1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Management
  4. Jorge Lemann: Der unbekannte König des Bieres

Jorge LemannDer unbekannte König des Bieres

Der Brasilianer Jorge Lemann herrscht bald über 30 Prozent des weltweiten Biers: darunter Beck's und Fosters. Er selbst bleibt jedoch meist nüchtern – und wollte eigentlich Tennis-Profi werden. 17.10.2015 - 13:30 Uhr Artikel anhören

Jorge Paulo Lemann: Absoluter Leistungswille, keine Egotrips.

Foto: AFP

Es ist ein peinlicher Fauxpas. Da kommt der reichste Brasilianer zu Besuch, der Strippenzieher beim größten Bierkonzern der Welt. Der auch die Geschäfte bei US-Konzernen wie Burger King und Heinz Ketchup dominiert. Und niemand erwartet ihn.

Erst nach einem Anruf lassen Sicherheitsbeamte des Planalto-Palastes Jorge Paulo Lemann durch, er muss den allgemeinen Aufzug nehmen. Aber er wirkt gelassen, ob des ungewöhnlichen Empfangs bei Präsidentin Dilma Rousseff. Und wartet bis der Aufzug kommt. Die Szene aus dem Juni passt zu ihm. Anders als groß aufgestiegene und tief gefallene, zu Protz neigende Investoren Brasiliens ist er ein zurückhaltender Finanzstratege, der wenig auf Status oder Popanz zu geben scheint. Geprägt von protestantischer Arbeitsethik und den Schweizer Wurzeln.

Der Vater war Käsehändler im Emmental, bevor er auswanderte. Mit 25 Milliarden US-Dollar Vermögen wird sein Sohn, der Harvard-Absolvent Lemann bei Forbes auf Platz 26 der reichsten Männer der Welt geführt. Als Ursprung seines Reichtums heißt es dort: „Beer, Self Made“. Dabei ist Jorge Lemann gar kein Biertrinker. Und äußerst diszipliniert: Er steht angeblich um 5.30 Uhr auf und geht meist bis 22 Uhr zu Bett.

Er gibt praktisch keine Interviews, konzentriert sich aufs Geschäft. Und steht nun wohl vor dem Höhepunkt eines vor 26 Jahren begonnenen Einkaufsmarathons in Sachen Biermarken. Der bereits weltgrößte, von ihm und mehreren Geschäftspartnern über die Investmentfirma 3G Capital beherrschte Konzern AB Inbev will den zweitgrößten Bierbrauer SAB Miller für 92 Milliarden Euro übernehmen. Damit würden 30 Prozent des Bieres weltweit künftig vom gleichen Konzern kommen - von Beck's bis Foster's. Übrigens wird AB Inbev von dem Brasilianer Carlos Brito geführt. Lemann ist sein Förderer, die Gewerkschaften sind nicht gerade begeistert vom Saniererkurs am Sitz in Belgien.

Auch mit 76 Jahren wirkt Lemann auf Fotos drahtig, fast asketisch, früher war er Tennisprofi, fünf Mal brasilianischer Meister, spielte in Wimbledon und im Davis Cup, aber es reichte nicht ganz nach oben.

Das französische Traditionsunternehmen BGI / Groupe Castel verkauft nicht nur Bier, sondern auch Wein und Soft Drinks. Insbesondere in Afrika sind die Franzosen mit ihren Marken Castel und Flag gut aufgestellt.

Ausstoß: 29,8 Millionen Hektoliter

*Quelle: Barth-Haas Group/Statista, alle Zahlen für 2014

Foto: www.groupe-castel.com

Die Japaner haben durchaus Sinn für ausgefallene Bierkreationen, entwarfen vor wenigen Jahren ein Frozen Beer. Obwohl die Brauerei, die zum Industriekonglomerat Mitsubishi gehört, ihre Vormachtstellung auf dem Heimatmarkt vor zehn Jahren an Asahi abtreten musste, ist sie global führend.

Ausstoß: 43,1 Millionen Hektoliter

Foto: Reuters

Yanjing ist der Durchstarter in Asien. In rasantem Tempo hat sich das Kleinunternehmen zu einem mächtigen Konzern im asiatischen Raum entwickelt. Die Gründung der Brauerei liegt nur gut 30 Jahre zurück.

Ausstoß: 48,3 Millionen Hektoliter

Foto: Imago

Die Erfinder des Dosenbiers sind auch international längst eine Größe. 2012 übernahm das Unternehmen die tschechische Brauereigruppe StarBev, zu der auch Staropramen gehört. Dadurch gehören die Amerikaner vor allem in Osteuropa zu den führenden Brauern.

Ausstoß: 58,1 Millionen Hektoliter

Foto: ap

Die Chinesen haben ihren Einfluss in den letzten Jahren kontinuierlich ausgebaut. Als einer der Hauptsponsoren der olympischen Spiele von 2008 in Peking hat sich Tsingtao fest etabliert. Bereits seit 1972 vertreibt die Firma ihre Produkte auch in den USA.

Ausstoß: 70,5 Millionen Hektoliter

Foto: ap

Dieses Unternehmen setzt auf Kompetenz aus Europa: Das Joint Venture aus dem chinesischen Unternehmen CR Enterprise und SAB-Miller aus Großbritannien produziert die Marke „Snowbeer“ für den chinesischen Markt. Und das durchaus erfolgreich. Wächst die Marke weiter wie bisher, dürfte bald im Ranking aufsteigen.

Ausstoß: 117,4 Millionen Hektoliter

Foto: Imago

Die Dänen haben sich längst von einer regionalen Marke zum Global Player entwickelt. Zu Carlsberg gehören auch die deutsche Kultmarke Astra sowie Lübzer und Holsten.

Ausstoß: 120,3 Millionen Hektoliter

Foto: dpa

Die Welt trinkt Heineken, möchte man meinen. Die Marke hat sich international längst etabliert. Heineken ist auch an den deutschen Marken Kulmbacher und Paulaner beteiligt.

Ausstoß: 188,3 Millionen Hektoliter

Foto: Reuters

Die britische Brauerei ist berühmt-berüchtigt für das „Miller“. Die ur-amerikanische Marke gehört seit 2002 zum SAB-Miller-Konzern und hat sich die australische Traditionssorte Foster's einverleibt. Bald wird SAB Miller jedoch selbst übernommen – durch den Bier-Riesen AB Inbev

Ausstoß: 191,3 Millionen Hektoliter

Foto: Reuters

Der amerikanisch-belgisch-brasilianische Brauriese kann seinen Marktenteil weiter steigern. Mittlerweile stammt jedes fünfte Bier, das weltweit verkauft wird, aus dem Konzern. Die bekannteste deutsche Marke im Portfolio ist Beck's. Mit der Übernahme von SAB Miller wird AB Inbev den Biermarkt noch stärker als ohnehin auf sich konzentrieren.

Ausstoß: 409,9 Millionen Hektoliter

Foto: dapd

Geprägt von protestantischer Arbeitsethik.

Foto: dpa

Er verlegte die Karriere daher auf ein anderes Feld. Angetrieben vom Wunsch, der Beste zu sein - wobei er selbst sagt, dass ihm Geld gar nicht so wichtig sei. Und es schuf auch Probleme: Nachdem 1999 in São Paulo Kidnapper versuchten, drei seiner fünf Kinder auf dem Weg zur Schule zu entführen, zog er sofort in die Schweiz an den Zürichsee. Er pendelt seither von dort viel nach Brasilien und in die USA.

Seine Investmentfirma 3G Capital hat den Sitz weiter in Brasilien, in der Rua Humaitá nahe der Copacabana in Rio de Janeiro. Es gibt nicht viele Infos, bescheiden wird auf der Internetseite nur aufgelistet, wen man alles schon akquiriert hat: Heinz-Ketchup, Kraft Foods Group, Burger King, die brasilianische Woolworth-Variante Lojas Americanas und eben eine Biermarke nach der anderen. Oberste Maxime von Lemann als Hauptaktionär: Runter mit den Kosten, weg mit Luxus-Privilegien und unnötigen Hierarchien. Absoluter Leistungswillen, keine Egotrips.

„Ich habe noch nie ein so fähiges Management-Team gesehen, wie jenes, das Jorge Paulo Lemann gebildet hat“, sagte Investorenlegende Warren Buffett mal dem US-Sender CNBC. Er arbeitet eng mit Lemann zusammen.

Verwandte Themen
Brasilien
Burger King

Noch im Oktober könnte die 1989 mit der Übernahme des größten brasilianischen Braukonzerns Brahma begonnene Bier-Einkaufstour einen Höhepunkt finden. Mit der Akquise des in Brasilien sehr beliebten Antarctica-Bieres (das dem Namen entsprechend am liebsten fast gefroren getrunken wird) entstand AmBev, der größte Brauereikonzern Lateinamerikas. 2004 kam es mit dem belgischen Konzern Interbrew zur Fusion, der neue Konzern hieß InBev. Dann kam Lemanns größter Coup.

Im Mai 2008 reitet er mit seiner Frau Susanne, Brasiliens Ex-Präsident Fernando Henrique Cardoso und dessen Frau auf Kamelen durch die Wüste Gobi, als sein Blackberry immer wieder vibriert, wie die Biografin Cristina Correa berichtet. Seit Monaten hat er einen Plan ausgetüftelt für die feindliche Übernahme des US-Braukonzerns Anheuser-Busch, der mit Budweiser das meistverkaufte Bier der Welt produziert. Ausgerechnet ein Brasilianer, groß geworden auf dem Surfbrett an der Copacabana, will ein Symbol des US-Kapitalismus erwerben.

Die Pläne sickern durch. August Busch IV will ihn sprechen, aber Lemann bleibt in der Wüste. Und für 52 Milliarden Dollar klappt wenig später der Deal. „Jorge Paulo plant von langer Hand. Immer nach dem Motto: think big“, zitierte jüngst der „Stern“ den Freund Cardoso. Und die Biografin Correa berichtete dem Magazin ein Detail, das viel über ihn verrät. Für das Buch „Sonho Grande“ („Großer Traum“) über die 3G-Gründer Lemann, Marcel Telles and Beto Sicupira bekam sie nur eine Stunde Audienz bei Lemann. „Ich habe vier Jahre gebraucht, um dieses Gespräch zu kriegen“, sagte sie zu ihm. Lemanns Antwort: „Ich habe 20 Jahre gebraucht, um Anheuser-Busch zu kriegen.“

dpa
Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt