Start-up-Check: So will das Unternehmen One.Five den Verpackungsmarkt verändern
Düsseldorf. Vom Joghurtbecher bis zur Zahnpastatube – Plastikverpackungen sind allgegenwärtig. Jährlich werden weltweit rund 350 bis 400 Millionen Tonnen Kunststoff produziert, mehr als 40 Prozent davon für Verpackungen. Der Werkstoff ist billig und vielseitig – aber schwer zu recyceln. Deshalb will die EU ab 2030 nicht recyclingfähige Verpackungen verbieten.
Genau hier setzt das Hamburger Start-up One.Five an. Das Unternehmen setzt Datenmaterial und KI zur Entwicklung wiederverwertbarer Biokunststoffe ein, um die Kreislaufwirtschaft zu fördern. Bisher entstehen so recyclingfähige Verpackungen für unterschiedliche Produkte. Künftig will One.Five seine Plattform entlang der gesamten Verpackungslieferkette anbieten.
Für diesen Ansatz hat das Start-up in der jüngsten Finanzierungsrunde 14 Millionen Euro eingesammelt, was dem Handelsblatt exklusiv vorab von Unternehmensvertretern bestätigt wurde. Den Informationen zufolge gehören zu den Investoren unter anderem die Dr. Hans Riegel Holding GmbH, Mitgesellschafter von Haribo.
Wer steckt dahinter?
One.Five wurde von Claire Hae-Min Gusko und Martin Weber gegründet, die zuvor beim Berliner Agrartechnologie-Unternehmen Infarm tätig waren. Bei dem Vertical-Farming-Start-up hatten beide eng mit dem dortigen Gründerteam zusammengearbeitet. „Wir sind sehr untypische Gründer, wir kommen nicht aus dem Verpackungsmarkt und sind auch keine Wissenschaftler“, sagt Gusko. Gusko hat Jura studiert, Weber ist Betriebswirt. Der Wunsch, selbst ein Unternehmen zu gründen, sei während der Zeit bei Infarm gewachsen.
Die Idee zu One.Five entstand erst nach dem gemeinsamen Ausstieg bei Infarm. Rund sechs Monate lang arbeiteten die beiden an verschiedenen Ansätzen, zunächst ohne konkrete Geschäftsidee. Klar war lediglich, dass sie einen messbaren Beitrag zu Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz leisten wollten. In dieser Phase habe sich der Fokus auf Verpackungen im Konsumgüterbereich und einen datengetriebenen Ansatz herausgebildet.
Was macht One.Five?
One.Five will Unternehmen dabei unterstützen, die passende nachhaltige Verpackung für ihre Produkte zu finden. Kern des Geschäfts ist eine selbst entwickelte, KI-gestützte Plattform namens „Quartermaster“: Diese gleicht Produktanforderungen systematisch mit möglichen Verpackungsmaterialien ab. Berücksichtigt werden technische Eigenschaften wie Schutz und Haltbarkeit ebenso wie regulatorische Vorgaben, Kosten und Erwartungen von Endkunden.
Die Plattform analysiert, welche Anforderungen ein Produkt realistisch erfüllen muss, und leitet daraus ab, welche Eigenschaften unverzichtbar sind und wo die Verpackung überdimensioniert ist.
Ein Molkereiunternehmen wollte seine Verpackung nachhaltiger gestalten und legte dafür ein Profil mit den Barrierewerten vor – Angaben zum Schutz vor Sauerstoff und Feuchtigkeit.
Diese Werte lagen rund siebenmal so hoch wie erforderlich. „Dadurch hat das Unternehmen über Jahre Verpackungslösungen ausgeschlossen, die eigentlich geeignet gewesen wären“, sagt die Mitgründerin. Genau solche Fälle will One.Five mit seiner Lösung vermeiden. Auf dieser Grundlage entwickelte das Start-up eigene Verpackungen, etwa die Hochbarriere-Papierverpackung „Bluemorph“.
Bisher nutzte One.Five den Ansatz vor allem intern, künftig soll damit ein eigenständiges Geschäftsmodell geschaffen werden. So soll das Konzept unter dem Namen „Product Market Fit Compass“ als extern nutzbares Softwareprodukt zugänglich gemacht werden. Marken sowie Verpackungs- und Papierhersteller können damit selbst prüfen, welche Materialien und Verpackungslösungen die Anforderungen von Produkten, Regulierung und Markt erfüllen.
Was sagen Investoren?
Zu den Investoren der jüngsten Finanzierungsrunde gehören neben der Dr. Hans Riegel Holding GmbH die Unternehmen 212next, das Family-Office Symbia VC, Btomorrow Ventures, KIMPA Impact (Multi-Family-Office). Bestehende Investoren sind Speedinvest, Planet A, Green Generation Fund, Climentum Capital, Revent und WEPA.
Climentum-Capital-Partnerin Dörte Hirschberg sieht Potenzial in dem Geschäftsmodell: „Es wird an vielen neuen Materialien geforscht, aber die meisten funktionieren unter realen kommerziellen, regulatorischen und betrieblichen Bedingungen nicht.“ One.Five gehe das Thema aber systemisch an, statt einzelne Materialien isoliert zu betrachten.
Auch 212NexT verweist auf den wachsenden Druck in der Branche. Die Verpackungsindustrie müsse Innovationen schneller vorantreiben und zugleich steigende regulatorische Anforderungen erfüllen, sagt Caglar Urcan, General Partner bei 212NexT.
Wie geht es weiter?
Erste Kunden für die Plattform hat One.Five bereits gewonnen. Aktuell laufen Pilotprojekte mit zwei Papierherstellern. „Wir haben uns zunächst ganz bewusst auf den ersten Schritt in der Lieferkette konzentriert – auf die Hersteller der Papiere“, sagt Mitgründerin Claire Hae-Min Gusko.
In einem nächsten Schritt plant das Start-up, weiter in die Wertschöpfungskette vorzudringen, etwa zu Veredlern und klassischen Verpackungsherstellern, langfristig auch zu Markenunternehmen. „Unser langfristiges Ziel ist es, dass wir schnell wie eine tatsächliche Plattform agieren können, weil wir so verschiedene Hersteller aus der Lieferkette zusammenbringen“, sagt Gusko.
Das frische Kapital soll vor allem in die Weiterentwicklung der Plattform fließen. „Primär investieren wir in die Plattformentwicklung und den Ausbau unserer Datenbasis“, sagt Gusko. Daneben will One.Five auch eigene Verpackungslösungen vertreiben, um den Kontakt zu Markenkunden zu intensivieren.