USA: Amerikas Late-Night-Talker verteidigen Jimmy Kimmel
Washington, San Francisco. Die Nachricht, dass die TV-Show des US-Moderators Jimmy Kimmel abgesetzt wird, hat am Mittwochabend weltweit für Aufsehen gesorgt – und Kritik ausgelöst. Gefreut hat sie derweil Donald Trump. Es sei eine „großartige Nachricht für Amerika“, schrieb der US-Präsident am Donnerstagmorgen auf seinem sozialen Netzwerk Truth Social.
Und fügte hinzu: „Jetzt bleiben nur noch Jimmy und Seth, zwei totale Loser.“ Gemeint sind Jimmy Fallon und Seth Meyers, die ähnliche Shows haben, wie Kimmel sie bislang hatte. Gespannt warteten viele Amerikaner am Donnerstag darauf, wie diese in ihren Sendungen reagieren würden.
Beide versuchten, das Thema mit Komik aufzugreifen. Fallon sprach in seiner „Tonight Show“ über den London-Besuch des Präsidenten und ließ eine andere Stimme über seinen Monolog legen – als wäre die Sendung im Nachhinein umgearbeitet worden, um dem Präsidenten zu gefallen.
Meyers reihte genüsslich alte Aussagen von Trump aneinander, in denen dieser erklärt, wie wichtig Meinungsfreiheit sei und dass er die „Zensur“ durch die Vorgängerregierung beendet habe.
Ohne Pathos kamen beide nicht aus. „Es ist ein Privileg und eine Ehre, Jimmy Kimmel meinen Freund nennen zu dürfen“, sagte Meyers. „Ich wache jeden Tag auf und schätze mich glücklich, dass ich in einem Land lebe, das zumindest vorgibt, Meinungsfreiheit zu schätzen.“
Fallon klang noch weniger optimistisch: „Um ehrlich zu sein: Ich weiß nicht, was los ist, niemand weiß es.“
Kaum Widerstand der Wirtschaft
Was los ist, lässt sich in wenigen Sätzen so erklären: Die US-Regierung macht Druck auf die Unternehmen im Land, sich der Agenda des Präsidenten zu fügen – ob es um Investitionen geht, um Handel oder eben um Berichterstattung. In der Nacht zu Freitag drohte Trump kritischen TV-Formaten offen mit dem Entzug der Sendelizenz.
Nur wenige Unternehmen haben entsprechend bisher öffentlich erklärt, sich dem Druck widersetzen zu wollen. Der Sender ABC, der nun die Kimmel-Show absetzte, gehört zum Disney-Konzern. Getrieben wurde die Absetzung vom ABC-Partner Nexstar. Dieser wiederum braucht für eine Übernahme gerade eine staatliche Genehmigung – ist also vom Wohlwollen der Regierung abhängig.
Im Juli hatte der Sender CBS bereits angekündigt, die „Late Show“ mit Stephen Colbert auslaufen zu lassen. Hinter CBS steht Paramount, das von Trump wegen möglicher Fehler in einer Dokumentation verklagt worden war. Zwischen der Beilegung dieses Rechtsstreits und der Absetzung von Colberts Show lagen nur wenige Tage.
Colbert muss darum inzwischen am wenigsten Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Im Eröffnungsmonolog seiner Show sprach er angesichts der Kimmel-Absetzung von „blanker Zensur“. „Heute Abend sind wir alle Jimmy Kimmel“, erklärte Colbert. „Jimmy, ich stehe zu 100 Prozent hinter dir und deinem Team.“ Das Publikum reagierte mit stürmischem Applaus.
Stephen Colbert wird am deutlichsten
In der Folge vom Donnerstag spielte Colbert den fraglichen Clip aus Kimmels Show vom Montag ein. „Das ist einfach Jimmy Kimmel“, sagte Colbert schulterzuckend. Tatsächlich muss man genau hinhören, um zu verstehen, warum dieser kurze Satz von Kimmel so große Konsequenzen haben konnte.
Kimmel sagte in seiner Sendung, die „Maga-Gang“, also die Anhänger Donald Trumps, würden „verzweifelt versuchen, das Kind, das Charlie Kirk ermordet hat, als etwas anderes darzustellen als einen von ihnen“. Das ist unklar ausgedrückt und lässt sich so verstehen, dass Kimmel den Mörder als Trump-Anhänger bezeichnet – was er nicht ist.
Colbert sagte, es sei klar, dass es bei der Absetzung nicht um einen Satz des Moderators gegangen sei, sondern um die Sorge von Managern bei ABC und Disney vor der Rache der Trump-Regierung.
Colbert verwies auf Trumps Umbenennung des Golfs von Mexiko in „Golf von Amerika“ in der ersten Woche seiner Amtszeit und sagte: „Es geht immer klein los.“ Schon dabei hatte Trump mit Konsequenzen für die gedroht, die die Umbenennung nicht mittrugen. So wurde der Nachrichtenagentur AP die Presseakkreditierung für das Weiße Haus entzogen.
„Bei einem Autokraten darf man keinen Millimeter nachgeben“, so Colbert weiter. „Und wenn ABC denkt, dass das das Regime zufriedenstellt, sind sie beklagenswert naiv.“ Es gehe jetzt um nicht weniger als die Verteidigung der Redefreiheit.
Jon Stewart sendet eine Trump-gerechte Episode
Die Late-Night-Shows in den USA setzen nicht nur auf Humor, sie fassen auch das oft unübersichtliche Tagesgeschehen zusammen. Wer den Tag über nicht immer wieder in die Nachrichtenapps schaut, bleibt so zumindest grob auf dem Laufenden.
Gerade in der Trump-Zeit spielen sie eine wichtige Rolle. Viele Entwicklungen erscheinen so absurd, dass sie sich mit Humor am besten verarbeiten lassen. Satiriker konnten sich bisher bei ihrer Kritik an den Mächtigen auf die sprichwörtliche Narrenfreiheit verlassen – und die Meinungsfreiheit.
Der monarchische Stil Trumps lässt sich im satirischen Format vielleicht besser aufgreifen als in jedem anderen Medium: seine Obsession mit Gold, seine Drohungen gegenüber Journalisten, seine Großspurigkeit, das von ihm eingeforderte Lob durch seine Minister.
Ohne die Kimmel-Absetzung wäre das wichtigste Thema der Sendungen der Staatsempfang gewesen, den das britische Königshaus in dieser Woche Trump bereitete. In der „Daily Show“ versuchte Gastgeber Jon Stewart, eine „Trump-genehme“ Version seiner Sendung anzubieten, in der der Besuch als voller Erfolg gefeiert wird.
Tatsächlich ließ er keinen kritischen Satz über Trump fallen und wiederholte stattdessen nur einige der absurdesten Äußerungen Trumps während der Reise. So pries dieser den Frieden, den er zwischen Aserbaidschan und Armenien vermittelt habe. Allerdings sprach er „Aserbaidschan“ völlig falsch aus und nannte statt Armenien Albanien – das von der Konfliktregion rund 2000 Kilometer entfernt liegt.
Auch bei Stewart ging es um Meinungsfreiheit. Die Republikaner, sonst Verfechter einer sehr weitreichenden Definition von „free speech“, versuchen in Bezug auf das Kirk-Attentat, Grenzen einzuziehen. So sagte Trumps Sohn Donald jr., man dürfe die Kirk-Anhänger nicht „Faschisten“ nennen. Stewart stellte einen Clip dagegen, in dem Trump die Demokraten genau so benennt.
Ob es den Talkshows hilft, wenn sie immer wieder betonen, wie wichtig die Meinungsfreiheit ist und wie sehr das einmal ein Thema der Republikaner war?
Kimmel hatte in seinem kritisierten Auftritt genau darüber gesprochen. Anlass war, dass Trump Klage gegen die „New York Times“ eingereicht hatte. Wegen Verleumdung verlangt er einen Schadensersatz von 15 Milliarden Dollar.