Victor Bout: Der Mann, der die Welt mit Waffen versorgte
Viktor Bout im Gefängnis.
Foto: dapdDüsseldorf. Das große, blutige Spiel begann Anfang der 90er-Jahre: Während die Welt nach dem Ende des Kalten Krieges fröhlich zuschaute, wie sich der Westen und der Ostblock annäherten, bekriegten sich die Menschen Teilen von Afrika.
Allein der Bürgerkrieg in Ruanda kostete bis zum Jahr 1999 Millionen Menschen das Leben. Natürlich kann man dafür nicht einem einzigen Mann die Hauptschuld in die Schuhe schieben. Aber fest steht: Ohne Victor Bout hätte es deutlich weniger Leid gegeben. Er hat die Kämpfe durch seine Waffenlieferungen in dieser Form ermöglicht.
Und als es Ruanda ruhiger wurde, schaute sich Bout in Sierra Leone, Angola, Sudan und vielen anderen Ländern um. Vorher hatte er schon dem mutmaßlichen Kriegsverbrecher und ehemaligen liberianischen Präsidenten Charles Taylor entscheidend geholfen, in Liberia die Macht an sich zu reißen. Bout war jahrelang der mächtigste Waffenhändler der Welt. Der Russe hatte zwar starke Konkurrenz, doch er beherrschte den Lufttransport, was ihm lange einen uneinholbaren Vorsprung verschaffte.
Doch was trieb diesen Mann an? War er wirklich unfassbar bösartig oder nur ein gewissenloser Geschäftsmann, von denen es Millionen gibt? Douglas Farah und Stephen Braun sind solchen Fragen nachgegangen. Ihr Buch „Der Händler des Todes“ kommt jetzt auch auf Deutsch heraus – pünktlich zum Start von Bouts Prozess in den USA. Hier muss er sich ab heute verantworten für Verschwörung zum Mord und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung.
Douglas Farah war Afrika-Korrespondent der Washington Post und hat mit „Blood from Stones“ bereits einen Bestseller über den Diamantenhandel geschrieben. Stephen Braun schreibt für die Los Angeles Times und hat den begehrten Pulitzerpreis gewonnen.
Jahrhundertelang wurden in Afrika Fehden mit traditionellen Waffen ausgetragen - bis Victor Bout kam.
Foto: dapdIm November 2010 wird Bout an die USA ausgeliefert.
Foto: dapdDie beiden Journalisten begnügen sich keinesfalls damit, Victor Bout als Schurken dazustellen. Ihre Kritik richtet sich auch gegen die Ermittlungsbehörden, die ihn allzu lange ohne Erfolg gejagt hatten. Das nun erscheinende Buch hat allerdings einen großen Schönheitsfehler: Die englische Originalfassung stammt aus dem Jahr 2007 - da war Bout noch auf freiem Fuß. Vier Jahre sind bis zur deutschen Fassung vergangen. Entsprechend brauchte die Fassung ein Nachwort, das von seiner Festnahme und den Vorgängen bis zum jetzt startenden Prozess berichtet.
Dennoch ist „Der Händler des Todes“ auch jetzt noch äußerst lesenswert, denn es beschreibt die Vorgänge präzise, wie Bout all das gelingen konnte. So steht das Buch unter zwei große Überschriften: Was unterscheidet Victor Bout von all den anderen Waffenhändlern und welche Rolle spielte die westliche Politik in diesem blutigen Spiel?
Die Antwort auf die erste Frage fällt einfacher aus: Weil er in der Lage war, seinen Kunden unter praktisch allen Umständen alles zu liefern, was sie brauchten – und das innerhalb der vorgegeben Zeit. Dass lag vor allem an seiner privaten Luftflotte, die in den 90er-Jahren auf mehr als 60 russische Frachtflugzeuge und einige amerikanische Modelle anwuchs. Zudem hielt er in Afrika das Monopol auf die Wartung und Ersatzteillieferung von russischen Modellen.
Zudem kommt Bout als überaus gerissener Geschäftsmann daher: „Im Gegensatz zu seinen Rivalen war er niemals damit zufrieden, von einem Handel zum anderen zu leben. Er versteht, dass Organisationen das Fundament seines enormen geschäftlichen Erfolges sind“, schreiben die Autoren.
Zudem ergriff Bout nie Partei. Jeder, der kämpfte, war ein potenzieller Kunde. Er war mit allen befreundet, sagten langjährige Geschäftspartner. Im Irak belieferte er nach dem 11. September die US-Truppen, in Afghanistan die Taliban.
Und schnell war er so mächtig, dass er weder vor schießwütigen Rebellenführern noch vor den Behörden westlicher Staaten große Frucht haben musste. Das alles ging nach dem Motto: Töte nie den Postboten, wenn es keinen Ersatz gibt.
Ein schlechtes Gewissen bekam er laut Braun und Farah dabei nicht. Hunderttausende starben durch die Waffen, die er geliefert hatte. Offiziell war Bout Luftfrachtunternehmer. Seine Flieger transportierten auch nicht nur Waffen, sondern auch Hilfsgüter, Blumen oder Rindfleisch. Umso leichter waren die illegalen Geschäfte zu tarnen.
Dazu kommen große Lücken im internationalen Recht, auf die die Autoren immer wieder verweisen: „Waffenhändler müssen heute nur wenige Regeln befolgen, um zu gewährleisten, dass ihre Waffen einer legitimen Armee oder einem Rechtsstaat zugute kommen.“ Bout bewegte sich meistens am Rande der Legalität, aber auf der sicheren Seite.
Aber vor allem kritisieren Braun und Farah die Rolle der USA zwischen 2001 und 2005: „Die einst vielversprechenden Bemühungen, Victor Bouts Netzwerk zu zerschlagen, litten an bürokratischer Schizophrenie.“ Es hätte an Entschlossenheit gemangelt. Zudem soll es ein „kleinliches Zuständigkeitsgerangel“ gegeben haben. Kein Wunder, schließlich war das Verteidigungsministerium selbst Kunde bei Bout und zahlte an seine Firmen Gelder des US-Steuerzahlers.
Doch Farah und Braun beschreiben nicht nur den Geschäftsmann Victor Bout, sondern zumindest in Ansätzen auch den Menschen. Er sei privat höflich, locker, sprachbegabt und charmant. Bei Geschäften allerdings zeige Bout sein anderes Gesicht: pingelig, ungeduldig, überheblich, aggressiv. Auf der einen Seite könne man ihm über alles reden, auf der anderen mangele es ihm aber an Kritikfähigkeit. Mal ist er ein Kontrollfreak, mal ein netter Typ, der mit viel Empathie erkennt, was man von ihm hören will. All das wirkt ein wenig unscharf.
Fest steht nach der Lektüre dieser Biografie, dass heute nicht nur Victor Bout auf der Anklagebank sitzt. Neben ihm sitzen Hunderte korrupte Politiker aus aller Welt, die seine schmutzigen Deals ermöglicht haben. Und dort sitzen auch die Mächtigsten der Welt, die keine Scheu hatten, im Zweifel auch mit ihm Geschäfte zu machen.
Bibliografie:
Stephen Braun, Douglas Farah
Der Händler des Todes. Das Leben des Waffenhändlers Victor Bout
Riva Verlag, München 2011
303 Seiten