WochenendeMehr Lob für das, was wir nicht getan haben!

Außerdem: Wann gibt es Frieden? Was wurde aus Alete? Und wie macht Führen wieder Spaß? Willkommen in der (fast) fußballfreien Zone am Wochenende.Charlotte Morré 05.07.2024 - 13:28 Uhr

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich habe festgestellt: Ich werde zu selten gelobt. Ich habe mich zum Beispiel dagegen entschieden, Ihnen einen pseudo-metamäßigen Text über die große Kunst des Verlierens oder Ähnliches zum Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft zu schreiben. Ich war nie in irgendwelche Cum-Ex-Geschäfte verwickelt. Ich habe mir nicht mal mit 18 ein Arschgeweih stechen lassen, obwohl viele andere, die ich toll fand, eines hatten. Hat deshalb der Bundespräsident angerufen? Oder wird mir zumindest regelmäßig auf die Schulter geklopft? Natürlich nicht.

Das finde ich unfair. Denn an anderer Stelle beobachte ich derzeit, wie exzessiv Menschen für Dinge gelobt werden, die sie nicht getan haben.

Neulich musste ich beispielsweise kurzfristig einen lang geplanten Wochenendtermin absagen. Ich habe mich mit dieser Entscheidung sehr schwergetan, der Termin war mir wichtig. Dementsprechend ewig habe ich mich vor der Absage gedrückt.

Aus meiner Sicht wären die folgenden Reaktionen auf meinen Ausstieg angemessen gewesen: Genervtheit, Enttäuschung, vielleicht auch Wut. Stattdessen bekam ich: Lob. Lob dafür, dass ich „Nein“ sage. Es fielen Formulierungen wie „Self-Care“ und „auch mal an sich denken“. Das war kurzfristig sehr nett und sicher besser, als am Telefon angeschrien zu werden. Mittelfristig grübele ich nun allerdings darüber, was es für mein weiteres Leben bedeutet.

Wenn „mal an sich denken“ und Neins derartige Euphorie-Ausbrüche verursachen – sollte ich das nicht vielleicht noch viel öfter tun? Ich könnte dem Kollegen Sven Prange zum Beispiel sagen, dass ich diesen Newsletter doch nicht mehr schreibe, weil ich einfach mal Me-Time brauche. Meinem Chef mitteilen, dass ich lieber Eiskunstläuferin werden möchte, anstatt eine KI-Strategie zu entwickeln. Meine Kinder nicht mehr vom Kindergarten abholen, weil ich Nein sage zur Betreuungssituation in Deutschland. Dafür erwarte ich dann exzessives Lob.

Aber hoffen Sie jetzt nicht auf Lob von mir, wenn Sie Nein zu diesem Newsletter sagen und unseren zehn folgenden Leseempfehlungen. Ich muss da einfach mal an mich denken.

Ihre Charlotte Haunhorst

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