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Tata-Steel-CEO„Entscheidend wird sein, wer Afrika mit Stahl beliefert“

T. V. Narendran, Chef von Tata Steel, zehntgrößter Stahlhersteller der Welt, rechnet nicht damit, dass alle Konkurrenten in Europa die grüne Transformation überleben werden. Andere Länder liegen vorn.Isabelle Wermke 04.07.2024 - 08:51 Uhr
Stahlherstellung im niederländischen Tata-Werk: Die Produktion soll in Zukunft auf Wasserstoff umgestellt werden. Foto: REUTERS

Düsseldorf. Der Chef des indischen Stahlherstellers Tata Steel, T.V. Narendran, prophezeit der europäischen Stahlindustrie nur noch die Rolle eines regionalen Nischenanbieters. Weltweit hätten Konzerne aus China, Indien oder dem Nahen Osten deutliche Wettbewerbsvorteile – nicht nur bei der Versorgung mit Rohstoffen, sondern auch mit günstiger grüner Energie. Europäische Konzerne müssten sich dann auf ihren heimischen Markt konzentrieren – und nicht alle würden die Umstellung auf die grüne Stahlerzeugung wirtschaftlich überleben.

„Nicht jeder in Europa wird dazu in der Lage sein, diesen Übergang zu schaffen. Einige der Unternehmen, die dann nicht wettbewerbsfähig sein werden, waren es aber vermutlich schon heute nicht“, sagte der CEO und Geschäftsführer von Tata Steel, dem zehntgrößten Stahlhersteller der Welt, im Interview mit dem Handelsblatt.

An den strengen Regulatorien liege das nicht. „Das regulatorische Umfeld, das viele als hinderlich wahrnehmen, fördert die Transformation in Europa. Kunden sind dazu bereit, höhere Preise für grünen Stahl zu zahlen. Und auch die Regierungen in ganz Europa arbeiten mit der Industrie zusammen, um die Wende zu ermöglichen“, beobachtet der Manager.

Das sei sogar ein Vorteil gegenüber Indien, dem zweitgrößten Stahlproduzenten der Welt. In der Zukunft werden Afrika und Südostasien zentrale Abnehmer für die Stahlindustrie werden, schätzt der Konzernchef.

Tata Steel Limited ist Teil der Tata-Gruppe, einem globalen Mischkonzern mit Hauptsitz in Indien. 2022 rangierte Tata Steel in der Liste der größten Stahlproduzenten der Welt an zehnter Stelle, mit einer Jahresproduktionsmenge von 30,18 Millionen Tonnen Rohstahl. Die größte Produktionsstätte liegt im indischen Jamshedpur. Die größten europäischen Produktionsstandorte in Port Talbot in Großbritannien und IJmuiden in den Niederlanden durchlaufen aktuell die Transformation hin zur klimafreundlichen Grünstahlproduktion – über Elektrifizierung und Wasserstofftechnologien.

Das komplette Interview lesen Sie hier:

Herr Narendran, der europäische Stahlmarkt steckt in der Krise und die Weltwirtschaft ist rückläufig. Hat der europäische Stahlstandort überhaupt noch eine Zukunft? 
Ja, aber für den europäischen Verbrauch. Am weltweiten Markt werden China und der Nahe Osten die Vorreiter werden. Dabei geht es um die geografische Lage. Vor allem im Nahen Osten werden grüne Energie und grüner Wasserstoff zu günstigeren Preisen verfügbar sein.

Das wird die Stahlindustrie stark verändern.
Traditionell hing die Wettbewerbsfähigkeit der Stahlerzeugung auch von ihrem Standort ab – aber vor allem von den Kosten für die Beschaffung von Eisenerz und Kohle. In zunehmendem Maße hängt sie jetzt von den Energie- und Gaskosten ab, von den Preisen für Wasserstoff und für Schrott. Die Faktoren, die die Wettbewerbsfähigkeit bestimmen, verändern sich – und wir müssen uns dessen bewusst sein.

Nehmen Sie dieses Bewusstsein in Europa denn wahr?
Das regulatorische Umfeld, das viele als hinderlich wahrnehmen, fördert die Transformation in Europa. Kunden sind dazu bereit, höhere Preise für grünen Stahl zu zahlen. Und auch die Regierungen in ganz Europa arbeiten mit der Industrie zusammen, um die Wende zu ermöglichen. Ich denke, es ist jetzt allgemein anerkannt, dass Stahl aus strategischen Gründen ein wichtiger Wirtschaftszweig auf dem Kontinent ist.

Tata Steel ist einer der weltgrößten Stahlhersteller. Ihr Firmensitz befindet sich in Indien. Um was geht es auf anderen Kontinenten, während Europa mit der Transformation ringt?
In Indien geht es neben der klimafreundlichen Stahlproduktion auch um große Mengen an Infrastruktur, die gebaut werden muss. Es sind viele Investitionen in grüne Wasserstoffproduktion in Indien angekündigt. Die meisten davon sind im westlichen Teil des Landes, wo es mehr Sonnenlicht und ein größeres Potenzial für Solaranlagen gibt. Die Frage ist also: Zu welchem Preis kann grüner Wasserstoff angeboten werden? Und wie kann man grünen Wasserstoff im Osten des Landes verfügbar machen, wo das meiste Eisenerz vorkommt? Auch China stellt auf umweltfreundliche Stahlerzeugung um – und zwar schneller als die meisten anderen Länder.

Werden Hersteller von außerhalb Europas den Markt überschwemmen, während Europa noch an grünem Stahl arbeitet?
Länder wie Indien und China werden global definitiv immer einen Vorteil auf der Kostenseite haben. Auch Russland wird einen Vorteil haben, denn Indien und Russland haben große Eisenerzvorkommen. China hat riesige und kostengünstige Kapazitäten aufgebaut.

… Europa baut währenddessen Produktionskapazitäten ab.
Der Vorteil, den Indien im Gegensatz zu Europa hat, ist in der Tat der Nachfragezuwachs. Indien ist bereits jetzt der zweitgrößte Stahlproduzent der Welt – mit einer Produktion von etwa 140 Millionen Tonnen und einem Verbrauch von 140 Millionen Tonnen, was fast der gesamten europäischen Produktion und dem Verbrauch in Europa entspricht. Hinzu kommt, dass die Nachfrage jährlich um fast zehn Prozent steigt. Das bedeutet, dass jedes Jahr 10 bis 15 Millionen Tonnen mehr nachgefragt werden. Und das gibt uns die Möglichkeit, mit neuen Verfahren und Technologien zu experimentieren – während man in Europa um seine Kapazitäten kämpft.

Thachat Viswanath Narendran: Der Manager steht seit 2017 als CEO und Geschäftsführer an der Spitze von Tata Steel, einem der größten Stahlproduzenten der Welt. Foto: J. de Koning
Vita T.V. Narendran
Thachat Viswanath Narendran ist seit 2017 CEO und Geschäftsführer von Tata Steel, einem der größten Stahlproduzenten der Welt. Außerdem ist er Vorsitzender des Aufsichtsrats von Tata Steel Nederland. Nach seinem Abschluss als Maschinenbauingenieur am National Institute of Technology (NIT) Trichy und seinem MBA am Indian Institute of Management (IIM) in Kalkutta begann der Manager seine Karriere bei dem Stahlhersteller – 2013 wurde er zum Geschäftsführer von Tata Steel Indien und Südostasien ernannt. Narendran ist zudem der amtierende Präsident der Confederation of Indian Industry.
Tata Steel ist der weltweit zehntgrößte Stahlhersteller und der zweitgrößte innerhalb Europas. Das Montanunternehmen mit Firmensitz in Mumbai in Indien betreibt Stahlwerke in Großbritannien und den Niederlanden, zudem besitzt Tata Steel Stahlwalzwerke, Beschichtungsanlagen und Verarbeitungswerke in ganz Europa. Insgesamt betreibt Tata Steel Stahlwerke in 26 Ländern, darunter in China, Indien, Singapur, Thailand und Großbritannien.
Heute zählt das Unternehmen 65.000 Mitarbeiter und macht einen Jahresumsatz von 33 Milliarden US-Dollar.

Dennoch hat Tata Steel konkrete Pläne für seine europäische Produktion.
Im Vereinigten Königreich und in den Niederlanden fokussieren wir uns auf die Grünstahlproduktion. In beiden Ländern werden wir versuchen, die lokalen Vorteile zu nutzen. Großbritannien verfügt über Stahlschrott, daher wird die Transformation hier über die Herstellung mit Elektrolichtbogenöfen stattfinden, wozu wir den in Großbritannien verfügbaren Schrott nutzen werden.

Ein Elektrolichtbogenofen benötigt so viel Energie wie eine ganze Stadt. Woher bekommen Sie die großen Mengen an notwendigem Strom?
In den Niederlanden haben wir mit IJmuiden ein Werk an der Küste, und die Nordsee verfügt über viel grünen Strom. Hier soll eine Direktreduktionsanlage entstehen, die vorerst mit Gas betrieben wird. Zu dessen finanzieller Unterstützung sind wir mit der niederländischen Regierung derzeit in Gesprächen. Und irgendwann wird grüner Wasserstoff in den Niederlanden zu einem vernünftigen Preis erhältlich sein, mit dem die Anlage betrieben werden kann.

Irgendwann. Die EU hat Milliarden an Subventionen in europäische Stahlunternehmen investiert, die über Wasserstofftechnologien klimaneutral werden wollen. Aber die Mengen an grünem Wasserstoff sind nicht verfügbar. Waren die Subventionen ein Trugschluss?
Die Industrie kann sich nicht allein transformieren. Richten Sie den Blick auf andere Industrien, beispielsweise die Automobilindustrie: Es gab viele Anreize, auf E-Fahrzeuge umzusteigen – nennen Sie es Subvention, Unterstützung, Anreiz, was auch immer. Wenn es diese aber nicht gegeben hätte, wie viele E-Fahrzeuge wären dann überhaupt verkauft worden? Wenn wir eine wettbewerbsfähige Stahlindustrie erhalten wollen, braucht sie Unterstützung.

Kann Wasserstoff die Lösung sein, obwohl er derzeit Mangelware ist?
Grüner Wasserstoff ist dabei vorerst noch ein Teil der Lösung, aber nicht die ganze. Kunden müssen dazu bereit sein, für grüne Produkte höhere Preise zu zahlen, die Industrieunternehmen müssen Geld in ihre Transformationsprojekte legen – und die Regierungen müssen unterstützen.

Macht Indiens Regierung beim Umbau Dinge richtig, die Europa falsch macht?
Nein. Ehrlich gesagt stelle ich fest, dass der politische Rahmen in Europa umfassender ist und den Kurs der Transformation sogar besser unterstützt. Tatsächlich sagen wir in Indien also, dass wir uns ansehen sollten, wie sich die Richtlinien in Europa entwickeln. Weil es in Indien vielleicht eine Politik für grüne Energie gibt, aber keine Politik für grünen Stahl.

Warum?
Die Klimawende ist auch eine Debatte zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden. Wenn die Industrieländer 2050 als zeitliche Grenze für den Umbau festgelegt haben, wie können wir beispielsweise in Indien mithalten? Wir haben so viel mehr Menschen mit Strom zu versorgen, große Teile der Bevölkerung leben in Armut.

Es geht also um soziale Gerechtigkeit?
Ja. Wie sorgen wir während der Transformation für soziale Gerechtigkeit? In Indien werden heute fast eine Milliarde Tonnen Kohle produziert. Ohne die Kohleindustrie stehen Millionen von Menschen plötzlich ohne Job da. Wenn wir uns mit diesen Umständen bis 2050 verpflichten müssen, warum können sich die Industrieländer dann nicht auf 2040 oder 2030 festlegen?

Glauben Sie, dass die Stahlproduktion aus Europa abwandern wird?
Nicht jeder in Europa wird dazu in der Lage sein, diesen Übergang zu schaffen. Einige der Unternehmen, die dann nicht wettbewerbsfähig sein werden, waren es aber vermutlich schon heute nicht.

Woran wird sich das Überleben entscheiden?
Die Fähigkeit, mit einer Krise umzugehen. Die liegt meiner Meinung nach in der DNA von Stahlunternehmen, die schon viele Krisen durchgemacht haben. Die sich kontinuierlich fragen: Welche Veränderungen können wir vorantreiben, damit wir stärker werden? Wie lernen wir aus der Herausforderung?

Mit Lieferketten vor Ort?
Heute sind Lieferketten stark von geopolitischen Problemen abhängig. Eine Menge Stahl kommt durch den Suezkanal, viel Stahl kam bis zum Kriegsbeginn auch aus der Ukraine. Das sind alles Lieferketten, die in den vergangenen Jahren gestört wurden. Bei kritischen Materialien muss man sich dessen bewusst sein. Angesichts dessen sollte man einen Teil der Produktion vor Ort haben, um nicht anfällig für Störungen globaler Lieferketten zu sein.

Sie sagten, dass auf anderen Kontinenten massiv in Infrastruktur investiert wird. Wer ist denn der Stahlabnehmer der Zukunft?
In den kommenden Jahrzehnten wird Afrika zunehmend zu einem sehr interessanten Ort für die Stahlindustrie werden. Genau so Südostasien. Diese Regionen wird Indien gut beliefern können.

Die Nachfrage wird stark steigen?
Zum jetzigen Zeitpunkt leben bereits über eine Milliarde Menschen in Afrika. In diesem Jahrhundert wird die Zahl um das Vierfache ansteigen. Dafür muss eine Menge an Infrastruktur gebaut werden. Der Kontinent wird in gewissem Maße genauso interessant werden wie China und Indien. Entscheidend wird sein, wer Afrika dann beliefert.

Herr Narendran, vielen Dank für das Interview.

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Erstpublikation: 03.07.2024, 19:48 Uhr

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