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Spezialchemiehersteller Wie Wacker Chemie vom Impfstoffgeschäft profitieren will

Der Ausstieg beim Chipzulieferer Siltronic füllt die Kasse des Konzerns. CEO Rudolf Staudigl strebt den Ausbau aller Sparten an. Umsetzen wird dies sein Nachfolger.
09.12.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Der Konzern stellt dort hochreines Silicium für die Solarindustrie her. Quelle: Pressebild
Werk der Wacker Chemie im sächsischen Nünchritz

Der Konzern stellt dort hochreines Silicium für die Solarindustrie her.

(Foto: Pressebild)

München, Düsseldorf Mehr als 100 Prozent Kurszuwachs an der Börse binnen sechs Monaten – das hat man bei der Münchener Wacker Chemie selten erlebt. Das Spezialchemieunternehmen ist einer der Shootingstars im MDax und hat laut Analysten sein Potenzial noch nicht ausgeschöpft. Doch Vorstandschef Rudolf Staudigl gibt sich bescheiden: Er sieht die Kursentwicklung „als Bestätigung dafür, dass wir mit unserer Strategie auf dem richtigen Weg sind“, wie er im Interview mit dem Handelsblatt sagt.

Der Boom auf dem Parkett hat einen dreifachen Grund: Wacker hat die Pandemie bisher gut weggesteckt. Zudem positioniert sich die Firma als Zulieferer für das Milliardengeschäft mit Corona-Impfstoffen. Und bald fließt frisches Geld in die Kasse.

Wacker stößt seinen Anteil von 30,8 Prozent am börsennotierten Chipzulieferer Siltronic ab. Am Mittwochabend nahm Siltronic das Übernahmeangebot von Globalwafers aus Taiwan an. Zugleich stimmte der Wacker-Aufsichtsrat dem Anteilsverkauf zu. Nun kassiert der Konzern durch die Trennung von der ehemaligen Tochtergesellschaft knapp 1,2 Milliarden Euro.

Zusammen mit dem stabilen Cashflow hat der Vorstand also bald viel finanziellen Gestaltungsspielraum. Staudigl strebt an, alle Sparten des Konzerns zu stärken. Zum neuen Wachstumskern könnte die Biomedizinsparte als Auftragsfertiger für Impfstoffe werden.

Es wird Staudigls letzter großer Anstoß zur Neuordnung. Nach der Hauptversammlung von Wacker im Mai 2021 geht der 66-Jährige in den Ruhestand. Mehr als 25 Jahre ist für Wacker tätig - und er ist einer der deutschen CEOs, die sich am längstem im Amt halten konnten: 2008 wurde Staudigl in die Spitzenposition berufen.

Bei der Nachfolge setzt das Unternehmen auf Kontinuität: Der Aufsichtsrat berief Vorstandsmitglied Christian Hartel zum Nachfolger Staudigls. Der 49-Jährige ist promovierter Chemiker und seit 2003 bei Wacker. Aktuell leitet er den Geschäftsbereich Silikone.

Staudigl wird Wacker nicht im Krisenmodus übergeben. Um das operative Geschäft macht er aktuell nur wenig Sorgen. „Es läuft sehr passabel. Die gute Entwicklung aus dem dritten Quartal setzt sich fort und ich bin auch fürs nächste Jahr zuversichtlich“, sagt er. Auf 3,5 Milliarden Euro Umsatz und einen bereinigten Gewinn (Ebitda) von 470 Millionen Euro kam der Konzern in den ersten neun Monaten dieses Jahres.

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Als sich die Corona-Pandemie im Frühjahr ausbreitete, hatte sich der CEO noch auf das Schlimmste gefasst gemacht. Nun aber ist er zuversichtlich: „Wir haben im Herbst Projekte freigegeben, bei denen wir im zweiten Quartal noch vorsichtig waren.“

Die Erholung zeigt sich in allen drei Sparten: Mit dem hitze- und kälteresistenten Kunststoff Silikon beliefert der Konzern als Nummer zwei des Weltmarkts Medizintechnik, Elektronik- und Autohersteller sowie die Kosmetikindustrie. Globale Nummer eins sind die Münchener bei Bindemitteln für die Bauindustrie. Zudem fertigt Wacker Polysilicium als wichtigsten Rohstoff für Solarzellen.

Regionaler Wachstumsmotor schlechthin ist für Staudigl derzeit China. Es sei die einzige Region weltweit, in der sich Unternehmen derzeit ganz normal weiterentwickeln könnten, sagt er und unterstreicht: „Die Stärke Chinas ist nicht ungesund, sondern ungesund ist, dass Europa zu wenig für besseres Wirtschaftswachstum tut.“

In wichtigen Branchen werde in dem Land wie in Asien insgesamt eine klare industriepolitische Strategie gefahren, anders als bisher in Europa, beobachtet der CEO. Das gilt auch für die Chipindustrie. Mit dem Verkauf des Münchener Zulieferers Siltronic an die Taiwanesen verliert Europa ein weiteres Standbein in diesem Kern der Elektronikindustrie.

Experten rechnen in der Chemiebranche mit Übernahmen

Für Wacker war die Trennung von den restlichen Anteilen stets klar, sobald ein sehr gutes Kaufangebot auf den Tisch kommt. Die bald gut gefüllte Kasse weckt bereits Begehrlichkeiten. JPMorgan-Analyst Chetan Udeshi erwartet eine „ordentliche Sonderausschüttung“ im kommenden Jahr. Davon würde auch der Mehrheitseigentümer, die Familie Wacker, profitieren.

Analyst Oliver Schwarz von Warburg Research erklärte, er würde schnelle Signale für die Mittelverwendung aus dem Siltronic-Deal begrüßen. Konzernchef Staudigl legt sich nicht fest, er sieht in allen Segmenten Möglichkeiten für Investitionen.

„Wir werden unser Unternehmen international noch breiter aufstellen und mehr Verantwortung in die Regionen verlagern“, erläutert er. „Unser Ziel ist es, chinesische Kunden aus China und amerikanische aus Amerika heraus bedienen zu können.“

Experten rechnen im kommenden Jahr mit einem regen M&A-Geschehen in der Chemie im Zuge von Abspaltungen und Fokussierungen. Wacker will Zukäufe prüfen, bleibt dabei aber vorsichtig. „Es wäre falsch, eine Übernahme nur deswegen anzupeilen, weil man Geld hat“, sagt Staudigl. Ein großer Deal ist bei den Münchener eher nicht zu erwarten.

Wacker-CEO Rudolf Staudigl

"Der Industriestrompreis muss drastisch sinken."

(Foto: Pressebild)

Schon bisher haben sich für Wacker eher die kleineren Schritte ausgezahlt. Das zeigt sich etwa im Segment Biosolutions, in der Pharma- und Agrarchemiewirkstoffe sowie Lebensmittelzusätze hergestellt werden. Wacker hat in den vergangenen Jahren einzelne Arzneiproduktionsstätten in Europa aufgekauft und für die moderne Medizinproduktion umgerüstet.

Das zahlt sich nun aus. Mitte November sorgte Wacker für Aufsehen, als der Konzern einen Liefervertrag über Impfstoffe mit dem Tübinger Biotechunternehmen Curevac abschloss. Curevac entwickelt derzeit einen Covid-19-Impfstoff auf Basis des Botenmoleküls mRNA, ähnlich dem bereits vor der Zulassung stehenden Impfstoff des Konkurrenten Biontech.

Wacker produziert Impfstoff für Curevac

An dem umgerüsteten Pharmastandort in Amsterdam soll Mitte 2021 die Produktion des Curevac-Impfstoffs beginnen, pro Jahr sollen es mehr als 100 Millionen Dosen sein. „Die Zusammenarbeit mit Curevac bestätigt unsere Strategie, das Biopharmageschäft auszubauen“, sagt Staudigl.

Doch er plant mehr: „Impfstoffe sind selbstverständlich wichtig, aber wir sehen ganz grundsätzlich große Möglichkeiten in der bio- und genbasierten Medizin. Deswegen werden wir dort weiter investieren.“ Sein Nachfolger Christian Hartel kennt die Biosolutions-Sparte gut, er war dort in seinen ersten Jahren von Wacker m Management tätig.

Analyst Markus Mayer von der Baader Bank erwartet, dass das Geschäft als Pharmazulieferer zur „Wachstumsmaschine“ von Wacker werden könne. Dort sind auch Kapitalrenditen höher. Zugleich dürfe sich aus seiner Sicht das Solargeschäft mit Polysilicium angesichts zahlreicher „Green Deals“ in verschiedenen Ländern der Welt positiv entwickeln. Sein Kursziel für die Wacker-Aktie liegt bei 130 Euro, aktuell notiert sie bei 114 Euro.

Mit dem Ausbau will sich Wacker auch für den härteren Wettbewerb auf dem globalen Chemiemarkt rüsten. Damit die Chemie auch in Deutschland wettbewerbsfähig bleibt und zugleich die geforderte Umstellung auf eine grünere Produktion bewältigen kann, sieht Staudigl die Politik in der Pflicht.

„Für den Übergang vom Ölzeitalter zum Stromzeitalter brauchen wir billigen regenerativen Strom, damit die Firmen investieren können“, sagt er. Der Industriestrompreis müsse drastisch sinken. China habe längst erkannt, dass darin der Schlüssel für die Transformation liegt. „In Deutschland stoße ich damit immer auf viel Verständnis. Aber es fehlt der Wille zur praktischen Umsetzung.“

Mehr: Lanxess, Evonik, Covestro: So stabil kommt die Chemieindustrie durch die Krise

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