Start-up-Check Qualifyze: Dieses Start-up will Lieferengpässe bei Arzneimitteln verhindern
Optische Endkontrolle in der Tablettenproduktion bei der Merck KGaA in Darmstadt: Pharmaunternehmen müssen auch ihre Zulieferer regelmäßig überprüfen.
Foto: picture alliance / Ulrich BaumgaFrankfurt. Fiebersenkende Säfte für Kinder, Antibiotika, Krebsmittel – viele Patienten in Deutschland haben zuletzt zu spüren bekommen, dass wichtige Medikamente infolge von Lieferengpässen nur schwer zu bekommen sind. Dabei interessiert die breite Öffentlichkeit eigentlich nicht, wie gut Arzneimittel-Lieferketten funktionieren. Doch das Thema ist elementar: Das wird spätestens dann klar, wenn Medikamente nicht lieferbar sind.
David Schneider beschäftigt sich tagtäglich mit Arzneimittellieferketten. Das von ihm gegründete Start-up Qualifyze prüft, ob die Unternehmen, die in der Lieferkette eines Pharmaunternehmens eine Rolle spielen, die gesetzlich vorgeschriebenen Qualitätsanforderungen erfüllen.
Geprüft wird nicht nur die Herkunft der Rohstoffe oder die Zusammensetzung der Wirkstoffe. Auch Fragen wie die ordnungsgemäße Reinigung der Produktionsmaschinen, die Einhaltung von Hygienevorschriften, Schulungen der Mitarbeiter oder auch die Qualität von Verpackungs- und Logistikleistungen spielen eine Rolle.
Um wen geht es?
Schneider, Betriebswirt und promovierter Wirtschaftsinformatiker, hat das Start-up 2017 unter dem Namen Chemsquare gegründet – zusammen mit dem Maschinenbauer Florian Hildebrand (inzwischen CEO des Start-ups Greenlyte Carbon Technologies).
Nach Stationen im Investmentbanking und bei der Unternehmensberatung McKinsey wollte der heute 36-jährige Schneider ein eigenes Unternehmen gründen und schuf eine Onlineplattform für den Chemikalienhandel. Doch in der Branche wurde das Angebot kaum genutzt. Die beiden Gründer nahmen einen zweiten Anlauf und formten eine Auditplattform für die Pharmabranche.
Pharmaunternehmen müssen immer wieder überprüfen, ob ihre Lieferanten die gesetzlichen Qualitätsanforderungen erfüllen. Bisher prüfen die meisten Unternehmen der Branche selbst. „Das ist nicht wirklich effizient, denn es gibt global akzeptierte regulatorische Standards, wie diese Anforderungen entlang der Lieferkette auszusehen haben“, sagt Schneider.
Sein Start-up, 2020 in Qualifyze umbenannt, führt die Qualitätsüberprüfung der Lieferanten für seine Kunden im Rahmen eines Vor-Ort-Audits durch. Wenn nun ein anderes Pharmaunternehmen denselben Lieferanten überprüfen muss, bietet Qualifyze anstelle eines neuen Audits den direkten Zugang zu den bereits erhobenen Daten an. Dafür muss der Lieferant dann seine Zustimmung geben.
Warum ist das wichtig?
Insgesamt spart das Pharmaunternehmen durch das Angebot von Qualifyze viel Zeit und Geld. Denn einige Prüfungen, etwa von Zulieferunternehmen in Asien, können auch mehrere Tage dauern.
„Je nach Aufwand kostet ein von Pharmaunternehmen eigens durchgeführtes Lieferantenaudit zwischen 4000 und 15.000 Euro“, sagt CEO Schneider. Wegen der Wiederverwendung der Daten könne Qualifyze dies deutlich günstiger anbieten.
David Schneider will dabei helfen, die Lieferketten der Pharmabranche günstiger und effizienter zu machen.
Foto: QualifyzeAuch für Lieferanten entstehen durch Audits indirekte Kosten in Höhe von bis zu 10.000 Euro, die so eingespart werden können.
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Nicht zuletzt will Qualifyze mit seinem Angebot auch zu mehr Liefersicherheit beitragen. Fehlerhafte Verpackungen, verunreinigte Substanzen – vor fünf Jahren beispielsweise gab es einen weltweiten Lieferengpass bei blutdrucksenkenden Arzneimitteln mit dem Wirkstoff Valsartan, weil ein Inhaltstoff bei einem großen chinesischen Zulieferer in der Produktion verunreinigt wurde.
Qualifyze sieht sich laut Schneider aufgrund der Vielzahl an vorliegenden Auditdaten in der Lage, Risiken vorherzusagen. „Dies ist auch für Lieferanten wertvoll, damit sie rechtzeitig gegensteuern und sich kontinuierlich verbessern können“, sagt er.
Was sagen die Investoren?
Viele Investoren hat die Geschäftsidee von Qualifyze überzeugt: Cherry Ventures etwa führte die Seed-Finanzierung 2019 an, HV Capital die Series-A-Runde über 14 Millionen Dollar im Jahr 2021. Im August dieses Jahres konnte das Frankfurter Start-up die Series-A-Runde noch einmal um zwölf Millionen Dollar erweitern, neben HV Capital unter anderem mit Harbour Vest und H14, der Investmentfirma der Familie des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten und Unternehmers Silvio Berlusconi. Mit rund 100 Millionen Dollar soll Qualifyze laut Brancheninsidern dabei bewertet worden sein. Eine Zahl, die weder CEO Schneider noch Felix Klühr, Partner bei HV Capital, kommentieren wollen.
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Die Zahl der Kunden ist stark gestiegen. Waren es 2020 noch rund 200 Pharmaunternehmen, sind es mittlerweile mehr als 1000. Auch mit Branchenriesen wie Teva, Sanofi, Boehringer Ingelheim oder Merck arbeitet Qualifyze zusammen. Auf der Lieferantenseite sind laut Schneider bereits mehr als 2000 Unternehmen in der Datenbank.
Die Qualität von Medikamenten und Zulieferbetrieben muss regelmäßig überprüft werden.
Foto: Westend61/Getty Images„Der starke Ausbau der Kundenbasis zeigt, dass sich Qualifyze das Vertrauen der Pharmaunternehmen und Lieferanten erarbeitet hat“, sagt Felix Klühr, Partner bei HV Capital. Neue gesetzliche Vorgaben wie etwa das Lieferkettengesetz geben dem Geschäftsmodell von Qualifyze seiner Ansicht nach zusätzlichen Rückenwind. Denn laut Gesetz sind Unternehmen auch für die Einhaltung von Menschenrechten in den globalen Lieferketten verantwortlich. Hierzu gehören beispielsweise der Schutz vor Kinderarbeit, das Recht auf faire Löhne ebenso wie der Schutz der Umwelt.
Mittlerweile arbeiten 130 Mitarbeiter für Qualifyze, mehr als 200 freiberufliche Auditoren sind bei den Vor-Ort-Prüfungen im Einsatz.
Wie geht es weiter?
Für die nächsten Jahre peilt Qualifyze weiter hohe Wachstumsraten an. „Wir werden in diesem Jahr zwischen zehn und 15 Millionen Euro Umsatz erzielen und wollen den Umsatz in den kommenden Jahren jeweils mindestens verdoppeln“, sagt Schneider. Die Gewinnzone soll 2025 erreicht werden.
Ernsthafte Wettbewerber sieht HV-Capital-Partner Klühr für das Unternehmen derzeit nicht. „Je größer die Basis der Lieferanten ist, umso besser ist Qualifyze positioniert“, sagt er.