Pegida und Flüchtlingsandrang: Kanada warnt vor Reisen nach Ostdeutschland
Montags ist Pegida-Tag: Noch immer demonstrieren Pegida-Anhänger in Dresden.
Foto: AFPBerlin. Die Regierung in Kanada hat eine Reisewarnung für Ostdeutschland herausgegeben. Darin ist die Rede von extremistischen Jugendbanden, die in Teilen Ostdeutschlands eine Bedrohung darstellten. Mitglieder solcher Gangs seien bekannt dafür, Personen wegen ihrer Rasse oder ihres ausländischen Aussehens zu belästigen oder direkt zu attackieren. Auch habe es schon Brandanschläge auf parkende Fahrzeuge gegeben.
In den Hinweisen wird auch vor Demonstrationen gewarnt, die „plötzlich“ in gewalttätige Auseinandersetzungen umschlagen können. „Meiden Sie alle Demonstrationen und Großveranstaltungen, befolgen Sie die Hinweise der Behörden und verfolgen sie die Berichterstattung in lokalen Medien.“
Die Regierung weist zudem auf einen „signifikanten Anstieg“ der Zahl von Migranten und Flüchtlingen in Europa hin. Einige Länder, darunter auch Deutschland, hätten bereits Störungen im Personenzugverkehr gemeldet. Auch Fährhäfen und Bahnhöfe seien betroffen. Große Verzögerungen gebe es auch an den Grenzübergängen.
Die Situation stelle auch ein Nährboden für Demonstrationen dar, die in gewalttätige Auseinandersetzungen münden könnten - vor allem an Bahnhöfen und anderen Verkehrsknotenpunkten. „Wenn Sie in der Region unterwegs sind, informieren sie sich in den lokalen Nachrichten und befolgen Sie die Hinweise der lokalen Behörden, und kontaktieren Sie Ihren Reiseveranstalter, um zu klären, ob Ihre Reise beeinträchtigt werden könnte“, heißt es in dem Hinweis der Regierung.
Die Sachsen-CDU reagiert empört auf die Reisewarnung. „Das entspricht nicht der Realität und ist extrem rufschädigend“, sagte der Generalsekretär der sächsischen CDU und Vize-Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion, Michael Kretschmer, dem Handelsblatt. „Deutschland muss dieser Beurteilung entschieden entgegen treten.“
Der Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz kritisierte die Warnung als zu pauschal und undifferenziert. „Aber eines stimmt: Rechtsextreme, Rassisten und Nazis agieren nicht nur verwerflich, sie schaden Deutschland“, sagte von Notz dem Handelsblatt. „Man sieht, dass es für unser Land sehr wichtig ist, sich gesamtgesellschaftlich und mit aller Kraft und Entschiedenheit dem Rassismus und der rechter Gewalt entgegenzustellen, ob sie nun in Ost- oder Westdeutschland auftritt.“
Erst vor zwei Wochen warnten auch die USA ihre Bürger vor Behinderungen bei der Ein- und Ausreise nach Deutschland wegen der Flüchtlingskrise. In einer Mitteilung der US-Botschaft in Berlin wurde darauf verwiesen, dass zusätzliche Kontrollpunkte errichtet und Grenzübergänge auch vorübergehend geschlossen werden könnten. Auf Straßen und Schienen sei auch kurzfristig eine Unterbrechung des Verkehrs möglich. „Dies könnte Verzögerungen und Unannehmlichkeiten für Reisende mit sich bringen, die Deutschland per Bus, Auto oder Zug betreten oder verlassen wollen.“ Die Botschaft empfahl deshalb, die Verkehrsnachrichten aufmerksam zu verfolgen und über Ausweichstrecken oder andere Transportmittel nachzudenken.
Die Warnung aus Kanada konkret für Ostdeutschland kommt nicht von ungefähr. Die ausländerfeindliche Pegida-Bewegung verzeichnet in Dresden in Sachsen weiter Zulauf. Kurz vor dem ersten Jahrestag ihrer Gründung Mitte Oktober brachten die selbst ernannten Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes am Montagabend nach Schätzungen von dpa-Reportern etwa 10.000 Menschen auf die Straße.
Studenten der TU Dresden, die seit Monaten die Teilnehmerzahlen auswerten und bei Twitter unter @durchgezaehlt veröffentlichen, kamen bei ihren Schätzungen auf bis zu 9.000 Menschen. Polizei und Stadtverwaltung geben keine Zahlen bekannt.
Auf dem Theaterplatz vor der Semperoper machten unter anderem Pegida-Chef Lutz Bachmann und der Schweizer Rechtspopulist Ignaz Bearth Stimmung gegen Ausländer, Politiker und Journalisten. Gegendemonstranten waren nicht zu sehen.
Während der Demonstration am Montag wurden zwei Journalisten angegriffen. Wie eine Polizeisprecherin am Dienstag in Dresden sagte, soll ein Fotograf von Teilnehmern der Demo geschlagen, ein anderer Journalist getreten worden sein. Zu den näheren Umständen konnte die Sprecherin zunächst keine Angaben machen.
Auch der Leipziger Pegida-Ableger Legida demonstrierte am Montagabend wieder. Zu Auseinandersetzungen zwischen dem Legida-Lager und Gegendemonstranten kam es diesmal laut Polizei nicht.
Die Flüchtlingskrise dürfte den Bewegungen weiter Auftrieb geben, zumal trotz der Wiedereinführung von Grenzkontrollen so viele Flüchtlinge nach Deutschland drängen wie nie zuvor. „Der September wird ein Rekordmonat dieses Jahres - und damit auch für die vergangenen Jahrzehnte“, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU).
Deutschland hatte Mitte September wieder Grenzkontrollen eingeführt. Wer Asyl beantragen will, wird dennoch aufgenommen. In den vergangenen vier Tagen seien täglich 8.000 bis 10.000 Flüchtlinge gekommen, sagte de Maizière. Zu den Gesamtzahlen für den September könne er erst in ein paar Tagen etwas sagen.
Bayern erwägt nach Angaben von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) inzwischen, im Alleingang „Notmaßnahmen“ zu ergreifen. Aus Kabinettskreisen hieß es, beispielsweise könnten Flüchtlinge abgewiesen werden, die aus anderen EU-Staaten einreisen wollen.
Nach der Gewalt unter Flüchtlingen in einer Unterkunft bei Kassel ist derweil eine Debatte darüber entbrannt, wie sich solche Vorfälle verhindern lassen. Politiker und Experten sprachen sich dagegen aus, Asylbewerber nach Herkunft, Sprache oder Religion zu trennen.