Pharmaunternehmen: Biontech will unabhängiger vom Corona-Impfstoff werden
Biontech, der Mainzer Spezialist für Immuntherapien, arbeitet an neuen Wirkstoffen.
Foto: imago images/onemorepictureDüsseldorf. Das Ende der Coronapandemie belastet den Mainzer Impfstoffhersteller Biontech. Das Unternehmen senkt deswegen seinen Ausblick für das Gesamtjahr: Plante das Unternehmen bisher mit fünf Milliarden Euro Umsatz in diesem Jahr, sind es jetzt nur noch vier Milliarden Euro.
Am Montag hat Biontech seine Bilanz zum dritten Quartal vorgelegt: Umsatz und Gewinn sind gegenüber dem Vorjahresquartal deutlich geschrumpft. Waren es im vergangenen Jahr noch rund 3,46 Milliarden Euro Umsatz, lag der Wert jetzt bei 895 Millionen Euro. Der Gewinn ist von 1,78 Milliarden auf 160,6 Millionen Euro geschrumpft.
Dennoch hatte Biontech deutlich besser abgeschnitten als von Analysten erwartet. Diese waren laut Bloomberg von einem Verlust ausgegangen. Die Biontech-Aktie legte bei der Öffnung der US-Börsen deutlich um rund fünf Prozent auf 101 Dollar zu. Allerdings hatte Biontech binnen Jahresfrist mehr als 40 Prozent des Börsenwerts eingebüßt.
Aus der Biontech-Bilanz lässt sich ein gesellschaftliches Stimmungsbild herauslesen: Das Interesse an Corona-Impfstoffen lässt deutlich nach, auch wenn die Zahlen der an Covid-Erkrankten wieder steigt. Konnten die Impfstoffhersteller in den vergangenen Jahren Milliarden verdienen, müssen sie nun an einem Plan für die Zukunft arbeiten. Es müssen neue Medikamente her. Doch das ist aufwendig, dauert und kann schiefgehen.
Und in eben dieser Phase muss Biontech nun auch bei Forschung und Entwicklung (F&E) sparen. Waren im März noch F&E-Ausgaben in Höhe von 2,4 bis 2,6 Milliarden Euro in diesem Jahr geplant, sind es jetzt nur noch 1,8 bis zwei Milliarden Euro.
Andere Unternehmen der Branche hatten zuletzt ebenfalls sinkende Umsätze vermeldet: US-Partner Pfizer, mit dem Biontech gemeinsam den Corona-Impfstoff entwickelt hat, musste zuletzt rund 5,6 Milliarden Dollar abschreiben und machte im dritten Quartal 2023 einen Verlust von fast 2,4 Milliarden US-Dollar.
„Wir befinden uns gerade mitten in der Covid-Müdigkeit, in der jeder die Krankheit vergessen will“, sagte Pfizer-Chef Albert Bourla. Die Abschreibungen bei Pfizer belasten auch Biontech: 600 Millionen Euro weniger Umsatz in den ersten neun Monaten diesen Jahres – die sich auch in der aktualisierten Umsatzprognose widerspiegeln – liegen allein an den „Belastungen des Kooperationspartners“, mit dem sich Biontech den Bruttogewinn am Corona-Impfstoff teilt. Immerhin fällt die Höhe der von Pfizer getätigten Abwertung bei Biontech niedriger aus, als noch im Oktober angekündigt: Damals hatte Biontech von Wertberichtigungen in Höhe von bis zu 900 Millionen Euro gesprochen.
Corona-Impfstoff: Biontech rechnet mit „Nachfragespitzen im Herbst und Winter“
Auch der US-Konkurrent Moderna, der den Corona-Impfstoff Spikevax entwickelt hat, musste zuletzt seine Umsatzprognose für den Impfstoff von sechs bis acht Milliarden Dollar auf „mindestens sechs Milliarden Dollar“ senken – und das, obwohl das Unternehmen laut eigenen Angaben seinen Marktanteil auf dem US-Markt für Corona-Impfstoffe von 36 Prozent auf 45 Prozent steigern konnte.
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Nachdem während der Coronapandemie die Impfung eines der dominantesten Themen war, ist das Interesse daran mittlerweile deutlich gesunken. Zwischen dem 1. und dem 30. Oktober 2021 hatten sich noch mehr als 4,25 Millionen Menschen impfen lassen, 2022 waren es noch 2,4 Millionen Menschen – und in diesem Jahr nicht einmal 1,3 Millionen Menschen.
Dabei steigen die Infektionszahlen aktuell wieder an: Das RKI zählte in der Woche bis zum 29. Oktober 17.222 offiziell durch Labore bestätigte Coronafälle, in der Vorwoche waren es erst 13.618. Allerdings umfasst die Zahl nur Patienten, die mit Coronasymptomen im Krankenhaus behandelt werden. Die machen aber laut Schätzungen gerade einmal ein Prozent der tatsächlichen Ansteckungen aus. Corona ist nicht mehr meldepflichtig und alle Coronamaßnahmen in Deutschland wurden aufgehoben.
Trotzdem rechnet Biontech weiterhin mit „Nachfragespitzen im Herbst und Winter“, auch wenn im Vergleich zu den Vorjahren insgesamt weniger Erstimpfungen und geringere Auffrischungsimpfungen in der Bevölkerung erwartet werden. Auf Basis der aktuellen Prognose müsste Biontech im vierten Quartal rund 1,66 Milliarden Euro Umsatz erzielen – fast doppelt so viel wie im dritten Quartal.
In Deutschland sind seit Start der Impfungen im Dezember 2020 etwa 78 Prozent der Menschen gegen Corona geimpft worden, mehr als 193 Millionen Dosen wurden verabreicht. Aktuell empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) aber nur noch wenigen Menschen regelmäßige Auffrischungsimpfungen: Das schließt etwa Personen über 60 Jahren oder Personen, die besonders gefährdet sind, an Corona zu erkranken, und Bewohner von Pflegeheimen ein.
Kommt bald ein Impfstoff von Biontech gegen Krebs?
Für Biontech, dessen Umsätze bisher vollständig aus den Verkäufen des Corona-Impfstoffs kommen, ist schon lange klar, dass andere Medikamente auf den Markt müssen. Bei der Vorstellung der aktuellen Quartalszahlen verwies Biontech-Chef Ugur Sahin darauf, dass Biontech an weiteren Wirkstoffen arbeite. Einige würden bereits in fortgeschrittenen klinischen Studien erprobt. „Wir konzentrieren uns mit unserer Strategie darauf, ein breitgefächertes Spektrum an sich ergänzenden Technologien zusammenzustellen“, sagt er. Biontech wolle innovative Therapien entwickeln und den Behandlungsstandard für Krebspatientinnen verbessern.
Die Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci (rechts) wollen das Angebot erweitern.
Foto: ReutersGenau hier liegen auch die Wurzeln des Unternehmens: Sahin und seine Frau Özlem Türeci hatten Biontech ursprünglich gegründet, um Medikamente gegen Krebs zu entwickeln. Dass die dabei genutzte mRNA-Technologie einen schnellen Impfstofferfolg gegen Corona möglich machen würde, war so gesehen nur ein Zufall. Aber einer, der die Kassen des Unternehmens zuletzt kräftig füllte. So hat Biontech weiterhin eine starke finanzielle Basis, um seine Forschung vorantreiben. Laut Finanzchef Jens Holstein verfügen die Mainzer über 17 Milliarden Euro an Zahlungsmitteln und Wertpapierinvestitionen. Das sei vor allem in der heutigen Zeit, in der finanzielle Stabilität eine zentrale Rolle spiele, eine große Stärke, sagte er.
Erst kürzlich stellte das Unternehmen erste Studienergebnisse einer neuartigen Krebstherapie vor. Dabei kombiniert Biontech einen mRNA-Impfstoff mit einer Immuntherapie, der CAR-T-Zelltherapie. Bei 95 Prozent der Studienteilnehmerinnen sei der Tumor nach der Impfung geschrumpft oder nicht weiter gewachsen.
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Markus Manns, Fondmanager bei Union Investment, warnt aber vor zu viel Euphorie bezüglich des Mittels: Die Zelltherapie sei ein komplexes Verfahren, bei dem T-Zellen aus dem Körper der Patienten entnommen und im Labor gentechnisch verändert werden müssten, bevor sie dem Patienten dann wieder zurückgegeben werden.
Vor der Behandlung sei außerdem eine Chemotherapie notwendig – und es gebe „sehr starke und möglicherweise gefährliche Nebenwirkungen“, sagt Manns. Biontechs Daten seien zwar gut, „aber eben nicht spektakulär“ und müssten auch ins „Verhältnis zum enormen Aufwand gesetzt werden“.
Die Deutschen lassen sich 2023 seltener gegen Corona impfen.
Foto: dpaBiontech erforscht aktuell in rund drei Dutzend klinischen Studien neue Wirkstoffe, davon ist der Großteil aber noch in einem frühen Stadium. Laut Fondsmanager Manns ist auffällig, „dass zwar zahlreiche Studien gestartet werden, aber aussagekräftige Studienergebnisse auf sich warten lassen“. So warte der Markt unter anderem schon seit Monaten auf die Daten eines Krebsimpfstoffes, der zusammen mit Roche gegen Hautkrebs getestet wird.
Im Juni hatte Biontech eine Phase-3-Studie zum Lungenkrebsmittel Gotistobart gestartet, in den USA hat das Medikament sogar den Fast-Track-Status, der die Überprüfung von Medikamenten beschleunigen soll.
Außerdem gibt es Ergebnisse einer Phase-3-Studie zum Grippeimpfstoffkandidaten BNT161, an dem Biontech gemeinsam mit Pfizer arbeitet. Pfizer hatte kürzlich bekannt gegeben, dass das Mittel Phase 3 erfolgreich bestanden habe, aber nur eine geringe Wirksamkeit bei der Influenza Typ B zeige.
Fondsmanager Manns glaubt, dass die Studie mit einem verbesserten Impfstoff wiederholt werden sollte. Das Ergebnis sei aber wenig überraschend, da Moderna bereits ein ähnliches Problem hatte. Pfizer rechnet nun erst mit einer Zulassung des Grippeimpfstoffs nach 2024. Das ist laut Manns zwar kein Beinbruch, sondern nur ein kurzfristiger Rückschlag. Doch bis Biontech mit neuen Medikamenten auf dem Markt Geld verdient, dürfte es damit noch einmal länger dauern.
Erstpublikation: 06.11.2023, 14:56 Uhr (zuletzt aktualisiert: 06.11.2023, 15:49 Uhr).