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ArbeitsmarktDer große Stellenabbau droht auch Familienunternehmen zu erfassen

In Krisenzeiten verzichten viele Familienunternehmen auf Gewinn, um Entlassungen zu vermeiden. Doch dieses Mal sind auch die Stellen im Mittelstand gefährdet.Martin-W. Buchenau, Anja Müller 12.03.2024 - 09:18 Uhr
Produktion bei Stihl in Waiblingen: Der Motorsägenhersteller erwägt, ein neues Werk in der Schweiz statt in Ludwigsburg zu bauen. Foto: dpa

Düsseldorf, Stuttgart. Der Trend zum großflächigen Stellenabbau droht nun auch die sonst so robusten Familienunternehmen zu erfassen. Der Hausgerätehersteller Miele hat bereits die Öffentlichkeit mit dem geplanten Abbau von 2000 Stellen sowie der Verlagerung von 700 Stellen ins Ausland aufgeschreckt.

Der Motorsägenhersteller Stihl schaffte es vor wenigen Tagen allein mit Überlegungen, ein geplantes Werk statt in Ludwigburg nun in der Schweiz zu bauen, in die „Tagesschau“. Und die Klagen von Unternehmerinnen und Unternehmern über die Bedingungen am Standort Deutschland mehren sich.

Große Konzerne wie SAP und Bayer oder die Stiftungsunternehmen Bosch und ZF hatten in den vergangenen Wochen die Streichung von Tausenden Stellen angekündigt – und Experten rechnen mit einer regelrechten Welle an Stellenstreichungen in der deutschen Wirtschaft. 

Bei vergangenen Wellen wie während der Finanzkrise oder der Corona-Pandemie versuchten Familienunternehmen, sich dem Trend zu entziehen und ihre Mitarbeitenden eher zu halten, verzichteten lieber auf Gewinn. Viele investierten sogar antizyklisch. Doch dieses Mal sind viele Familienunternehmen besorgter – schließlich wird der Stellenabbau nicht nur durch die Konjunktur getrieben, in zahlreichen Branchen ist auch der Druck zur Transformation hoch.

Eine aktuelle Umfrage des Handelsblatts bei mehreren großen deutschen Familienunternehmen zeigt: Sie planen bislang zwar keine großen Personalabbauprogramme, frieren aber nicht notwendige Investitionen ein und besetzen zunächst geplante neue Stellen doch nicht. Die Unternehmen fahren auf Sicht. Nur wenige wollen sich öffentlich äußern. Zu fragil sei derzeit die Situation mit der schwachen Konjunktur bei gleichzeitigem Fachkräftemangel, heißt es.

Miele will 2000 Stellen abbauen, 700 sollen verlagert werden. Foto: dpa

Angelique Renkhoff-Mücke aber spricht die Probleme an: „Die Lage ist so schlecht wie schon lange nicht mehr“, sagt die geschäftsführende Gesellschafterin des Herstellers von Markisen, Rollladen und Jalousien Warema. Sie ist zugleich auch Verhandlungsführerin der Arbeitgeber von Gesamtmetall in Bayern. Sie fügt hinzu: „Besonders besorgniserregend ist die negative Perspektive.“

Sie nimmt zwar „einen Unterschied zwischen mittelständischen Familienunternehmen, die dem Standort, der Region und den Mitarbeitenden eng verbunden sind, und Konzernen wahr, die vom Kapitalmarkt getrieben schnell und kurzfristig Ergebnisse präsentieren müssen“. Aber alle Unternehmen - egal ob Großindustrie oder Mittelstand – müssten sich auf diese länger anhaltende rezessive Phase einstellen, sagt Renkhoff-Mücke.

Nikolas Stihl: „Deutschland ist kein Selbstläufer mehr bei Investitionen“

Der Motorsägenhersteller Stihl fertigt nach eigener Aussage im Hochlohnland Schweiz seit Jahren kostengünstiger als in Deutschland, trotz höherer Löhne, aber mit einer 42-Stunden-Woche.

„Deutschland ist kein Selbstläufer mehr bei Investitionen, vor allem wegen der hohen Bürokratie", sagt Nikolas Stihl, Aufsichtsrats- und Beiratschef des Unternehmens. Es kämen immer neue Gesetze hinzu, es würden aber so gut wie keine abgeschafft.

Nikolaus Stihl: Der Aufsichtsratschef der Stihl AG und Beiratsvorsitzende der Stihl Holding warnt schon länger, dass der Standort Deutschland nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Foto: Pressebild

Seit die Corona-bedingte Sonderkonjunktur bei Gartengeräten vorbei ist, wird auch bei dem schwäbischen Vorzeigeunternehmen spitzer gerechnet. Derzeit ist zwar kein Stellenabbau geplant, und die Prüfung der Standorte kommt erst noch. Allerdings: Seit Oktober gibt es in einigen Bereichen am Stammsitz in Waiblingen Kurzarbeit.

Würth investiert bislang antizyklisch

„Vorsicht an der Bahnsteigkante“, sagt Robert Friedmann in Situationen wie diesen. Der Würth-Chef zählt zu den Unternehmenslenkern, die Krisen früh antizipieren. Das Unternehmen gilt als Frühindikator für die Konjunktur unter anderem wegen seiner vielen Kunden in der Bau- und Autoindustrie.

Friedmann hat bereits früh reagiert und ist im vierten Quartal „voll auf die Bremse getreten“. Bei Würth heißt das, das mit 90 Millionen Euro veranschlagte Holz-Hybrid-Hochhaus für den Verwaltungssitz wird zwar noch fertig geplant, aber der Baubeginn aufgeschoben.

„Wir blicken gespannt auf das zweite Halbjahr, ob und in welcher Ausprägung sich die Marktsituation entspannt“, sagt Friedmann dem Handelsblatt. Entscheidend werde auch sein, wie hoch die erwarteten Zinssenkungen ausfallen und wann die Effekte zum Beispiel bei den Baukunden ankommen. „Vorausgesetzt, dass hier eine deutliche Verbesserung spürbar ist, halten wir am geplanten Stellenaufbau im Vertrieb, in der IT und im Ingenieursbereich fest“, sagt Friedman.

Würth-Chef Robert Friedmann stellt sich auf ein herausforderndes konjunkturelles Umfeld ein. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Denn die Philosophie bei Würth ist antizyklisch geprägt. „Investitionen in den Vertrieb haben uns in der Vergangenheit immer wieder gestärkt aus Krisen hervorgehen lassen“, sagt Friedmann. Dabei könne er sich auf den Rückhalt der Familie, im Besonderen von Reinhold Würth und seiner Tochter Bettina, verlassen.

Im vergangenen Jahr kamen bei Würth 1400 Beschäftigte hinzu. Insgesamt beschäftigt die Gruppe jetzt über 87.000 Mitarbeitende, davon 44.000 im Vertrieb. Ein Drittel der Belegschaft arbeitet in Deutschland.

Der Laserspezialist Trumpf hat schon seit 2022 ein Modell, das Beschäftigungsschwankungen abfedern soll. Auf Konjunkturkonten können inzwischen bis zu 400 Stunden angespart werden, die dann in Krisenzeiten abgebaut werden könnten. 

Familienunternehmen gelten als tief in ihrer Region verwurzelt, die Eigentümer wohnen oft in der Nähe der Unternehmenszentralen und scheuen allein deswegen schon größere Stellenabbaupläne am Stammsitz. Und wenn, dann eher sozialverträglich. Es kommt ihnen gelegen, dass viele Babyboomer jetzt in der Nähe des Rentenalters sind.

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Doch es ist ein schmaler Grat. Denn im Mittestand gibt es nach wie vor nicht nur Fach-, sondern auch Arbeitskräftemangel.

Aktuell gibt es keine tiefer gehenden Studien zum Umgang mit dem Thema Stellenabbau in Familienunternehmen. Der Verband „Die Familienunternehmer“ stellte aber in seiner Quartalsumfrage im Februar fest, dass 14 Prozent der Befragten ihre Stellen reduzieren, 20 Prozent Stellen aufbauen wollen. Im vierten Quartal wollten 24 Prozent aufbauen, 23 Prozent abbauen. Die Lage ist also ambivalent. 

„Die Unternehmer haben den Glauben an den Standort Deutschland verloren“

Blickt man länger zurück, zeigte eine Studie des Wittener Instituts für Familienunternehmen (Wifu), die nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 erstellt wurde, dass viele Familienunternehmen in der Regel nicht massiv Stellen abbauten, sondern eher antizyklisch investierten, erklärt Tom Rüsen, Direktor des Wifu.

Jetzt allerdings zeigten zahlreiche Gespräche mit Familienunternehmerinnen und -unternehmern, dass sich die Stimmung komplett gedreht habe: „Der Glauben an den Standort Deutschland geht verloren“, sagt Rüsen, und das Vertrauen in die Politik. 

Die Familienunternehmer seien in den staatlichen Institutionen nicht mehr geschätzt, sagt Rüsen. „Dieses Gefühl, dass man Deutschland zusammen aufbaut, ist nicht mehr da. Dogmatik hat Pragmatik der letzten 50 Jahre geschlagen.“ Die Unternehmen wachsen zwar noch, aber vor allem im Ausland. Viele Familienunternehmen wie Stihl beschäftigen inzwischen mehr Mitarbeitende im Ausland als im Inland.

Angelika Renkhoff-Mücke warnt: Bei einer lang anhaltenden Stagnationsphase werde am Ende jedoch auch den in der Regel sehr langfristig orientierten Familienunternehmen nichts anderes übrigbleiben, als sich „den widrigen Rahmenbedingungen in Deutschland zu beugen und die Sicherung der Unternehmenssubstanz durch Personalabbau, Produktionsverlagerungen und eine Konzentration auf ausländische Märkte zu begegnen“.

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Angelique Renkhoff-Mücke warnt, dass auch mittelständische Familienunternehmen bei der Erhaltung von Stellen an ökonomische Grenzen stoßen. Foto: Handelsblatt

Im ersten Schritt bedeute dies, dass Investitionen nicht mehr in Deutschland, sondern im Ausland getätigt würden. Und sie fügt hinzu: „Gleichwohl werden die meisten so lange wie möglich versuchen, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden. Genau das stößt jedoch irgendwann an ökonomische Grenzen.“

Erstpublikation: 11.03.2024, 04:37 Uhr.

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