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Mittelstand Digitalisierung klappt nur durch Kooperation

Neue Impulse, neue Köpfe, Sparringspartner auf Augenhöhe – das alles finden Familienunternehmen im Berliner „Maschinenraum“. Ihre Zielsetzung: Das Geschäftsmodell digitalisieren.
08.06.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Maschinenraum bringt deutsche Mittelstands- und Familienunternehmen zusammen, um eine wünschenswerte Zukunft für kommende Generationen zu schaffen. Quelle: Maschinenraum
Maschinenraum

Maschinenraum bringt deutsche Mittelstands- und Familienunternehmen zusammen, um eine wünschenswerte Zukunft für kommende Generationen zu schaffen.

(Foto: Maschinenraum)

Düsseldorf Die Eröffnungsfeier war für den 26. März geplant, sogar Kanzleramtsminister Helge Braun hatte sich angekündigt. Auf dem Programm stand die Einweihung des Berliner „Maschinenraums“. Auf der eigens dafür umgebauten 4.500 Quadratmeter großen Fläche sollen sich Mittelständler vernetzen, die die Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle ernsthaft angehen wollen. Schon vor drei Jahren hat sich der Heizungs- und Klimaspezialist Viessmann aufgemacht, das Projekt voranzutreiben. Die Motivation: Die Digitalisierung erfordere mehr Kooperation zwischen den Mittelständlern, aber auch von Mittelständlern mit Start-ups, Digitalagenturen und Programmierern – sprich mit dem ganzen Berliner Mikrokosmos.

Durch die Coronakrise kam alles anders. Die Feier wurde abgesagt, physische Treffen waren nicht mehr möglich. Dennoch fungiert die Krise als Treiber für die Vernetzung, viele Mittelständler haben sich angesichts der großen Herausforderungen zusammengefunden. Denn das Bedürfnis nach Vernetzung im Mittelstand steigt. Vielen wird vor allem in diesen schwierigen Zeiten immer klarer, dass es nicht mehr reicht, allein Innovationen zu forcieren, man braucht neue Gedanken, neue Impulse, neue Köpfe und Sparringspartner auf Augenhöhe.

Eine aktuelle Studie der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung in Vallendar offenbarte den Handlungsdruck in aller Deutlichkeit: „Wer nicht kooperiert, stirbt“, kommentierte Nadine Kammerlander, Professorin für Familienunternehmen an der WHU das Ergebnis der Studie: Es würde nicht grundsätzlich an Innovationen fehlen. Aber viele Unternehmen täten sich schwer damit, bahnbrechende Neuerungen auf den Markt zu bringen, auch wenn sie dies in der Vergangenheit bereits geschafft hätten. Ihre klare Empfehlung: mit anderen Unternehmen zusammenarbeiten.

Genau das passiert gerade. Landauf, landab haben sich seit dem Lockdown hierzulande viele Mittelständler und Familienunternehmen verbündet. Sie tauschten sich regelmäßig in Zoom-Meetings und Break-out-Sessions mit dem Wittener Institut für Familienunternehmen aus, sie kamen über die Stiftung Familienunternehmen ebenfalls virtuell zusammen, wie Geschäftsführer Stefan Heidbreder bestätigt. „Der Bedarf nach Austausch ist enorm“, sagt er. Zumal Veranstaltungen, wie der Tag des deutschen Familienunternehmens, derzeit nicht stattfinden können. Viele Familienunternehmen haben durch die Coronakrise verstanden, dass es überlebenswichtig ist, von und mit anderen zu lernen.

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    Es fehlt an Ressourcen, Fähigkeiten und Zeit

    Im Berliner „Maschinenraum“ haben sich inzwischen 14 Familienunternehmen zusammengefunden, erzählt Geschäftsführer Tobias Rappers. „Wir haben hier die versammelt, die schon jetzt den Nutzen sehen. Die Erkenntnis, dass man kooperieren muss, ist da, aber noch nicht bei allen Mittelständlern angekommen.“ Die Firmen können erst einmal für ein Jahr Mitglied werden und innerhalb des Ökosystems ihre eigenen kleinen Denkfabriken oder Einheiten schaffen, die bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle eine aktive Rolle spielen.

    Namhafte Unternehmen wie Knauf, Phoenix Contact, Fiege Logistik und Paracelsus Kliniken nutzen den Berliner „Maschinenraum“. Die Jahresmitgliedschaft kostet zwischen 15.000 und 25.000 Euro. Rund 100 Mitglieder sollen es mal werden, sagt Geschäftsführer Rappers. „Wir fokussieren uns auf Unternehmen die mehr als 300 bis 400 Millionen Euro Umsatz pro Jahr generieren oder mehr als 1.000 Mitarbeiter beschäftigen.“ Mit Blick auf die Digitalisierung würden viele Unternehmen zwei Fragen besonders umtreiben: Was lernen wir von den Start-ups und wie können wir ganz konkrete Umsetzungsprobleme lösen. Der Bedarf sei definitiv da und, so fügt Rappers an: „Es fehlt vielen Mittelständlern an Ressourcen, Fähigkeiten und Zeit.“

    Die Coronakrise bremst und beschleunigt die Kooperationen zugleich. Treffen vor Ort gehen natürlich auch im „Maschinenraum“ nicht. Nur rund 30 bis 40 Mitarbeiter von Mittelständlern arbeiten derzeit in den Räumen, vor Corona waren es 90 bis 120. Die Mitglieder haben allerdings andere Wege gefunden, sich auszutauschen, bestätigt André Jung, Chief Product Officer beim Aufzugshersteller Vestner, einem vor 90 Jahren gegründeten Familienunternehmen aus München.

    Mit fünf Kollegen sitzt der „Vollblut-Maschinendigitalisierer“ im „Maschinenraum“, zwölf sollen es bald werden. Dabei ist Vestner im Vergleich schon ziemlich weit mit seinen Digitalisierungsbemühungen. „Wir haben die Stufen eins bis fünf bereits hinter uns“, sagt Jung, der zwei Jahre im Silicon Valley gearbeitet hat. Die Vernetzung dort sei ein wirklicher Wert gewesen. In Berlin habe man das auch. „Wir wollen durch Austausch, Inspiration und Stimulation im Bereich Maschinendigitalisierung nun die nächsten Stufen gehen“, erklärt er.

    Es braucht einen vertrauensvollen Kreis

    Man sei in ständigem Austausch mit Firmen, die sich auch mit dem Thema Digitalisierung innerhalb von Gebäuden beschäftigten. Dabei geht es zum Beispiel um Serviceroboter wie Reinigungsroboter, die selbstständig mit den Aufzügen kommunizieren könnten, von Maschine zu Maschine. „Ohne Partner und ohne Austausch geht das nicht“, ist Jung überzeugt. Aber: Wenn man voneinander lernen wolle, dann gehe das nur in einem vertrauensvollen Kreis.

    Deutschland als das Land der Innovationsführer habe nun eine wahnsinnig große Chance durch „die Erschließung neuer Geschäftsmodelle neue Maßstäbe“ zu setzen, findet Jung. „Hierzulande ist viel Wissen, hier gibt es viele langjährige Kundenbeziehungen.“ Dieses Wissen in digitale Einheiten einzubringen, das sei eine unschlagbare Kombination. „Die Unternehmen, die sich hier engagieren, sprechen dieselbe Sprache und haben auch die gleichen Herausforderungen“, so „Maschinenraum“-Geschäftsführer Rappers. Zugleich sieht er aber auch Lücken im deutschen Mittelstand. So sei zum Beispiel die Methodik des Design-Thinking, ein Ansatz, der zum Lösen von Problemen und zur Entwicklung neuer Ideen führen soll, bei vielen Mittelständlern noch nicht angekommen.

    Hubert Fritschi, Bereichsleiter Digitalisierung beim Bauelemente-Hersteller Schöck-Gruppe, verspricht sich viel von den Kooperationen im „Maschinenraum“. Das von Eberhard Schöck 1962 gegründete Familienunternehmen mit rund 1.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 200 Millionen Euro sucht nach der nächsten bahnbrechenden Innovation. Der Unternehmensgründer hatte eine solche einmal entwickelt. Der sogenannte Isokorb – ein tragendes Wärmedämmelement – verhindert, dass durch den Anbau, zum Beispiel von Balkonen, zu viel Wärme aus dem Gebäude abfließt.

    Austausch „zur Validierung eigener Ansätze“

    Fritschi sucht den Austausch mit anderen Unternehmen erstens „zur Validierung eigener Ansätze“ und zweitens für die „Anbahnung von Kooperationen mit anderen Unternehmen“. Man habe bei Schöck auch schon über die Innovationsfalle gesprochen, also dass man vor sich hin innoviert, aber das wirklich Neuartige fehlt. „Dafür braucht man freidenkende und querdenkende Menschen, dafür ist der Kontakt mit den anderen Mittelständlern so wichtig und der klappt jetzt eben schon mal digital“, resümiert der Digitalchef.

    Noch sei allerdings „nichts bahnbrechend Neues“ entstanden, aber der Weg sei schon vorgezeichnet, sagt Fritschi. Man wolle sich bei der zunehmenden Vernetzung in der Baubranche mehr und früher einbringen und den Kunden, das sind Architekten und Planer, aber auch Bauunternehmen und Fertigteilwerke, bei der Automatisierung helfen. „Je früher wir uns in dem digitalen Planungsprozess integrieren können, desto einfacher der Prozess, und umso wahrscheinlicher wird unser Produkt eingesetzt“ , lautet sein Resümee.

    „Maschinenraum“-Geschäftsführer Rappers sieht vor allem drei wichtige Punkte, damit die Mittelständler die nächste Digitalisierungsstufe erreichen. Erstens, das Vernetzen und Sichtbarmachen des Mittelstands innerhalb des Innovationsökosystems in Berlin. „Wir bekommen zum Beispiel Bewerbungen von Uniabsolventen, die hatten die Möglichkeit, unmittelbar mit dem Mittelstand an Innovationsprojekten zu arbeiten, gar nicht auf dem Schirm.“ Dabei ist es eine der dringlichsten Aufgaben, Talente anzuziehen, und zwar dort, wo sie am liebsten sind.

    Es ist wichtig, Prototypen zu testen

    Zweitens, Austausche fördern, Erfahrungen teilen. „Die Corona-Zeit war der Lackmustest“ urteilt Rappers. Viele hätten sich zum Beispiel damit beschäftigt, wie sie mit Blick auf die Kommunikation Mitarbeiter in der Produktion erreichen. Bei der Gelegenheit war zum Beispiel die Viessmann-App Vto Go als Best-Practice-Beispiel in der Runde diskutiert worden. Der Vorteil einer Mitarbeiter-App: Sie kann auf dem Mobiltelefon installiert werden, um die Mitarbeiter jederzeit zu informieren, auch wenn sie in der Werkshalle stehen, oder vielleicht krank daheim sind. „Herausgekommen ist dabei: Man muss die ganze Organisation mit auf die Reise nehmen.“

    Ganz wichtig bei all der Kooperation, so Rappers, sei aber drittens auch, dass Ziele erreicht und umgesetzt würden, auch wenn sie noch nicht zu 100 Prozent zu Ende gedacht seien. „Viele Unternehmen haben die Ideen auf Lager, aber ihnen fehlt die Fähigkeit, die Erkenntnisse zu validieren, Prototypen zu testen.“

    Klar ist, dass jeder Mittelständler seinen eigenen Weg in die Digitalisierung, Vernetzung und Kooperation gehen muss. Dabei geht es auch oft um die Strategie: Soll man ein Start-up kaufen, mit einem kooperieren oder ein eigenes hochziehen? Oder ist vielleicht eine Kooperation mit anderen Mittelständlern die beste Lösung? All diese Fragen lassen sich aber in jedem Fall besser beantworten, wenn man sich vorher mit anderen Mittelständlern ausgetauscht hat. Der „Maschinenraum“ will auch dabei helfen, die Ergebnisse der jeweiligen Überlegungen systematisch aufzuarbeiten. So entstehe, sagt Rappers, ein „selbstlernendes System“.

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