Augmented Reality: Die virtuelle Revolution rollt
Santa Clara. Es war wie ein gewaltiger Stromstoß mit dem Defibrillator: Die 2,23 Milliarden Dollar schwere Übernahme von Oculus Rift durch Facebook brachte 2014 das Herz des komatösen Patienten „Augmented Reality“ wieder zum schlagen. Gestartet als 3-D-Brille für Computerspiel erklärte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg virtuelles Computing mit der Brille zur „nächsten Computer-Plattform“ nach PC und Smartphone. Und wenn Zuckerberg etwas sagt, dann hört man hin.
Im Januar der nächste Paukenschlag: Microsoft präsentiert „Hololens“, eine Brille, die die reale mit der digitalen Welt verschmilzt. Über sieben Jahre wurde in aller Stille in einem Kellerverlies, ironischerweise unter dem geschäftigen Besucherzentrum von Microsoft in Redmond, geforscht. Konzernchef Satya Nadella erklärte die Brille zur obersten Priorität. Im neuen Windows wird virtuelle Realität einen festen Platz bekommen, und 3D-Druck ist ab Werk installiert.
Und wer noch einen Beweis suchte, dass sich hier etwas Großes anbahnt, der bekam ihn Anfang Juni. Mit der hektischen Übernahme des VR-Spezialisten Metaio sprang Apple mit hängender Zunge noch schnell auf den abfahrenden Zug auf. Die Brille „Glass“ des Pioniers Google ist zwar erst einmal gescheitert. Aber in den Laboren in Mountain View wird fieberhaft an einem Nachfolger gebastelt.
Was ist passiert? Bereits in den 90er-Jahren gab es Versuche, die physische und digitale Welt zu vermischen. Doch die Ergebnisse waren niederschmetternd. Die Hardware war schwer, klobig und teuer und lieferte nur unterdurchschnittliche Leistung. Die Software hakte an allen Ecken und Enden und überforderte die eingebauten Prozessoren. Beschleunigungs- und Richtungssensoren waren zu langsam oder ungenau für eine präzise Lokalisierung.
Das sieht heute anders aus. Das Internet, die Cloud, liefert unbegrenzte Computerpower für die kleine Brille, eine Vervielfachung der Leistung der Grafikchips bei gleichzeitig geringerem Stromverbrauch sorgt auf superscharfen Tablet- oder Brillendisplays für brillante Bilder. Dank Big Data entstehen vor dem Betrachter in Sekundenbruchteilen komplexe Welten. Superschnelle Sensoren liefern in Echtzeit Daten zu Standort und Umgebung.
Die Ergebnisse des Technologiesprungs waren in dieser Woche auf der Augmented World Expo zu sehen. Jürgen Lumera von Bosch Automotive tritt mit seinem iPad vor einen Ford Focus. Die Kamera erkennt das Auto, und die Software holt sich aus dem Bordcomputer alle Informationen. Wie auf einem Röntgenbild erscheint der defekte Sensor genau da auf dem Bildschirm, wo er im echten Auto verbaut ist. Ein Klick, und das Ersatzteil wird schon mal im Lager bereitgestellt. Später bringt es vielleicht ein Roboter direkt zum Mechaniker. Dieses Ersatzteil noch nie ausgetauscht? Kein Problem. Ein Video mit den Arbeitsschritten läuft an. „Wir arbeiten an der Industrialisierung von Augmented Realität“, sagt der Director Innovation Automotive. Früher war ja alles „nett und schön“ mit diesen Brillen, aber nie konnte etwas im großen Maßstab auf ganze Branchen ausgeweitet werden. Das will Bosch ändern.
Was das bringen kann? Paul Davis vom Flugzeugbauer Boeing bleibt die Antwort nicht schuldig. In einem Pilottest bekamen Mitarbeiter eine Brille, die ihnen am Arbeitsplatz zeigte, welches Bauteil in welcher Reihenfolge wo in das Flügelsegment eines Satelliten verbaut werden musste. Das Teil blinkte einfach da auf, wo es hingehörte, wenn der Blick auf den Flügel gerichtet war. Die Ergebnisse beeindruckten das Management. Wurde die Bauanleitung am PC gelesen und dann am Arbeitsplatz umgesetzt, gab es im Schnitt acht Fehler beim ersten und vier beim zweiten Versuch. Mit einem Tablet und derselben pdf-Datei direkt neben sich am Werkstück sank die Fehlerzahl dramatisch auf eins beim ersten und eins beim zweiten Versuch. Mit der interaktiven Anleitung virtuell über dem Flügel angezeigt kam der erwünschte Durchbruch: Fehlerquote null in beiden Vergleichen
Boeing habe „90 Prozent weniger Fehler bei 30 Prozent schnellerer Fertigung“ gesehen. „Bei Flugzeugen kann schon die Beseitigung kleiner Produktionsfehler Hundertausende Dollar kosten“, so Davis mit dramatischem Blick ins Auditorium. Es geht hier um Geld, sagt der Blick. Um richtig viel Geld.
Matt Kammerait von DAQRI aus Los Angeles vergleicht das, was vorgeht, mit der Elektrisierung der Fabriken im frühen 19. Jahrhundert. Zuerst gab es eine Steckdose im Unternehmen und da schloss man ein Elektro-Werkzeug an und teilte es sich, malt er die Situation aus. Als dann jede Arbeitsstation Strom bekam, war die Produktivitätssteigerung dramatisch.
Die heutige, traditionelle IT ist wie eine Steckdose: Die Informationen sind in einem Silo, über den Zugang wacht eine Kaste von Mitarbeitern. In der virtuellen Welt des Cloud Computing verbreiten sich die Informationen über das ganze Unternehmen. Jeder, der sie braucht, der hat sie 24 Stunden am Tag zur sofortigen Verfügung. So wie Strom aus der Steckdose. Die Möglichkeiten, speziell für die Industrie, werden immer offensichtlicher, so Kammerait. Die VR-Branche spüre seit kurzem einen regelrechten „Sog“ aus der Wirtschaft.
Schwer atmend kämpft sich der Feuerwehrmann durch den verqualmten Wald. Vor ihm, kaum zu sehen, ein Kollege. Die Datenbrille von Sony zeigt einen Pfeil auf den Mann, seinen Namen, den genauen Standort in Längen- und Breitengrad, und zu welchem Feuerwehrzug er gehört. Beide können jetzt miteinander kommunizieren oder die Einsatzleitung rufen. Die gibt Informationen zur Ausbreitung des Feuers weiter und zeigt, welche Richtungen noch sicher sind. Die Technik hinter der Brille stammt von SAP und dem Start-Up APX. Statt Feuerwehrmann im Wald kann es auch ein Arbeiter in einem Regallager sein. Jede Palette, die er anschaut offenbart sofort ihren Inhalt, wo sie herkommt und wo sie hingeht. Basis ist SAP Hana, eine Echtzeitdatenbank. APX Labs gehören zum Start-up-Pool des deutschen Softwareriesen im Silicon Valley.
Der Optik-Spezialist Zeiss will ebenfalls mitmischen, aber auf einem anderen Gebiet. Sein Betrachter Zeiss-VR One ist wie das Cardboard von Google, „nur mit richtig guten Linsen“, wie Annette Tindal am Stand des Unternehmens erklärt. In das VR-One, wird, wie in Googles Papp-Viewer seitlich ein Smartphone eingeschoben. Auf dem Bildschirm sieht man dann ein stereoskopisch aufgenommenes Photo oder einen Film. Die beiden Bilder fügen sich zu einer 3-D-Ansicht zusammen, die sich 360-Grad-Ansicht erweitert, wenn man den Kopf bewegt. Mittendrin, statt nur dabei.
NextVR aus Los Angeles präsentiert seit Jahresanfang ausgewählte Spiele der Basketball-Liga NBA in virtueller Realität. Ausgestattet mit Samsung-Smartphone und Samsungs Datenbrille GearVR sitzt der Zuschauer am Spielfeldrand und hat einen 180-Grad-Blickwinkel auf das Geschehen. Der Unterhaltungsbereich gehört zu den ersten Ausbreitungsgebieten der virtuellen Realität. So wie mit Facebooks Oculus, die mittlerweile keine 400 Dollar mehr kostet, ging man zunächst mit dem Spiele-PC auf Monsterjagd. Doch selbst hier ändert sich das Bild. Intel zeigte ein System, mit dem die Küche zum Schlachtfeld wird. Monster tauchen hinter dem Toaster auf oder springen auf den Küchentisch. Alles in Echtzeit berechnet und präsentiert als gemischtes Bild auf Tablet oder Datenbrille.
Wer und was sich am Ende durchsetzt, ist schwer zu sagen. Aber das war auch so mit dem Smartphone vor zehn Jahren so. Ein heißer Kandidat jedenfalls ist Magic Leap, ein sehr geheimes Start-up aus Florida, das von Investoren wie Google und Qualcomm massiv mit Risikokapital vollgestopft wird. Magic Leap verspricht ein am Kopf getragenes Gerät, mit dem digitale Objekte realistisch in die echte Umgebung eingebettet werden können. Softwareentwickler werden auf Basis der beiden wichtigsten Systemplattformen für die Spiele-Entwicklung, Unity und, Apps entwickeln. Anders als herkömmliche 3D-Brillen, die zwei Bilder in leicht versetztem Winkel zeigen, um die Dreidimensionalität zu erzeugen, soll Magic Leap angeblich direkt Licht in die Augen des Betrachters projizieren, um den gewünschten holographischen Effekt zu erzeugen. Das angebliche Ergebnis ist in einem spektakulären Video auf Youtube zu bewundern. Wird das Realität oder nicht?
Zumindest ist es Google und anderen 542 Millionen Dollar an Risikokapital wert. Es sieht so aus, als ob das nächste Google Glass schon in Arbeit ist. Allerdings in Florida.