Karlsberg-Brauereichef Christian Weber: Raus aus dem Hamsterrad
Als der Junior übernahm, ging ein Ruck durch die Firma.
Foto: Karlsberg BrauereiHomburg. Christian Weber weiß, dass er das, was er da begonnen hat, zu Ende bringen muss. Auch, wenn es nicht immer einfach ist. Und auch, wenn seine Pläne gerade am Anfang nicht jedem sofort eingeleuchtet haben. Doch er muss es tun, wenn er langfristig Erfolg haben will. Weber, 38 Jahre alt und Generalbevollmächtigter der Karlsberg Brauerei aus dem saarländischen Homburg, verzichtet in diesem Jahr auf mehr als 30 Prozent des Umsatzes, den er bislang mit Bier machte. Mit voller Absicht. Anstatt der üblichen gut drei Millionen Hektoliter, die Karlsberg bislang jährlich erzeugte, sind es 2017 nur noch magere 1,8 Millionen Hektoliter.
Es ist ein „ganz bewusster, strategisch forcierter Abbau“, erklärt Weber. Denn Karlsberg leide seit Jahren unter dem ertragsschwachen Handelsmarkengeschäft im europäischen Ausland und habe deshalb damit begonnen, sich von den Discountern zurückzuziehen. Es mache keinen Sinn mehr, immer schneller immer mehr Menge zu produzieren, wenn am Ende dabei kaum etwas hängen bleibe, sagt der Chef. „Wie im Hamsterrad“ sei er sich vorgekommen, „ein System am Anschlag“.
Doch damit ist nun Schluss. Für Weber ist das eine Lebensaufgabe. Eine Bewährungsprobe, an der er sich messen lassen muss. Die entscheidend sein wird für die Weiterentwicklung des Familienbetriebs. 2012 hat er die Nachfolge seines Vaters Richard Weber angetreten, des „Grandseigneurs“ unter den deutschen Brauern. Für Karlsberg ist es ein großer Einschnitt. Die Holding, zu der nicht nur die Brauerei („Karlsberg“, „Gründel‘s“, „Mixery“) gehört, sondern auch die Mehrheit an der Mineralbrunnen Überkingen Teinach AG („Afri Cola“, „Teinacher“, „Merziger“), erwirtschaftete mit 1.400 Mitarbeitern bislang 460 Millionen Euro pro Jahr. 160 Millionen Euro davon entfielen auf die Brauerei.
„Wachstum entsteht aus einer Phase der Restrukturierung heraus.“
Foto: Karlsberg BrauereiDer vom Chef verordnete Rückgang kann daher nicht spurlos an den rund 300 Brauerei-Mitarbeitern in der Saarpfalz vorbeigehen. Es werden etwa weniger Überstunden als früher ausbezahlt, zudem gehen Mitarbeiter in Altersteilzeit. Betriebsbedingte Kündigungen soll es nicht geben.
Christian Weber, Vollbart, schwarze, lange Haare, klarer Blick, macht das trotz allem keine zu großen Sorgen. Eine starke Marke wie Karlsberg müsse das vertragen, sagt er. Es gilt durchzuhalten. Und: „Wachstum entsteht aus einer Phase der Restrukturierung heraus.“ Sein Ziel: sich konzentrieren auf die Produktion von qualitativ hochwertigem Bier, das vor allem in der Region gefragt ist und Verbundenheit schaffen soll. Und, um überregional weiter an Bedeutung zu gewinnen: endlich wieder innovativer sein, in einer extra eingerichteten „Versuchsküche“ will er neue Produkte entwickeln.
Denn genau das können die Webers ziemlich gut: 1952 fing Paul Weber, Christians Großvater, als Erster damit an, Bier in Dosen abzufüllen. 1996 begann Richard Weber „Mixery“ zu verkaufen – und wurde zunächst belächelt, als er probierte, Cola ins Bier zu geben. Dosen- und Colabier sind heute im Markt Standard. Später, Anfang der 2000er-Jahre, verkauften die Webers sogar einmal einen Minderheitsanteil an den niederländischen Braukonzern Heineken – den sie allerdings 2009 zurückholten.
Experimentierfreudig
Auch wenn die Firma, die 1878 in Homburg gegründet wurde und nichts mit dem dänischen Braukonzern Carlsberg zu tun hat, zu den zehn größten deutschen Brauereien gehört, kann sie in Sachen Bierausstoß nicht mit den Branchenführern – der Radeberger-Gruppe, Bitburger oder Oettinger – mithalten. Aber es sind ebenjene kleinen und großen Experimente, die Karlsberg immer schon ausgezeichnet haben.
Mehr innovative Produkte.
Foto: Iris Maria MaurerAuch, wenn nicht alle immer erfolgreich verliefen. „Ich finde es nicht schlimm, wenn ich in der Branche manchmal als Paradiesvogel gelte“, sagt Richard Weber, heute 73 Jahre alt. Im Gegenteil, er freut sich darüber, eine Sonderstellung einzunehmen. Die wiederum den Sohn inspiriert. „Christian Weber weiß, dass allein Bier zu brauen heute nicht mehr reicht“, sagt Max Häring. Der frühere Vorstandschef der SaarLB ist Vorsitzender des Verwaltungsrats der Karlsberg Brauerei KG Weber und trägt den Strategieschwenk des Juniors komplett mit. Es werde wohl nicht einfach, gibt Häring zu, aber er und seine Gremiumskollegen seien einhellig der Meinung, dass Weber den Wandel hinbekommt. Häring kennt die Familie schon seit mehr als 20 Jahren – und hat miterlebt, welche Ausbildung und Entwicklung der Junior genommen hat.
Und welche Ideen Weber hat. Der junge Chef, der bereits mit 16 Jahren seine Heimat verließ, in Schottland studierte, später in London und Ghana für Nestlé und Heineken arbeitete, will auch darüber nachdenken, was er in Zukunft überhaupt herstellen, was er brauen will. Er legt Wert auf den hochwertigen Brauprozess, für ihn ist das schon fast etwas Magisches. Welches Getränk da am Ende rauskomme, sei im Grunde zweitrangig. Wer wisse schon, ob man in Zukunft überhaupt noch Alkohol zu sich nehmen will – dem steigenden Gesundheitsbewusstsein sei Dank? Und dafür lieber mehr gebraute Limonaden, mit Ingwer zum Beispiel?
Christian Weber hat in seiner Jugend darauf verzichtet, im Familienunternehmen zu arbeiten, kein Ferienjob, kein Praktikum bei Karlsberg. Er wollte die Welt entdecken – sehr zur Freude des Vaters. „Ich habe meine Kinder nie gefragt, ob sie hier einsteigen wollen“, sagt Richard Weber. Vielleicht war genau das der richtige Weg. Denn als der Vater, der geschäftsführende Gesellschafter des Unternehmens, sich zurückziehen wollte, kam der Sohn und habe ihm ein dreiseitiges Papier vorgelegt. Darin stand, wie er sich die Zukunft vorstellt – und der Senior hat unterschrieben. Ein Ruck sei damals durch die Belegschaft gegangen, sagen beide.
Vor zwei Jahren wurde Christian Weber zum ersten Mal Vater. Sein Sohn Paul wächst in Homburg auf. Man wird den Kleinen wohl nicht zu häufig mit ins Unternehmen bringen, ihn nicht fragen, ob er später mal den Vater beerben will – sondern einfach darauf hoffen, dass er nach seiner Ausbildung von alleine darauf kommt.