich zurückgemeldet haben. Er wolle an die Spitze der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, tuscheln die Angestellten.

Cromme, inzwischen 76 Jahre alt, äußert sich nicht dazu. Derartige Ambitionen halten enge Weggefährten aber für unwahrscheinlich. Eben weil er schon älteren Jahrgangs ist und weil dafür Ursula Gather den Platz als Vorsitzende des Stiftung-Kuratoriums aus freien Stücken räumen müsste. Das sei undenkbar, heißt es.

Dennoch hält sich das Gerücht hartnäckig. Der Grund dafür dürfte die Sehnsucht der Krupp-Welt nach einer starken Persönlichkeit sein, die selbst unter schwierigsten Bedingungen Probleme zu lösen vermag. Cromme ist so einer. Das hat er bei Thyssen-Krupp und später bei der Aufarbeitung des Siemens-Schmiergeldskandals bewiesen.

Doch die Positionen in der Machtzentrale von Thyssen-Krupp sind alle belegt. Dort, wo früher zumeist ältere Männer das Sagen hatten, sitzen heute Ursula Gather und Martina Merz. Gather, im Hauptberuf Rektorin der TU Dortmund, vertritt die Interessen des größten Aktionärs. Merz ist im November interimistisch für zwölf Monate von der Aufsichtsratsspitze auf den Chefposten gewechselt, um den geschassten Guido Kerkhoff zu ersetzen.

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    Auch wenn Merz nur Übergangschefin sein will: Für Thyssen-Krupp muss sie eine neue Strategie erarbeiten. Das Konglomerat mit seinen Sparten Aufzüge, Anlagen- und Komponentenbau sowie Stahlproduktion und Werkstoffhandel ist finanziell angeschlagen.

    Bislang wurde den 160.000 Beschäftigten kein Plan präsentiert, wie die Gesellschaft einmal aussehen soll. „Das sorgt für gewaltigen Frust in der Mannschaft“, sagt ein Manager. Etliche wichtige Entscheidungsträger seien bereits gegangen oder stünden vor der Kündigung.

    Grafik

    Dem Vorstand ist das Dilemma bewusst. Merz will aber keine Versprechen abgeben, die sie in ihrer begrenzten Amtszeit nicht erfüllen kann. Sie will im Konzern erst einmal Stein für Stein umdrehen, bevor sie eine langfristige Strategie entwickelt.

    Dabei ist offensichtlich, wo es hakt: Die meisten Geschäfte laufen schlecht bis sehr schlecht, die Finanzlage ist miserabel. Bei gerade einmal 8,1 Prozent liegt die Eigenkapitalquote – die niedrigste unter den deutschen Großkonzernen.

    Thyssen-Krupp braucht frisches Kapital und das möglichst schnell, um aus der Defensive zu kommen. Als einzigen verbliebenen Weg sehen Vorstand und Aufsichtsrat die Abspaltung der Aufzug‧sparte, die viele Milliarden einbringen soll.

    Geld wird für verbleibende Sparten benötigt

    Ist der Erlös einmal in der Kasse, stehen die weiteren Wegmarken fest: Zunächst sollen die Schulden gesenkt und die Pensionen der Stahlarbeiter abgesichert werden, was deutlich über fünf Milliarden Euro kosten wird. Im nächsten Schritt sollen die Geschäfte Anlagenbau und Teile der Komponenten- und Autozulieferersparte saniert und dann in neue Hände abgegeben werden.

    Die Kosten schätzen Insider auf einen dreistelligen Millionenbetrag. Im Kern verbleiben die umsatzstarken Sparten Handel und Stahlproduktion und Teile der Komponentensparte. Thyssen-Krupp bleibt ein Konglomerat, wird aber leichter zu steuern sein.

    Auch für die verbleibenden Sparten wird Thyssen-Krupp Geld benötigen. Denn gerade bei Stahl hänge das Unternehmen hinter der Konkurrenz zurück. „Bei der Qualität von Autostählen ist Thyssen-Krupp abgeschlagen“, sagt ein versierter Experte. Der Konzern müsse investieren, um seinen Anlagenpark auf den neuesten Stand zu bringen.

    In den kommenden sieben, acht Jahren will das Unternehmen daher jeweils über 600 Millionen Euro in die Ertüchtigung seiner Hütten investieren, um die Lücke zu Arcelor-Mittal und Voestalpine zu schließen. Fest im Budget sind diese Beträge aber nicht eingebucht. „Es gibt einen Finanzierungsvorbehalt“, sagt eine Führungskraft. Entscheidend sei, was der Verkauf der Aufzugsparte einbringen wird. „Das ist unser zentrales Thema.“

    Das spiegelt sich auch in der Dichte der Treffen von Vorstand und Aufsichtsrat wider. Für den vergangenen Sonntag hatte Aufsichtsratschef Siegfried Russwurm die Kontrolleure zu einer Sondersitzung in die Essener Konzernzentrale geladen. Auch wenn keine Entscheidungen getroffen werden sollten, sind dem Vernehmen nach alle 20 Mitglieder des Gremiums gekommen. „Der Informationsbedarf ist groß“, hieß es im Anschluss.

    Die Managerin führt den Ruhrkonzern interimistisch. Quelle: imago images/sepp spiegl
    Martina Merz

    Die Managerin führt den Ruhrkonzern interimistisch.

    (Foto: imago images/sepp spiegl)

    Bei dem Treffen wurde intensiv über die verschiedenen Optionen für das Aufzuggeschäft diskutiert. Hatte es bis dahin eine Präferenz für einen Börsengang oder einen Teilverkauf gegeben, so hätten sich die Aufseher nun offener für eine komplette Trennung gezeigt, berichten Eingeweihte. Der Handlungsspielraum für den Vorstand sei dadurch erhöht worden. Er könne nun den Komplettverkauf des Geschäftsbereichs intensiver prüfen.

    Bislang hatten sich entscheidende Akteure wie Finanzvorstand Johannes Dietsch und Vertreter der IG Metall für eine teilweise Abgabe der Sparte starkgemacht, da sie andernfalls die langfristige Rentabilität von Thyssen-Krupp gefährdet sahen. Die Finanzlage ist äußerst fragil.

    Ohne die Sparte Elevator, die jährlich knapp 800 Millionen Euro Betriebsgewinn erzielt, fehlt dem Unternehmen die Finanzkraft, um für die hohen Pensionsverpflichtungen aufzukommen. Undenkbar wären auch Dividenden für die Aktionäre, auf die vor allem die Krupp-Stiftung als größte Anteilseignerin pocht.

    Verkaufswert könnte geringer ausfallen

    Nun geht es also um den Komplettverkauf. „Wenn wir auf diesem Weg ausreichend Kapital zur Abdeckung der Schulden und für Investitionen erhalten, dann spricht nichts dagegen“, sagt eine Führungskraft. Bislang liegen dem Vorstand unverbindliche Angebote von Finanzinvestoren und den Wettbewerbern Kone und Hitachi vor. Die Bieter erhalten nun weitere Informationen, damit sie bis zum 13. Januar bindende Offerten vorlegen könnten. Der Konzern äußerte sich nicht dazu.

    Fraglich ist, ob der Vorstand den bislang von Branchenkreisen taxierten Erlös von 15 Milliarden Euro erzielen wird. Die Geschäfte liefen nicht so gut wie gedacht, und außerdem gebe es einige Risiken, heißt es in Finanzkreisen. Der Verkaufswert könnte daher um ein, zwei Milliarden Euro geringer ausfallen.

    Einige in der Führungsetage sind daher besorgt. „Das ist unser Tafelsilber – und damit müssen wir sehr vorsichtig umgehen“, sagte die Führungskraft. Thyssen-Krupp müsse langfristig finanzstark sein.

    Auch wenn sich der Vorstand um Merz über die Strategie ausschweigt – die Marschrichtung steht fest: Mit dem Schwerpunkt auf Hütten und Handel bereitet sich der Ruhrkonzern auf eine Konsolidierung der Stahlindustrie vor.

    Neben Tata Steel rückt dabei Salzgitter in den Fokus. Es habe zwar keine Gespräche in diese Richtung gegeben, heißt es im Konzern. Aber es sei eine Frage der Zeit, bis man diese in Angriff nehmen wolle. So ließen sich etwa die Kosten für die CO2-freie Stahlproduktion im Verbund besser bewältigen.

    Es wäre nicht das erste Mal, dass Krupp und Salzgitter über einen Zusammenschluss verhandeln. Vor 30 Jahren hatte die Führung von Thyssen-Krupp einen ähnlichen Schritt versucht. Den Vorstand führte damals ein neuer junger Krupp-Manager. Sein Name war Gerhard Cromme.

    Mehr: Die Stahlindustrie in der EU leidet am Strukturwandel in der Autoindustrie, Druck aus dem Ausland – und an hausgemachten Problemen. Zumindest an einer Stelle kann Brüssel helfen.

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