Digitalisierung für den Mittelstand: Deutsche Telekom investiert Millionen in das Start-up Relayr
Mit dem Internet der Dinge hat die Telekom ein lukratives Geschäft für sich entdeckt: Bis 2020 soll der Markt auf 470 Milliarden Dollar wachsen.
Foto: dpaDüsseldorf. Onlinehandel, soziale Netzwerke, Internetsuche: Die führenden digitalen Plattformen wie Amazon, Facebook und Google stammen größtenteils aus den USA, vielversprechende Verfolger wie Alibaba, Tencent und Baidu aus China. Geht es nach Telekom-Chef Timotheus Höttges, dann haben Deutschland und Europa den Anschluss in diesem Bereich längst verloren – aber eine riesige Chance, ein anderes Feld zu dominieren: Die Vernetzung von Autos und Maschinen, Wohnungen und Fabriken, von Experten als Internet der Dinge bezeichnet, sei „eines der größten Wachstumsprojekte, die durch die Digitalisierung möglich werden“, sagte er kürzlich. Dort liege die Stärke Europas, habe man etwas zu gewinnen.
Wie Höttges davon profitieren will, wird an diesem Montag deutlich: Der Dax-Konzern Deutsche Telekom geht mit dem Start-up Relayr eine strategische Partnerschaft ein und beteiligt sich an einer Finanzierung in Höhe von 30 Millionen Dollar als einer der Hauptinvestoren. Beide Unternehmen wollen dem Mittelstand helfen, Maschinen zu vernetzen, jetzt auch gemeinsam – die Telekom soll unter anderem mit ihrer Infrastruktur die Verbindungen herstellen, ob mit dem neuen Mobilfunkstandard 5G oder anderen Technologien.
Die Telekom hat ein lukratives Geschäft ins Auge gefasst. Die Unternehmensberatung Bain & Company prognostiziert, dass der Markt für das Internet der Dinge bis 2020 jährlich zwischen 15 und 20 Prozent auf dann 470 Milliarden Dollar wächst. Die Vernetzung der Industrie, hierzulande unter dem Schlagwort Industrie 4.0 zusammengefasst, macht dabei 85 Milliarden Dollar aus.
Die beiden Relayr-Geschäftsführer haben den Mittelstand im Blick.
Foto: Marc-Steffen Unger für HandelsblattDie Konkurrenz ist allerdings hart. Der deutsche Marktforscher Crisp Research zählt fast 90 Anbieter im Bereich des Internets der Dinge. Industriegrößen wie Siemens, Bosch und GE wollen sich genauso einen Teil des Geschäfts sichern wie die IT-Riesen Microsoft, Amazon und SAP. Dazu kommen zahlreiche Start-ups. Google gab erst am Freitag bekannt, für 50 Millionen Dollar das Start-up Xively mit seiner Plattform fürs Internet der Dinge zu übernehmen.
Dass Europa am stärksten vom Wachstum durch Vernetzung profitiert – wie Höttges hofft –, ist nicht ausgemacht. Aber Politiker wie Unternehmer setzen darauf, dass gerade Deutschland mit seiner großen Fertigungsindustrie und dem starken Maschinenbau vom Spezialwissen profitieren kann.
Relayr ist in der Start-up-Szene eine Größe
In der Berliner Start-up-Szene ist Relayr ein bekannter Name. Das Unternehmen hat eine Plattform entwickelt, mit der Industriekunden die Daten aus Maschinen und anderen Geräten auslesen und analysieren können. Ein namhafter Aufzughersteller nutzt das System zum Beispiel, um die Fahrstühle punktgenau zu warten – also dann, wenn die Messwerte auf einen nahenden Ausfall hindeuten. Und der Industriebetrieb Aluvation, der Anlagen zur Wärmebehandlung von Aluminiumteilen herstellt, wertet mit der Lösung die Daten zahlreicher Sensoren in den Öfen aus. Zu den Großkunden zählt auch General Electric.
Mit diesem Konzept gewann das Unternehmen 2016 den Handelsblatt-Digitalpreis „The Spark“ und überzeugte den renommierten US-Kapitalgeber Kleiner Perkins, der selten im Ausland investiert. Später beteiligte sich auch Munich Re. Nun schließt sich die Telekom dem Kreis an. Welchen Anteil der Konzern erhält, legt er nicht offen, es dürfte sich aber nach Einschätzung aus Branchenkreisen um einen einstelligen Prozentbetrag handeln. Alle Bestandsinvestoren schießen ebenfalls Kapital nach.
Relayr hat große Ambitionen: „Wir haben eine Chance, das Thema Industrie 4.0 zu besetzen“, sagte CEO Josef Brunner dem Handelsblatt. „Wir wollen einen ‚Category Leader‘ in Deutschland aufbauen.“ Man könnte auch sagen: einen Weltmarktführer. Den Börsengang will der 36-Jährige 2020 angehen.
Für die Telekom ist Relayr ein Investment mit strategischer Bedeutung. Der Telekommunikationskonzern will das Geschäft mit dem Internet der Dinge massiv ausbauen: Dafür zieht Ingo Hofacker nun alle Aktivitäten des Konzerns zu diesen Themen in der Telekom-Tochter T-Systems zusammen, wie er dem Handelsblatt erklärte. Die Zahl der Mitarbeiter soll in diesem Jahr auf 700 verdoppelt werden, zudem stehe ein „ordentlicher Investitionsbetrag“ zur Verfügung. Wie hoch dieser ist, will der Manager nicht verraten. Nach Einschätzung aus Konzernkreisen wird er sich wohl auf eine dreistellige Millionensumme belaufen. Das wäre eine deutliche Steigerung im Vergleich zum Vorjahr, in dem die Telekom eine zweistellige Millionensumme in den Bereich investiert haben soll.
Für die Vernetzung von Maschinen und Fahrzeugen hat die Telekom bereits Kooperationen beschlossen. So investierte der Konzern vor einem Jahr 3,1 Millionen Dollar in das Start-up Roambee, das Sensoren und eine Cloud-basierte Software für die Auswertung von Daten entwickelt hat. Die Lösung eignet sich etwa für die Überwachung von Warensendungen. Und bei der Plattform Cloud of Things, über die Kunden ihre Geräte vernetzen können, nutzt die Telekom ein System von Cumulocity, das mittlerweile zur Software AG gehört.
Das strategische Kalkül: Die Telekom hat die Technologie, um die Geräte zu vernetzen und die Daten in die Cloud zu funken – die Partner bieten Sensoren und Plattformen für die Auswertung sowie andere Komponenten. „Ihre vorhandenen Netzinfrastrukturen und Technologiekompetenzen machen Telekommunikationsanbieter zu gefragten Partnern“, schreibt die Unternehmensberatung Deloitte in einer Studie.
Für die Konzerne ist es zudem eine Chance, Einbußen in ihrem Kerngeschäft wettzumachen. Zwar hat die Telekom ihre Umsätze mit Telefon- und Datendiensten in Deutschland zuletzt stabilisiert, doch fehlt dem Dax-Konzern hierzulande noch eine Wachstumsgeschichte, die auch die Fantasie der Aktionäre anregt.
Mehr mit Software beschäftigen
Am Donnerstag wird die Telekom die Bilanz des vergangenen Jahres präsentieren. Experten rechnen nicht mit größeren Überraschungen, war das Geschäft in Deutschland doch zuletzt stabil und lief bei der Tochter in den USA sogar sehr gut. Allerdings wird gerade T-Systems, ebenjene Gesellschaft, die nun das Internet der Dinge vorantreiben soll, wahrscheinlich wieder das Ergebnis belasten. Die Großkundentochter musste bereits in der Vergangenheit hohe Summen abschreiben.
T-Systems Hauptgeschäftsfeld ist es, die IT von anderen Unternehmen zu betreiben. Dort sind aber durch die Digitalisierung und das Cloud-Geschäft die Margen deutlich gesunken. Auch deswegen müssen Konzernchef Höttges und der neue T-Systems-Chef Adel Al Saleh versuchen, andere Geschäftsfelder zu erschließen. Die größte Stärke sind die vielen Kunden im Mittelstand. In den vergangenen Jahren hat sich die Telekom erfolgreich als Digitalisierer dieses Segments positioniert.
Das macht den Dax-Konzern auch als Partner für Relayr so interessant: „Die Telekom ist in unserem Kernsegment, dem deutschen Mittelstand, sehr stark vertreten“, so Relayr-Chef Brunner. Der Telekommunikationskonzern ermögliche zum einen die Verbindung von Maschinen – auch im Ausland.
Zum anderen helfe er, Projekte mit vielen Geräten zu realisieren – ein personalaufwendiges Geschäft. Die Details der Zusammenarbeit stehen noch nicht alle fest. Als mögliche weitere Bereiche der Kooperation nennen beide IT-Sicherheit und Vertrieb. Die Telekom bekommt einen Beiratssitz bei Relayr.
Einfach wird es allerdings nicht für die neuen Partner. Zahlreiche Unternehmen kämpfen um Aufträge und Marktanteile. Experten erwarten für die nächsten Jahre eine Marktbereinigung. Einerseits, weil bisher kein Unternehmen alle Funktionen bieten kann, die ein Kunde braucht – für die Vernetzung sind verschiedene Komponenten nötig, Hardware und Software, Vernetzung und Analyse. Andererseits, weil nicht alle auf Dauer die hohen Investitionen stemmen können und wollen.
Um sich von der Konkurrenz abzuheben, bietet Relayr nicht nur Technologie an, sondern auch Beratung: „Die Kunden wollen keine Pilotprojekte durchführen, sondern ihr Geschäftsmodell transformieren“, sagte Unternehmenschef Brunner. Das sei für Relayr der „Schlüssel zum Erfolg“. Mit dem neuen Kapital will der Manager daher den Vertrieb und den Kundendienst ausbauen, die Zahl der Mitarbeiter soll von 200 auf mittelfristig 300 steigen.
Die Lösung richtet sich primär an Mittelständler. Das Unternehmen hilft zum Beispiel Maschinenbauern dabei, neue Dienstleistungen zu entwickeln. Ein Kompressorenhersteller etwa kann mithilfe des Systems Luftdruck als Service anbieten, anstatt das Gerät zu verkaufen.
Die Sensoren messen die Nutzung genau und warnen frühzeitig vor Fehlern. Die Vorteile für Kunden: Sie müssen keine hohen Investitionen stemmen, sondern haben kalkulierbare Betriebsausgaben. Und sie können dank vorausschauender Wartung sicher sein, dass es nicht zu unerwarteten Ausfällen kommt.
Wenn es um die Vernetzung der Industrie geht, wird der deutschen Wirtschaft grundsätzlich viel zugetraut. „Um die Fertigungsindustrie neu zu denken, braucht es tiefes Know-how – davon haben wir mehr als die USA“, sagte etwa Henning Kagermann, Präsident des Thinktanks Acatech, kürzlich dem Handelsblatt.
Deutschland hat zwar neben SAP und der Software AG keine großen IT-Firmen, aber Maschinenbauer und Fabrikausrüster. „Das deutsche Ingenieurwesen war immer das beste der Welt“, lobte auch Ex-Google-Chef Eric Schmidt am Freitag vor Studenten in München. Bei der Industrie 4.0 sei Deutschland vorn mit dabei, müsse sich aber mehr mit Software beschäftigen.