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Streit zum Firmenjubiläum Haribo-Chef verteidigt umstrittene Werksschließung in Sachsen

Hans Guido Riegel äußert sich erstmals zum Jobabbau in Ostdeutschland. Der Konzernchef skizziert die Zukunftspläne Goldbären-Herstellers – vor allem die USA spielen eine große Rolle.
09.12.2020 - 12:43 Uhr 2 Kommentare
Das Familienunternehmen will sein einziges Werk in Ostdeutschland schließen. Quelle: dpa
Protestbekundungen vor dem Werk in Wilkau-Haßlau

Das Familienunternehmen will sein einziges Werk in Ostdeutschland schließen.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Unter der Haribo-Belegschaft im sächsischen Wilkau-Haßlau war die Stimmung schon besser: „Haribo machte mich mal froh, das ist leider nicht mehr so“, steht als Inschrift auf Goldbären-Grabsteinen, die Mitarbeiter vors dortige Werk gelegt haben. Mit Laternen und Liedern protestierten die rund 150 Beschäftigten jüngst gegen die Schließung der einzigen Produktionsstätte von Haribo in Ostdeutschland.

Ausgerechnet zum 100-jährigen Firmenjubiläum hatte der Weltmarktführer für Fruchtgummi und Lakritze vor vier Wochen überraschend verkündet, das Werk bei Zwickau bis Jahresende zu schließen.

„Kurz vor Weihnachten setzt Haribo seine Beschäftigten auf die Straße. Das ist eine Riesensauerei“, wetterte Thomas Lißner von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) unter dem Beifall der Demonstranten.

„Die Entscheidung ist uns alles andere als leichtgefallen“, meldet sich nun erstmals Familienunternehmer Hans Guido Riegel zu Wort. „Zur unternehmerischen Verantwortung gehört auch, unpopuläre Entscheidungen zu fällen, wenn es notwendig ist“, sagte der sonst öffentlichkeitsscheue Enkel des Firmengründers dem Handelsblatt.

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Standort erkennen

    Für das Werk in Wilkau-Haßlau wären unverhältnismäßig hohe Investitionen nötig, um die Produktionsabläufe konsequent auf die zukünftigen Anforderungen auszurichten, so der geschäftsführende Gesellschafter der Haribo-Gruppe.

    Der Haribo-Chef nimmt erstmals zu der umstrittenen Werksschließung in Ostdeutschland Stellung. Quelle: Uwe Kiebel für Haribo
    Hans Guido Riegel

    Der Haribo-Chef nimmt erstmals zu der umstrittenen Werksschließung in Ostdeutschland Stellung.

    (Foto: Uwe Kiebel für Haribo)

    Kurz nach der Wende hatte Haribo den einstigen Volkseigenen Betrieb Süßwarenfabrik Wesa übernommen. Gegen Vorwürfe, es seien von dort Millionengewinne abgezogen, aber zu wenig investiert worden, wehrt sich der 55-Jährige nun vehement: „Wir haben in den 30 Jahren, in denen wir das Werk betrieben haben, einen zweistelligen Millionenbetrag in Gebäude, Maschinen und Infrastruktur investiert und das Werk kontinuierlich wettbewerbsfähig gehalten.“

    Der Standort habe aber schon „allein aufgrund seiner baulichen Substanz nicht über die notwendigen Entwicklungsmöglichkeiten“ verfügt. Die Corona-Pandemie habe dann den Entschluss, das Werk zu schließen, noch beschleunigt: Absatzkanäle wie Duty-free-Shops, Bahnhöfe, Kioske oder Kinos seien von Corona massiv betroffen. „Insgesamt fehlt uns dadurch ein Volumen, das der dreifachen Menge der Jahresproduktion des Werkes in Wilkau-Haßlau entspricht.“

    Thomas Gottschalk appelliert an Haribo

    Die Haribo-Mitarbeiter, die um ihre Arbeitsplätze kämpfen, erhielten indes zuletzt prominenten Zuspruch. Thomas Gottschalk, langjähriger Werbepartner des Unternehmens, zeigte sich tief enttäuscht: „Wenn man sich auf die Fahne geschrieben hat: ‚Haribo macht Kinder froh – und Erwachsene ebenso‘, muss man das auch als Arbeitgeber ernst nehmen“, sagte der Entertainer dem „Kölner Express“.

    Gleichzeitig zeigte sich Gottschalk überzeugt, der 2013 verstorbene Unternehmer Hans Riegel junior hätte das ähnlich gesehen – ein Nadelstich gegen dessen Nachfolger. „Wie mein Onkel entschieden hätte, ist eine spekulative Frage“, reagiert nun Hans Guido Riegel. „Aber eines ist glasklar: Er hat immer großen Wert auf die Unabhängigkeit von Haribo als Familienunternehmen gelegt.“

    Dazu habe immer auch die Überzeugung gehört, dass Haribo als mittelständisch geprägtes Unternehmen im Wettbewerb mit den großen Konzernen der Branche nur bestehen könne, wenn das Unternehmen auf allen Ebenen wirtschaftlich arbeitet.

    Gegenwind bekommt Haribo auch aus der Politik. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) meldete sich in einer Mitteilung der Gewerkschaft zu Wort: „Dass Haribo sein hochprofitables und einziges ostdeutsches Werk schließen will, ist ein Schock und sollte dringend von der Geschäftsführung überdacht werden.“

    Protest vor dem Haribo-Werksgelände mit Corona-Abstand. Quelle: dpa
    Lichterkette gegen das Aus in Wilkau-Haßlau

    Protest vor dem Haribo-Werksgelände mit Corona-Abstand.

    (Foto: dpa)

    Er appellierte an die Unternehmensführung, ihre soziale Verantwortung wahrzunehmen. „Wir waren überrascht von diesen Äußerungen, denn wir hätten ihm gern unsere Sichtweise vorab erklärt“, sagt nun Herwig Vennekens, Geschäftsführer der Haribo-Gruppe.

    „Wir wissen, dass die Schließung des Werkes persönliche Schicksale betrifft. Deshalb verhandeln wir derzeit einen Sozialplan, der über die sonst üblichen Regelungen hinausgeht“, betont auch Riegel. Je nach Lebenssituation biete Haribo den Mitarbeitenden einen Wechsel in ein anderes Werk an oder unterstütze sie dabei, eine neue Beschäftigung in der Region zu finden.

    Durch die Betriebsschließung im Osten bekommt die glänzende Marke trotzdem überraschende Kratzer. Überraschend auch, weil Haribo laut Analysefirma Service Value hinter Amazon und Lego die „faszinierendste Firmenmarke“ für deutsche Kunden ist. Untersucht wurden im Sommer knapp 2400 Unternehmen.

    Mit Traditionen gebrochen

    „Von der Hinterhofküche zum Weltmarktführer“ – so betitelt Haribo seine Erfolgsgeschichte. Bonbonkocher Hans Riegel senior machte sich 1920 in Friesdorf bei Bonn selbstständig. Der Firmenname leitet sich aus den ersten Buchstaben von Vor- und Nachnamen sowie Wohnort des Gründers ab. Mit seiner Frau Gertrud lieferte er die Süßigkeiten einst noch per Rad aus. 1922 erfand Riegel einen „Tanzbären“ aus Fruchtgummi. Der daraus entstandene Goldbär machte Haribo später weltberühmt und ist heute noch der Bestseller.

    Lakritzschnecken erweiterten das Sortiment. Mitte der 1930er-Jahre prägte Riegel den legendären Werbespruch: „Haribo macht Kinder froh.“ 1945 verstarb der Gründer an einem Herzinfarkt. Zunächst übernahm seine Witwe die Leitung, dann folgten die Söhne Hans und Paul, die aus Kriegsgefangenschaft zurückkamen.

    1962 wirbt Haribo erstmals im Fernsehen, allein 24 Jahre mit TV-Entertainer Gottschalk. Das Geschäft wächst in ganz Europa stetig. 1986 wird die Kaubonbonmarke Maoam zugekauft. 2009 stirbt Paul Riegel, zuständig für Technik und Produktion. Bruder Hans junior kann nicht loslassen.

    Bis zu seinem Tod 2013 führt er mit 90 Jahren noch die Geschäfte. Der kinderlose Patriarch hatte sich zuvor mit seinem Neffen Hans Guido überworfen.

    Bis zu seinem Tod 2013 führt er mit 90 Jahren noch die Geschäfte. Quelle: dpa
    Hans Riegel jr. im Oktober 2009

    Bis zu seinem Tod 2013 führt er mit 90 Jahren noch die Geschäfte.

    (Foto: dpa)

    Das Unternehmen gehört zur Hälfte der Stiftung von Hans Riegel junior und zur anderen Hälfte den Nachfahren von Paul Riegel. Hans Guido Riegel begann als Geschäftsführer, Haribo zu modernisieren, und brach mit Traditionen. Das Stammwerk zog 2018 von Bonn ins benachbarte Grafschaft um. Riegel treibt die Internationalisierung voran. Denn der Heimatmarkt, wo Haribo fast 60 Prozent Marktanteil hat, ist weitgehend gesättigt.

    Haribo produziert heute an 16 Standorten in zehn Ländern und beschäftigt mehr als 7000 Mitarbeiter, davon rund 3000 in Deutschland. Der Umsatz wird auf mehr als drei Milliarden Euro geschätzt.

    Doch in den vergangenen Jahren lief nicht alles rund. Etliche Manager wechselten sich schnell ab: „Veränderungsprozesse laufen in aller Regel nie völlig ohne Ruckeln ab“, konstatiert Riegel gegenüber dem Handelsblatt.

    „Um die Veränderungen voranzutreiben, haben wir auch externe Managerinnen und Manager mit einem anderen Organisationshintergrund und neuen Ideen an Bord geholt“, erklärt er. „Wie auch andere Unternehmen machen wir die Erfahrung, dass das nicht immer perfekt läuft.“

    „Widerspruch war nicht immer erwünscht“

    Heute habe Haribo eine „kluge, gut funktionierende Mischung im Management gefunden – aus langjährigen Haribojanern und Externen, die andere Perspektiven einbringen“. In den ersten beiden Generationen war die Unternehmenskultur von Haribo dagegen sehr stark von den Gründungspersönlichkeiten geprägt, erklärt der Gründerenkel. „Mein Vater und mein Onkel waren sehr charismatisch und fällten Entscheidungen manchmal auch aus dem Bauch heraus.“

    So waren Führung und Entscheidungswege stark auf sie zugeschnitten. „Das hatte auch zur Folge, dass Widerspruch nicht immer erwünscht war“, räumt Riegel offen ein.

    Doch nicht nur im Management ruckelte es. Probleme mit neuer Software führten zuletzt zu Lieferproblemen. Die Umsätze hierzulande brachen 2018 um fast zehn Prozent ein. Neue Produkte verkauften sich schleppend. Erst mit der Rückbesinnung auf den Goldbären fand Haribo 2019 wieder auf den Wachstumspfad zurück.

    Das Familienunternehmen hat es in 100 Jahren zur Weltmarke gebracht. Quelle: dpa
    Haribo-Werbung aus den 1950er-Jahren

    Das Familienunternehmen hat es in 100 Jahren zur Weltmarke gebracht.

    (Foto: dpa)

    Das Coronajahr begann für Haribo mit einem extrem starken Quartal. Das wurde ab Mitte März durch die Pandemie ausgebremst. „Der in vielen Ländern erlassene Lockdown hatte einen negativen Einfluss praktisch überall dort, wo Verbraucher aufgrund der Einschränkungen nicht in gewohnter Weise einkaufen“, sagt Geschäftsführer Vennekens.

    Hinzu kam ein Streit mit Supermarktketten. Bei Lidl und Edeka waren seit Wochen so gut wie keine Haribo-Artikel mehr zu finden. Beide verweigerten sich Haribos Preiserhöhungen. „Haribo hat seit vielen Jahren keine Preiserhöhung durchgeführt“, betont Vennekens. „Wir halten Preiserhöhungen vor dem Hintergrund allgemein gestiegener Preise für Löhne, Rohstoffe und Energie daher für gerechtfertigt.“ Mit Edeka gab es offenbar mittlerweile eine Einigung. Dort seien die Regale inzwischen wieder gefüllt.

    In den USA entsteht erstmals ein Haribo-Werk

    Große Hoffnungen setzt Haribo auf den US-Markt. Mit mehrjähriger Verzögerung entsteht im Bundesstaat Wisconsin derzeit das erste Haribo-Werk in Nordamerika. „Der US-amerikanische Markt ist für uns sehr wichtig. Diese Position können wir nur halten, wenn wir in diesem hart umkämpften Markt auch auf Dauer mit einer Produktion vor Ort sind, um schnell und flexibel auf Anfragen zu reagieren“, sagt Vennekens.

    Das neue Werk wird voraussichtlich Ende 2022 mit der Produktion beginnen. In der ersten Phase sollen bis zu 385 Arbeitsplätze entstehen. Der Bundesstaat Wisconsin hat für den Bau, der 2017 mit rund 245 Millionen Dollar veranschlagt worden war, hohe Steuererlässe in Aussicht gestellt.

    Die Chancen stehen gut, dass Hans Guido Riegel das neue Werk als Geschäftsführer eröffnet. Spekulationen, wonach er sich schon Ende dieses Jahres aus dem operativen Geschäft an die Spitze des Aufsichtsrats zurückzieht und dort seinen Bruder ablöst, weist er gegenüber dem Handelsblatt zurück. „Solche Pläne gibt es derzeit nicht“, stellt er klar. „Ich habe weiterhin große Freude daran, dieses großartige Unternehmen zusammen mit unseren Haribojanern auf der ganzen Welt in die nächsten 100 Jahre zu führen.“

    Die Frage, ob Haribo ein Familienunternehmen bleiben soll, beantwortet der Gründerenkel mit einem „klaren Ja“.

    Mehr: Haribo: „Wir haben den Goldbären aus den Augen verloren.“

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    2 Kommentare zu "Streit zum Firmenjubiläum: Haribo-Chef verteidigt umstrittene Werksschließung in Sachsen"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Ein Beispiel für soziale Verantwortung eines Familienunternehmens.
      Wie in einer Bananenrepublik. Millionen Euros an Fördergelder kassiert; die Laufzeit der Verträge erfüllt, und jetzt schließen.
      Welche ausgemachte Idioten sprechen jetzt noch von unternehmerischer FÜRSORGE bezüglich der Mitarbeiter.
      Veritas filia temporis
      Die Wahrheit ist die Tochter Ihrer Zeit.

    • Da hat der Herr Riegel eine sehr unglückliche Hand! Sicherlich war diese Entscheidung zur Schließung dieses Werkes zum aktuellen Zeitpunkt mehr als unglücklich, davon abgesehen, ob die überhaupt notwendig war. Schließen von Werken, die zuvor steuerlich gefördert wurden, ist immer ein spezielles Thema mit "Geschmäckle"

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